Donald Trump verschiebt seit Jahren die Grenzen des politisch Sagbaren in den USA. Was früher selbst für harte Wahlkampf-Rhetorik als Tabubruch gegolten hätte, wird unter Trump regelmäßig zur Schlagzeile – und wenig später von großen Teilen der republikanischen Basis erstaunlich bereitwillig akzeptiert.
Die jüngsten Beispiele zeigen erneut, wie weit dieser Mechanismus inzwischen reicht.
Drohungen gegen Iran – und Zustimmung aus der republikanischen Basis
In den vergangenen Tagen sorgte Trump mit drastischen Aussagen zum Konflikt mit dem Iran für internationale Empörung. Zunächst drohte er damit, iranische Infrastruktur anzugreifen – darunter offenbar auch zivile Einrichtungen wie Kraftwerke. Anschließend verschärfte er seine Rhetorik weiter mit der Aussage:
„Eine ganze Zivilisation wird heute Nacht sterben.“
Selbst in Teilen des konservativen Lagers sorgten diese Aussagen für Unbehagen. Doch Umfragen zeigen: In der republikanischen Wählerschaft stießen solche Drohungen keineswegs auf breite Ablehnung – im Gegenteil.
Eine Quinnipiac-Umfrage ergab, dass 66 Prozent der Republikaner Luftangriffe auf Kraftwerke und andere zivile Infrastruktur im Iran unterstützen würden, falls Verhandlungen scheitern. Dass solche Angriffe völkerrechtlich hochproblematisch wären und als Kriegsverbrechen eingeordnet werden könnten, wurde in der Fragestellung allerdings nicht ausdrücklich erwähnt.
Bei Demokraten und Unabhängigen fiel das Meinungsbild komplett anders aus:
- Demokraten: 95 % dagegen
- Unabhängige: 77 % dagegen
Auch bei Trumps drastischer Drohung gegen die iranische „Zivilisation“ zeigte sich ein ähnliches Bild. Laut derselben Umfrage hielten 62 Prozent der Republikaner diese Aussage für „akzeptabel“.
Eine weitere Umfrage von CBS News/YouGov zeigte ebenfalls, dass unter Republikanern deutlich mehr Befragte Trumps Aussage gut fanden als schlecht. Fast die Hälfte bewertete sie positiv, nur rund ein Fünftel negativ.
Ein bekanntes Muster: Erst Tabubruch, dann Gewöhnung
Die aktuellen Reaktionen passen in ein Muster, das sich seit Jahren durch Trumps politische Karriere zieht:
Trump äußert eine extreme, rechtlich fragwürdige oder moralisch hoch problematische Position – und große Teile der republikanischen Basis folgen ihm, oft erstaunlich schnell.
Immer wieder wirkte es, als teste Trump damit bewusst aus, wie weit er gehen kann. Die Antwort seiner Anhänger lautet seit Jahren immer wieder: weiter, als viele für möglich hielten.
„Diktator für einen Tag“? Für viele Republikaner kein Problem
Als Trump 2023 sagte, er wolle „Diktator sein – aber nur für einen Tag“, wurde die Aussage später als Scherz relativiert.
Doch auch hier zeigte sich, wie stark sich die Grenzen des Akzeptablen verschoben haben:
Eine Umfrage der University of Massachusetts Amherst ergab damals, dass 74 Prozent der Republikaner die Vorstellung eines „Diktators für einen Tag“ als „gute Sache“ bewerteten.
Was früher ein politischer Super-GAU gewesen wäre, wurde von weiten Teilen seiner Partei nicht als Warnsignal, sondern als loyale Gefolgschaftsfrage behandelt.
Russland, NATO und die Bereitschaft zum Tabubruch
Ähnlich verhielt es sich, als Trump erklärte, er würde Russland ermutigen, mit NATO-Partnern „zu machen, was zur Hölle sie wollen“, wenn diese aus seiner Sicht nicht genug für Verteidigung zahlen.
Auch diese Aussage stellte einen fundamentalen Bruch mit zentralen Prinzipien westlicher Sicherheitspolitik dar.
Doch selbst hier war die republikanische Basis keineswegs geschlossen dagegen. Eine Quinnipiac-Umfrage zeigte damals:
- 38 Prozent der Republikaner unterstützten die Aussage
- 39 Prozent lehnten sie ab
- der Rest blieb unentschieden
Dass ein amerikanischer Präsident mit dem Gedanken spielt, autoritäre Aggression gegen NATO-Verbündete rhetorisch zu legitimieren, war also selbst innerhalb der GOP längst kein klarer Tabubruch mehr.
Dritte Amtszeit? Verfassungswidrig – aber trotzdem populär
Trump hat außerdem wiederholt – halb im Scherz, halb im Ernst – über eine dritte Amtszeit gesprochen, obwohl diese nach der US-Verfassung eindeutig ausgeschlossen ist.
Eine Reuters/Ipsos-Umfrage zeigte bereits vor einem Jahr:
- Mehr Republikaner lehnten die Idee zwar ab als unterstützten sie
- Aber dennoch befürworteten 44 Prozent der Republikaner, dass Trump diesen klar verfassungswidrigen Weg verfolgen sollte
Fast die Hälfte einer großen Partei zeigte sich also offen für einen offensichtlichen Verfassungsbruch – solange Trump davon profitiert.
Militärische Fantasien werden zur neuen Normalität
Seit seiner Rückkehr ins Amt verfolgt Trump einen deutlich aggressiveren und militärisch aufgeladenen außenpolitischen Kurs. Auch hier werden Vorschläge, die früher undenkbar gewesen wären, zunehmend in der republikanischen Basis normalisiert.
Beispiele:
Gaza
Als Trump die Idee einer faktischen US-Übernahme des Gazastreifens ins Spiel brachte, ergab eine Quinnipiac-Umfrage:
- 49 Prozent der Republikaner unterstützten den Vorschlag
Eine Reuters/Ipsos-Umfrage zeigte zudem:
- 41 Prozent unterstützten die Idee sogar dann, wenn sie mit einer Umsiedlung der Palästinenser verbunden wäre – also mit etwas, das Kritiker klar als ethnische Säuberung bezeichnen würden.
Mexiko
Eine Reuters/Ipsos-Umfrage vom vergangenen Monat ergab:
- 58 Prozent der Republikaner unterstützen Militärschläge gegen Drogenkartelle in Mexiko
- ausdrücklich auch ohne Zustimmung der mexikanischen Regierung
Anders formuliert: Mehr als die Hälfte befürwortet militärisches Vorgehen auf dem Territorium eines Nachbarstaats ohne dessen Einverständnis – also faktisch einen kriegerischen Akt.
Weitere Länder
Eine Marist-Umfrage im Januar zeigte:
Mindestens 7 von 10 Republikanern unterstützten militärisches Vorgehen gegen:
- Mexiko
- Kuba
- Iran
- Venezuela
Sogar bei Grönland, wo Trumps außenpolitische Fantasien oft besonders absurd wirken, lag die Zustimmung noch bei 57 Prozent.
Selbst klar rechtswidrige Ideen finden Rückhalt
Nicht nur außenpolitisch, auch innenpolitisch zeigt sich die gleiche Dynamik.
Als Trump vor einem Jahr sinngemäß andeutete, US-Bürger in Gefängnisse nach El Salvador bringen zu lassen – ein Vorstoß, der rechtlich offensichtlich unhaltbar erscheint –, zeigte eine Umfrage der Marquette University Law School:
- 64 Prozent der Republikaner unterstützten diese Idee
Damit verschiebt sich nicht nur die politische Debatte, sondern auch das Verhältnis großer Teile der Partei zu Rechtsstaatlichkeit und verfassungsrechtlichen Grenzen.
Die eigentliche Frage: Überzeugung oder Gefolgschaft?
Natürlich bleibt offen, wie tief die tatsächliche Zustimmung zu all diesen Positionen wirklich reicht.
Es ist gut möglich, dass viele Trump-Anhänger nicht primär die Inhalte lieben – sondern schlicht signalisieren wollen:
„Wenn Trump es sagt, stehe ich dahinter.“
Doch gerade das macht die Entwicklung so brisant.
Denn ob aus Überzeugung oder aus Loyalität:
Die politische Wirkung ist dieselbe.
Trump kann Positionen äußern, die früher als völlig untragbar gegolten hätten – und erhält dafür Rückendeckung aus seiner Partei.
Die Verschiebung des „Overton-Fensters“
Politikwissenschaftlich lässt sich das als Ausweitung des sogenannten Overton-Fensters beschreiben – also des Bereichs dessen, was in einer Gesellschaft als politisch diskutierbar oder akzeptabel gilt.
Trump geht dabei nach einem wiederkehrenden Muster vor:
- Er formuliert etwas Schockierendes
- Die Öffentlichkeit empört sich
- Teile seiner Basis verteidigen es
- Das vormals Undenkbare wird diskutierbar
- Das nächste Tabu fällt
So wird aus:
- einer Provokation
- eine Debatte
- aus der Debatte
- ein neuer Normalzustand
Fazit: Das eigentlich Erschreckende ist nicht nur Trump – sondern die Gewöhnung
Donald Trump ist nicht nur ein Politiker, der extreme Positionen äußert.
Er ist ein Politiker, der es seit Jahren schafft, die Grenze des politisch Vorstellbaren systematisch zu verschieben – und dabei große Teile der republikanischen Basis mitnimmt.
Ob es um:
- mögliche Kriegsverbrechen
- Drohungen gegen ganze Bevölkerungen
- diktatorische Anspielungen
- verfassungswidrige Machtfantasien
- militärische Abenteuer gegen andere Staaten
- oder offen rechtswidrige Vorschläge im Inland geht
… immer wieder zeigt sich das gleiche Muster:
Was gestern noch undenkbar war, ist heute in Teilen der GOP nur noch „starke Führung“.
Und genau das ist womöglich die eigentliche politische Sprengkraft.
Denn die gefährlichste Veränderung ist nicht nur, was Trump sagt –
sondern wie schnell sich ein Teil seiner Partei daran gewöhnt.
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