Kalifornien steht für Hollywood, Silicon Valley, Surfer, Wein und Goldrausch. Was dagegen kaum jemand mit dem „Golden State“ verbindet: Fast 30 Jahre lang existierte dort eine russische Kolonie.
Rund 145 Kilometer nördlich von San Francisco erinnert heute Fort Ross an diese ungewöhnliche Episode. Zwischen 1812 und 1842 gehörte die Siedlung zum sogenannten Russisch-Amerika und markierte den südlichsten dauerhaften Außenposten des Zarenreichs.
Selbst viele Kalifornier wissen davon kaum etwas. Der Anthropologe Kent Lightfoot von der University of California in Berkeley bezeichnet diese Episode deshalb als eine Art „vergessenes Imperium“. Während die spanische und mexikanische Vergangenheit Kaliforniens bekannt ist, sei die russische Präsenz weitgehend aus dem öffentlichen Bewusstsein verschwunden.
Russland kam einfach von der anderen Seite
Während Spanien, Großbritannien und andere europäische Mächte im 16. und 17. Jahrhundert nach Westen expandierten, marschierte Russland immer weiter nach Osten.
Bis in die 1640er-Jahre hatten russische Pelzhändler und Söldner Sibirien durchquert und den Pazifik erreicht.
Später entstanden dauerhafte russische Niederlassungen in Alaska. 1799 übertrug Zar Paul I. der Russisch-Amerikanischen Kompanie weitreichende Befugnisse. Das Unternehmen kontrollierte nicht nur den lukrativen Pelzhandel, sondern praktisch auch die russischen Besitzungen in Alaska.
Das Geschäftsmodell hatte allerdings einen kleinen Schönheitsfehler:
Die Pelze machten Geld – aber die Kolonisten wurden nicht satt.
In großen Teilen Alaskas war Landwirtschaft schwierig. Also blickten die Russen Richtung Süden.
Und dort lag Kalifornien.
1806 tauchen plötzlich Russen in San Francisco auf
Im April 1806 segelte Nikolai Rezanov, Direktor der Russisch-Amerikanischen Kompanie, mit seinem Schiff „Juno“ in die Bucht von San Francisco.
Seine Kolonie litt unter Lebensmittelmangel, seine Mannschaft war vom Skorbut geschwächt.
Als ein spanischer Soldat wissen wollte, wer da eigentlich gerade in den Hafen einlief, kam die knappe Antwort:
„Russland.“
Für die Spanier war das keineswegs völlig überraschend.
Spanien beanspruchte Kalifornien bereits seit 1542, begann aber erst 1769 mit einer stärkeren tatsächlichen Besiedlung. Ein wesentlicher Grund dafür war nach Einschätzung des Anthropologen Lightfoot die Sorge, dass Russen aus Alaska immer weiter nach Süden vordringen könnten.
Damit hatten die Russen indirekt sogar Einfluss auf die Entwicklung von Städten wie San Diego, Santa Barbara, Monterey und San Francisco.
Eine Verlobung rettet hungrige Russen
Rezanov fand in Kalifornien schließlich Lebensmittel für die hungernden Siedler in Alaska.
Dabei half ihm eine bemerkenswerte persönliche Verbindung: Der damals 42-Jährige verlobte sich mit der 15-jährigen Tochter des spanischen Kommandanten von San Francisco.
Während seines sechswöchigen Aufenthalts gelang es ihm, ausreichend Lebensmittel zu beschaffen.
Doch Rezanov erkannte noch etwas anderes: Die nordkalifornische Küste war vergleichsweise schwach verteidigt – und das Klima erheblich angenehmer als in Sibirien oder Alaska.
Damit entstand die Idee einer russischen Expansion nach Kalifornien.
1812 wird Fort Ross gegründet
Sechs Jahre später wurde aus der Idee Realität.
1812 ließen sich 25 Russen und 80 indigene Jäger aus Alaska an der heutigen Küste des Sonoma County nieder.
Sie errichteten auf einem Plateau über dem Pazifik eine Siedlung aus kalifornischem Redwood-Holz – unter der Flagge mit dem Doppeladler des Zaren.
Der Name Fort Ross leitete sich von „Rossiya“, also Russland, ab.
Eigentlich sollte die Kolonie vor allem eines leisten:
Essen produzieren.
Fort Ross sollte zur Kornkammer für die russischen Niederlassungen in Alaska werden.
Doch daraus entwickelte sich wesentlich mehr.
Russischer Wilder Westen am Pazifik
Im Zentrum der Siedlung stand eine befestigte Anlage mit einer rund 3,6 Meter hohen Palisade.
Dort lebten hochrangige russische Soldaten, Offiziere und Mitarbeiter der Handelsgesellschaft. Kanonen sicherten den Außenposten gegen einen möglichen spanischen Angriff.
Zu einem Krieg zwischen Russen und Spaniern kam es allerdings nie.
Im Gegenteil: Beide Seiten lagen am äußersten Rand ihrer jeweiligen Imperien und brauchten einander.
Also wurde gehandelt – teilweise illegal.
Russland und Spanien spielten damit gewissermaßen geopolitische Rivalen am Vormittag und Geschäftspartner am Nachmittag.
Seeotterfelle waren das große Geschäft
Das wichtigste Exportprodukt waren zunächst Seeotterfelle.
Ein einziges Fell konnte damals rund 100 Dollar wert sein – ungefähr so viel wie ein Farmer in Pennsylvania innerhalb eines ganzen Jahres verdiente.
Die Felle gingen nach China, Europa und in das spanische Kalifornien.
Fort Ross wuchs schließlich auf rund 60 Gebäude an und verfügte unter anderem über Bäckereien, russische Dampfbäder und eine orthodoxe Kirche.
Eine erstaunlich internationale Kolonie
Bis in die 1830er-Jahre lebten fast 400 Menschen in und um Fort Ross.
Die Bevölkerung war ausgesprochen vielfältig.
Indigene Jäger aus Alaska lebten mit Frauen aus Kalifornien zusammen. Menschen russischer und europäischer Herkunft heirateten Angehörige der Kashaya Pomo und Coast Miwok. Handwerker kamen teilweise aus Finnland oder sogar Hawaii.
Nach Einschätzung der im Bericht zitierten Forscher war Fort Ross damit zeitweise einer der vielfältigsten Orte Kaliforniens.
Allerdings bleibt es natürlich eine Kolonialgeschichte – einschließlich der wirtschaftlichen Ausbeutung indigener Arbeitskräfte und natürlicher Ressourcen.
Die Russen bauen Schiffe, Glas und Windmühlen
Technologisch hinterließ Fort Ross bemerkenswerte Spuren.
Dort wurden laut Bericht die ersten hochseetauglichen Schiffe Kaliforniens gebaut.
Auch die ersten Ziegel, das erste Glas und die ersten Windmühlen Kaliforniens sollen dort hergestellt worden sein.
Fort Ross entwickelte sich dadurch zu einem wichtigen Produktionszentrum.
Die Russen verkauften ihre Waren an spanische und später mexikanische Nachbarn und erhielten dafür Lebensmittel für Alaska.
Ironischerweise halfen sie damit ausgerechnet ihren geopolitischen Konkurrenten dabei, Kalifornien weiterzuentwickeln.
Russland träumte von noch viel mehr Amerika
Fort Ross hätte sogar Ausgangspunkt einer wesentlich größeren russischen Expansion werden können.
Innerhalb der Russisch-Amerikanischen Kompanie gab es Forderungen, weitere Teile der nordamerikanischen Westküste zu annektieren.
1821 beanspruchte Zar Alexander I. per Dekret russische Kontrolle über Gebiete von Alaska bis in das heutige Oregon.
Washington war davon wenig begeistert.
John Quincy Adams, der später sechster US-Präsident wurde, protestierte gegen die russischen Ansprüche. Die Auseinandersetzung trug laut Bericht zur Entwicklung eines Grundgedankens der späteren Monroe-Doktrin bei: Die amerikanischen Kontinente sollten nicht zum Schauplatz neuer europäischer Kolonialprojekte werden.
Mit anderen Worten:
Die USA sagten den Europäern irgendwann: Amerika gehört nicht mehr auf eure imperiale Einkaufsliste.
Sogar Kaliforniens Wein hat eine russische Fußnote
Und dann gibt es noch eine besonders kalifornische Hinterlassenschaft.
Wein.
1817 pflanzten die Russen laut Sonoma-Weinhistorikerin Megan Jones die ersten Weintrauben im heutigen Sonoma County.
Russische Händler brachten die sogenannte Mission-Traube in die Region und produzierten kleine Mengen Rotwein.
Heute gehört Sonoma zu den berühmtesten Weinregionen der USA.
Damit könnte man überspitzt sagen:
Bevor Kalifornien Hollywood hatte, hatten die Russen dort schon Rotwein.
Wirtschaftlich war Fort Ross trotzdem ein Flop
Bei aller Innovationskraft scheiterte Fort Ross ausgerechnet an seinen beiden wichtigsten Aufgaben.
Die Kolonie wurde weder dauerhaft profitabel noch konnte sie Alaska ausreichend mit Lebensmitteln versorgen.
Die Seeotter wurden so intensiv gejagt, dass ihre lokale Population Anfang der 1820er-Jahre praktisch zusammenbrach.
Und die Landwirtschaft kämpfte mit Küstennebel und Nagetieren. Zwischen 1826 und 1833 wurden im Durchschnitt lediglich rund 13 Tonnen Weizen jährlich produziert.
Als schließlich die britische Hudson’s Bay Company ab 1839 begann, Russisch-Alaska aus ihren Gebieten im pazifischen Nordwesten mit Lebensmitteln zu versorgen, verlor Fort Ross endgültig seinen strategischen Sinn.
Für 30.000 Dollar war Russisch-Kalifornien Geschichte
1841 verkauften die Russen Gebäude und Vermögenswerte von Fort Ross für 30.000 Dollar an den Schweizer Einwanderer John Sutter.
Der verwendete Teile der Gebäude später für seine neue Siedlung in Sacramento.
Und dann kommt eine jener historischen Pointen, die man sich kaum besser ausdenken könnte:
Nur sieben Jahre nachdem die Russen Kalifornien verlassen hatten, wurde auf Sutters Besitz Gold entdeckt.
Der kalifornische Goldrausch begann.
Die Russen waren also jahrzehntelang dort.
Sie jagten Otter.
Sie bauten Schiffe.
Sie pflanzten Wein.
Sie errichteten eine Festung.
Und kurz nachdem sie alles verkauft hatten:
Gold.
Timing ist eben auch in der Weltgeschichte alles.
Russlands Spuren sind bis heute sichtbar
Noch heute erinnern zahlreiche Orte an diese Zeit.
San Franciscos berühmtes Viertel Russian Hill verdankt seinen Namen Gräbern russischer Seeleute, die während des Goldrauschs entdeckt wurden.
In Bodega Bay erinnert eine Gedenktafel an die russischen Schiffe, die von dort nach Alaska segelten.
Und durch das Russian River Valley kommen heute jedes Jahr mehr als eine Million Besucher.
Fort Ross selbst steht noch immer hoch über dem Pazifik.
Ein Stück Zarenreich mitten in Kalifornien.
Und eine Erinnerung daran, wie anders die Landkarte Nordamerikas möglicherweise hätte aussehen können, wenn das russische Experiment wirtschaftlich erfolgreicher gewesen wäre.
Kalifornien hätte dann vielleicht nicht nur einen Russian River und einen Russian Hill – sondern eine deutlich größere russische Fußnote in seiner Geschichte.
Kommentar hinterlassen