Es begann nicht in einer Kirche. Nicht bei einem Gottesdienst. Nicht einmal bei einer theologischen Debatte. Sondern in einer zerstörten Stadt im Nordirak.
Der britische Historiker Tom Holland, bekannt für seine Bestseller über das antike Griechenland und Rom, stand im Sommer 2016 in Sinjar. Die Stadt war wenige Monate zuvor von der Terrormiliz IS verwüstet worden. Häuser lagen in Trümmern, der Geruch des Todes hing in der Luft, Kirchen waren zerstört, Menschen gekreuzigt oder ermordet worden. Holland, der für ein BBC-Filmteam vor Ort war, musste die Dreharbeiten unterbrechen. Ihm wurde übel, ihm wurde schwindelig. Er konnte nicht mehr sprechen.
Dann fiel sein Blick auf etwas, das zwischen den Ruinen stehen geblieben war: ein Holzkreuz, hoch über den Trümmern einer zerstörten Kirche.
Was für die Kamera nur ein starkes Bild war, wurde für Holland zu einem Wendepunkt.
Denn der heute 58-Jährige war zu diesem Zeitpunkt längst kein gläubiger Christ mehr. Aufgewachsen in einem christlichen Elternhaus, hatte er sich schon früh vom Glauben entfernt. Aus dem Kind, das in der Sonntagsschule saß, war erst ein Atheist und später ein, wie er selbst sagte, „weichgespülter Agnostiker“ geworden. Wunder, Bibelgeschichten und christliche Dogmen erschienen ihm eher unerquicklich als überzeugend.
Doch während er an einem Buch über das Christentum arbeitete – ursprünglich aus nüchterner, historischer Perspektive –, begann sich etwas zu verschieben.
Die Macht des Kreuzes – und die Umkehrung der Welt
Tom Holland hatte sich über Jahre mit den Machtzentren der Antike beschäftigt: mit Spartanern, Römern, Kaisern, Feldherren. Er beschrieb sie als „Spitzenprädatoren“ einer Welt, in der Stärke alles bedeutete. In dieser Welt galt, frei nach dem antiken Historiker Thukydides: Die Starken tun, was sie können. Die Schwachen erleiden, was sie müssen.
Der IS, so erkannte Holland in Sinjar, handelte nach genau dieser Logik.
Die Terroristen ermordeten Männer, versklavten Frauen, zerstörten Kirchen und setzten Kreuzigungen als Machtdemonstration ein – ganz ähnlich wie einst die Römer. Und genau dort, inmitten dieser Gewalt, wurde Holland nach eigener Aussage plötzlich bewusst, was das Christentum historisch eigentlich bedeutet hatte.
Denn das Kreuz war im Römischen Reich kein religiöses Symbol, sondern das brutalste Zeichen staatlicher Erniedrigung. Es war reserviert für Sklaven, Kriminelle und Rebellen. Dass ausgerechnet dieses Instrument der Demütigung zum weltweit bekanntesten Symbol einer Religion werden konnte, war für Holland die eigentliche Revolution.
Das Christentum, so seine spätere Überzeugung, hatte die moralische Logik der Antike umgedreht: Nicht der Starke, sondern der Schwache. Nicht der Sieger, sondern der Leidende. Nicht Dominanz, sondern Barmherzigkeit.
In seinem 2019 erschienenen Buch „Dominion: How the Christian Revolution Remade the World“ formulierte Holland diese These mit Nachdruck: Viele Werte, die der Westen heute für selbstverständlich hält – Mitgefühl, Menschenwürde, Gleichheit, Menschenrechte –, seien nicht universell oder naturgegeben, sondern zutiefst christlich geprägt.
Selbst viele Atheisten, Agnostiker oder säkulare Humanisten, so Holland, lebten moralisch aus einem Erbe, das sie oft gar nicht mehr als christlich erkennen.
Ein Buch wie ein Donnerschlag
„Dominion“ schlug ein. Das Buch wurde in Großbritannien und darüber hinaus breit diskutiert. Für viele konservative Christen und Evangelikale war Holland plötzlich ein unerwarteter Kronzeuge: ein prominenter Historiker, kein Pastor, kein Apologet, sondern ein säkularer Intellektueller, der öffentlich erklärte, dass die westliche Moral ohne das Christentum kaum denkbar sei.
Kritik ließ nicht lange auf sich warten.
Humanisten und säkulare Denker widersprachen energisch. Die Vorstellung, dass Nächstenliebe, Mitgefühl oder Würde exklusiv christliche Erfindungen seien, sei historisch verkürzt und philosophisch gefährlich, hieß es. Moral, so ihre Gegenposition, könne sehr wohl auch ohne Gott begründet werden.
Holland kennt diese Einwände – und bleibt dennoch bei seinem Kernargument: Dass moderne westliche Gesellschaften tiefer vom Christentum durchdrungen sind, als sie selbst wahrhaben wollen.
Von der Krankheit zur offenen Frage nach dem Wunder
Doch Hollands Weg zurück zum Glauben verlief nicht nur über Geschichtsbücher und antike Quellen.
Im Dezember 2021 erhielt er eine Krebsdiagnose. Darmkrebs. Die Ärzte kündigten eine schwere Operation an. Es bestand die Gefahr gravierender Folgen, darunter Inkontinenz und Unfruchtbarkeit. Die Prognose war ernst.
Während er auf weitere Testergebnisse wartete, besuchte Holland an Heiligabend eine Mitternachtsmesse in der Londoner Kirche St. Bartholomew the Great – einer der ältesten Kirchen der Stadt, der eine Marienerscheinung im 12. Jahrhundert zugeschrieben wird.
Dort tat er etwas, das er seit seiner Kindheit nicht mehr getan hatte: Er betete inständig.
Später beschrieb er diesen Moment mit einem alten Sprichwort: „In Schützengräben gibt es keine Atheisten.“
Dann kamen die Ergebnisse. Der Krebs hatte nicht gestreut. Heute gilt Holland als krebsfrei.
War das ein Wunder?
Noch vor zwei Jahren hätte er wohl nüchterner geantwortet. Damals verwies er darauf, dass sein Bruder ihm einen Spezialisten vermittelt hatte – eine medizinisch plausible Erklärung also.
Heute klingt er vorsichtiger.
Er wolle nicht mit hundertprozentiger Sicherheit sagen, dass alles nur Zufall gewesen sei, sagt Holland inzwischen. Ihm gefalle „die schimmernde Möglichkeit des Übernatürlichen“. Und er gesteht sogar, dass ihn die Vorstellung berühre, vielleicht „ein marianisches Wunder“ erlebt zu haben.
Glaubt er an die Auferstehung?
Die entscheidende Frage drängt sich auf: Glaubt Tom Holland heute, dass Jesus tatsächlich von den Toten auferstanden ist?
Seine Antwort bleibt typisch für ihn – offen, tastend, nicht dogmatisch.
Er sagt, das Christentum hätte nie entstehen können, wenn die ersten Christen nicht überzeugt gewesen wären, dass am ersten Ostermorgen etwas „spektakulär Seltsames“ geschehen sei. Es falle ihm schwer zu glauben, dass Menschen so etwas gepredigt, aufgeschrieben und unter Todesgefahr verteidigt hätten, wenn sie es nicht für wahr gehalten hätten.
Und ist er heute Christ?
Früher wich Holland solchen Fragen eher aus. Noch vor wenigen Jahren nannte er sich einen „protestantischen Agnostiker“.
Heute sagt er deutlich: „Ich würde sagen, ich bin Christ.“
Doch statt sich über Dogmen zu definieren, spricht er lieber über Dichtung, Symbole und Geheimnis. Besonders wichtig ist ihm das Werk des walisischen Dichters R.S. Thomas, dessen Verse Zweifel und Glauben miteinander verschränken. Gerade diese Spannung scheint Holland anzusprechen: das Ringen, nicht die glatte Gewissheit.
Zwischen Zweifel und Glaube
Holland ist kein Bekehrter im klassischen Sinn. Kein Mann mit fertigen Antworten. Er spricht offen darüber, dass sein Glaube schwankt.
Es gebe Tage, sagt er, an denen er das alles glauben könne. Und andere, an denen er gar nichts davon spüre.
Gerade das macht seine Geschichte so bemerkenswert.
Denn auch die biblischen Osterberichte selbst sind keine glatten Triumpherzählungen. Die Jünger erkennen Jesus zunächst nicht. Einige reagieren mit Angst statt Freude. Frauen fliehen vom leeren Grab. Selbst am Beginn des Christentums stand nicht nur Gewissheit, sondern Verwirrung, Staunen, Furcht – und Zweifel.
Vielleicht ist es genau das, was Holland heute so fasziniert: Dass der Glaube nicht die Abwesenheit von Zweifel ist, sondern oft mitten durch ihn hindurchgeht.
Warum seine Geschichte gerade jetzt wirkt
Hollands Wandlung fällt in eine Zeit, in der viele Kirchen im Westen Mitglieder verlieren, Gottesdienste leerer werden und Europa oft als postchristlich gilt.
Und doch wirkt ausgerechnet ein britischer Historiker, der sich lange von Religion distanziert hatte, plötzlich wie ein unerwarteter Verteidiger des Christentums.
Seine Botschaft lautet nicht in erster Linie: „Glaubt an Wunder.“
Sondern eher: Schaut genauer hin, was das Christentum mit unserer Welt gemacht hat.
Für Holland ist das Kreuz kein dekoratives Symbol, sondern ein Angriff auf die alte Logik der Macht. Eine Provokation gegen jede Weltordnung, in der die Schwachen geopfert werden. Eine Erinnerung daran, dass Würde nicht von Stärke abhängt.
Und vielleicht ist das für ihn heute die eigentliche Pointe von Ostern: Dass selbst in einer Welt, in der Gewalt, Krieg und Zynismus weiter regieren, das Kreuz noch immer auf eine andere Möglichkeit verweist
Kommentar hinterlassen