Österreichs Gasspeicher sind derzeit zu rund 67 Prozent gefüllt.
Das klingt zunächst nicht dramatisch.
Bis man dazusagt, dass der Füllstand Anfang September des Vorjahres bereits bei mehr als 80 Prozent lag.
Und bis man berücksichtigt, dass der Gaspreis inzwischen auf über 80 Euro je Megawattstunde gestiegen ist – den höchsten Stand seit Beginn des Iran-Krieges.
Trotzdem lautet die offizielle Botschaft aus dem Energieministerium:
Österreich sei gut gerüstet.
Man darf zumindest fragen:
Wie beruhigend ist „gut gerüstet“, wenn die Speicher deutlich schlechter gefüllt sind als im Vorjahr und die Preise gleichzeitig kräftig steigen?
Weniger Vorrat, höhere Preise
Die Erklärung für die schwächeren Speicherstände klingt zunächst wirtschaftlich nachvollziehbar.
Gas war wegen des Iran-Krieges teuer.
Für Händler war es deshalb wenig attraktiv, große Mengen zu hohen Preisen einzulagern.
Viele setzten offenbar darauf, dass die Preise später wieder fallen würden.
Also wurde gewartet.
Das Problem:
Der Markt hatte andere Pläne.
Statt günstiger zu werden, verteuerte sich Gas weiter.
Damit steht Europa nun mit vergleichsweise schwächeren Vorräten und höheren Preisen da.
Was kurzfristig wie eine vernünftige Handelsentscheidung aussah, kann sich im Winter als ziemlich teures Glücksspiel herausstellen.
Deutschland noch schlechter – aber das macht Österreich nicht automatisch gut
In Deutschland sind die Füllstände laut Bericht historisch niedrig.
Österreich steht mit 67 Prozent besser da.
Das ist erfreulich.
Aber es ist kein überzeugendes Argument, wenn die eigene Lage ebenfalls schlechter ist als in den Vorjahren.
Wenn der Nachbar nur 50 Liter im Tank hat und man selbst 67, bedeutet das schließlich nicht automatisch, dass man entspannt durch den Winter kommt.
Entscheidend ist nicht, wer schlechter dasteht.
Entscheidend ist, ob die eigenen Reserven ausreichen, wenn der Winter kalt wird, Lieferungen ausfallen oder die Preise weiter steigen.
Ministerium verbreitet Zuversicht
Energieminister Wolfgang Hattmannsdorfer erklärt, Österreichs Öl- und Gasspeicher seien im internationalen Vergleich gut gefüllt und die Versorgung aktuell gesichert.
Das Wort „aktuell“ ist dabei wichtig.
Aktuell ist September.
Der energieintensive Teil des Jahres beginnt erst.
Der Minister verspricht, bei Bedarf rasch zu handeln und verweist darauf, dass die Beratungen angesichts der jüngsten Lageverschärfung intensiviert worden seien.
Auch das klingt zunächst beruhigend.
Allerdings drängt sich eine unangenehme Frage auf:
Warum muss man „rasch handeln“, wenn man angeblich so gut vorbereitet ist?
Beides kann gleichzeitig stimmen.
Man kann grundsätzlich vorbereitet sein und trotzdem auf neue Risiken reagieren müssen.
Aber genau deshalb sollte die Regierung klarer erklären, worin diese Vorsorge konkret besteht.
Was heißt eigentlich „wir haben vorgesorgt“?
Der Satz klingt gut.
Aber Verbraucher brauchen mehr als Beruhigungsformeln.
Wie viel Gas steht tatsächlich zur Verfügung?
Wie lange würden die aktuellen Vorräte bei einem kalten Winter reichen?
Welche Reserven sind staatlich abgesichert?
Welche Lieferverträge bestehen?
Was passiert bei weiteren Preissteigerungen?
Und wie hoch ist das Risiko, dass die gestiegenen Großhandelspreise bei Haushalten und Unternehmen ankommen?
Solche Fragen sind wichtiger als die reine Prozentzahl eines Speichers.
Denn 67 Prozent sagen wenig, wenn gleichzeitig nicht erklärt wird, wie hoch Verbrauch, Nachschub und Krisenreserve sind.
Das Risiko tragen am Ende nicht die Händler allein
Besonders kritisch ist die Logik hinter den niedrigen Füllständen.
Händler haben weniger eingespeichert, weil Gas teuer war und sie auf fallende Preise spekulierten.
Das ist marktwirtschaftlich nachvollziehbar.
Aber sollte die Versorgung eines Landes tatsächlich davon abhängen, ob private Marktteilnehmer darauf wetten, dass Energie morgen billiger wird?
Wenn die Wette aufgeht, freuen sich die Händler.
Wenn sie nicht aufgeht, steigen Preise und Versorgungsrisiken für alle.
Spätestens seit der Energiekrise der vergangenen Jahre sollte eigentlich bekannt sein, dass Versorgungssicherheit nicht ausschließlich eine Handelsfrage sein kann.
Der Winter wird zeigen, wie belastbar die Beruhigung ist
Noch gibt es keinen Grund für Panik.
67 Prozent Speicherfüllstand sind nicht null.
Die Versorgung ist derzeit gesichert.
Und Österreich verfügt über erhebliche Speicherkapazitäten.
Aber ebenso wenig gibt es Grund, die Lage schönzureden.
Die Speicher sind schlechter gefüllt als im Vorjahr.
Der Gaspreis steigt.
Geopolitische Risiken nehmen zu.
Und Europa bleibt bei Energie weiterhin empfindlich gegenüber Krisen außerhalb seines direkten Einflusses.
Deshalb wäre weniger Beruhigungsrhetorik und mehr Transparenz angebracht.
„Wir sind gut gerüstet“ ist eine nette Botschaft.
Noch besser wäre:
Wie gut genau?
Denn spätestens wenn der Winter kalt wird, entscheidet nicht die Pressemitteilung über die Versorgungssicherheit.
Sondern das Gas, das tatsächlich im Speicher liegt.
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