Zehn Jahre nach Bekanntwerden des VW-Dieselskandals ist noch immer kein Schlussstrich in Sicht. Der Skandal, der 2015 in Wolfsburg begann, hat längst globale Dimensionen erreicht – mit einem finanziellen Schaden von mittlerweile rund 33 Milliarden Euro und einem juristischen Nachspiel, das ganze Gerichte überfordert.
Braunschweig als Zentrum der Aufarbeitung
Wer das Ausmaß der Affäre begreifen will, muss nach Braunschweig blicken. Dort stapeln sich die Akten in den Gerichtsarchiven meterhoch, jede einzelne davon mit der Aufschrift „Beklagte: Volkswagen AG“. Hinter jedem Deckblatt steckt die Geschichte eines Kunden, der sich betrogen fühlt – weil sein Fahrzeug mit einer illegalen Abschalteinrichtung ausgestattet war, die Abgaswerte auf dem Prüfstand manipulierte, während auf der Straße ein Vielfaches an Schadstoffen ausgestoßen wurde.
Allein am Landgericht Braunschweig gingen 43.000 Einzelklagen ein. Gerichtssprecher Benedikt Eicke spricht von einer „Herausforderung auf allen Ebenen“, um die Flut an Verfahren überhaupt bewältigen zu können. Immerhin zeichnet sich ab, dass noch in diesem Jahr die letzten Verfahren abgeschlossen werden könnten.
33 Milliarden Euro – und das Ende ist nicht erreicht
Nach Berechnungen von Wirtschaftsexperten summieren sich die Kosten aus Schadensersatzklagen, Vergleichszahlungen, Bußgeldern und Rückrufaktionen inzwischen auf über 33 Milliarden Euro. Damit ist der Dieselskandal einer der teuersten Industrieskandale der Weltgeschichte.
Doch selbst nach einer Dekade bleibt der Schaden nicht nur finanziell: Das Vertrauen vieler Verbraucher in den Konzern und in die deutsche Automobilindustrie insgesamt hat tiefen Kratzer erlitten. Zwar fährt Volkswagen inzwischen wieder hohe Gewinne ein und investiert massiv in Elektromobilität, doch der „Dieselgate“-Makel haftet dem Konzern nach wie vor an.
Suche nach Verantwortlichen
Juristisch wie moralisch ist die Aufarbeitung nicht abgeschlossen. Zahlreiche Verfahren gegen frühere VW-Manager laufen noch, andere sind bereits eingestellt oder mit milden Urteilen beendet worden. Kritiker bemängeln, dass die Suche nach den wirklichen Drahtziehern und den Verantwortlichkeiten in den Chefetagen nur halbherzig betrieben wurde.
Für viele Betroffene bleibt der Eindruck, dass Kunden und Steuerzahler am Ende den Großteil der Last tragen – während sich die Verantwortlichen hinter juristischen Feinheiten und Unternehmensstrukturen verstecken konnten.
Auswirkungen auf die Branche
Der Dieselskandal gilt heute als Wendepunkt in der deutschen Automobilgeschichte. Zum einen beschleunigte er den politischen und gesellschaftlichen Druck auf die Abkehr vom Verbrennungsmotor. Zum anderen zwang er die Industrie zu milliardenschweren Investitionen in alternative Antriebe – allen voran in die Elektromobilität.
Gleichzeitig hat er gezeigt, wie verwundbar selbst ein globaler Konzern durch unternehmerische Fehlentscheidungen und systematisches Fehlverhalten werden kann.
Fazit
Zehn Jahre nach „Dieselgate“ ist der Fall VW ein Mahnmal: für Verbraucher, die sich nicht blind auf Werbeversprechen verlassen sollten; für Investoren, die bei Nachhaltigkeit und Compliance genauer hinsehen müssen; und für Politik und Aufsichtsbehörden, die strenger kontrollieren sollten.
Der Skandal hat die Automobilbranche verändert – doch die juristische und moralische Aufarbeitung ist noch lange nicht abgeschlossen.
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