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„Wenn Anspruch Realität trifft – die BaFin auf dem Weg zur Aufsicht 4.0“

parveender (CC0), Pixabay
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Ein Gespräch mit Rechtsanwalt Jens Reime und Rechtsanwältin Kerstin Bontschev über die neuen strategischen Ziele der BaFin für 2026–2029

Frage: Herr Reime, Frau Bontschev, die BaFin hat zehn strategische Ziele bis 2029 veröffentlicht. Was ist Ihr erster Eindruck?

Jens Reime: Der Ansatz ist ambitioniert – und das ist gut so. Die BaFin zeigt den Willen, nicht nur als „Verwalterin des Status quo“ aufzutreten, sondern als Akteurin, die proaktiv Einfluss auf ein stabiles und faires Finanzsystem nimmt. Das ist ein Schritt in die richtige Richtung.

Kerstin Bontschev: Ich stimme zu. Besonders gefällt mir der Fokus auf Transparenz, Nutzerfreundlichkeit und Proportionalität. Gerade Letzteres war in der Vergangenheit ein häufiges Streitthema – etwa bei der Frage, ob kleine Finanzdienstleister unter dem gleichen Druck stehen müssen wie Großbanken. Das wird nun endlich als eigenständiges Ziel erkannt.

Frage: Die BaFin betont, dass sie nicht alles gleichzeitig beaufsichtigen kann. Ist diese Ehrlichkeit über Kapazitätsgrenzen aus juristischer Sicht problematisch?

Reime: Nein – im Gegenteil. Es wäre naiv zu glauben, eine Aufsicht könne alles und jeden in Echtzeit überwachen. Viel wichtiger ist, dass Risiken priorisiert und Aufsichtsschwerpunkte transparent gesetzt werden. Für betroffene Unternehmen und Berater schafft das Klarheit.

Bontschev: Und es erhöht auch die Kontrollierbarkeit der Behörde. Wenn ich als Anwältin weiß, auf welche Sektoren oder Themen sich die BaFin in den nächsten Jahren fokussiert, kann ich meine Mandanten gezielter vorbereiten – und notfalls auch effektiver prüfen lassen, ob Eingriffe überhaupt verhältnismäßig sind.

Frage: Neu ist das Ziel des Komplexitätsabbaus. Wie bewerten Sie das als Praktiker?

Bontschev: Ehrlich gesagt: längst überfällig. Ich sehe in der Beratung ständig, wie kleinere Marktteilnehmer an regulatorischen Anforderungen scheitern – nicht, weil sie böse Absichten hätten, sondern weil sie sich im Paragraphenlabyrinth verirren. Eine Entbürokratisierung hilft allen Seiten – auch der BaFin, denn weniger Komplexität bedeutet weniger Reibungsverluste.

Reime: Es ist auch ein Beitrag zur Wettbewerbsfähigkeit. Wenn Regulierung zu schwerfällig ist, wandern Finanzinnovationen ab – in liberalere Länder oder gleich ins unregulierte Internet. Die BaFin erkennt das Problem offenbar und will gegensteuern.

Frage: Die BaFin will ihre eigene Arbeit messbar machen. Wie realistisch ist das in der Praxis?

Reime: Ambitioniert, aber nicht unmöglich. Wichtig ist, dass die Messgrößen nicht zur kosmetischen Statistik verkommen. Erfolg muss sich nicht nur in Kennzahlen ausdrücken, sondern auch in Vertrauen und Funktionalität des Markts. Die Finanzaufsicht darf nicht zur Zielerreichungsmaschine werden, sondern muss handlungsfähig bleiben.

Bontschev: Und es muss externe Kontrolle geben – etwa durch Fachverbände, unabhängige Wissenschaft oder auch den Bundestag. Nur dann wird aus „wirksamem Handeln“ nicht irgendwann „selbstreferenzielle Selbsteinschätzung“.

Frage: Was bedeutet diese neue Strategie konkret für Anlegerinnen und Anleger?

Bontschev: Im Idealfall mehr Schutz, mehr Klarheit – und weniger Bürokratie bei der Durchsetzung ihrer Rechte. Wenn die Aufsicht transparenter und priorisierter vorgeht, steigt auch der Druck auf dubiose Anbieter.

Reime: Und wenn die BaFin sich klar zum Verbraucherschutz bekennt, wie in ihrer Vision formuliert, könnten Anleger beispielsweise bei betrügerischen Plattformen oder fehlgeschlagenen Kapitalanlagen schneller Hilfe erhalten – zumindest in Form von aktiver Aufklärung oder Druck auf Finanzintermediäre.

Frage: Was geben Sie der BaFin für diesen Strategieprozess mit auf den Weg?

Bontschev: Weniger PowerPoint, mehr Praxisnähe. Es geht nicht nur darum, gute Ziele zu formulieren, sondern sie auch im Alltag durchzusetzen – auch bei komplexen Themen wie ESG, Kryptoregulierung oder KI in der Finanzberatung.

Reime: Und ich wünsche mir: etwas mehr Mut zur echten Unabhängigkeit – gerade bei politischen oder wirtschaftlich heiklen Fällen. Eine Aufsicht ist nur dann stark, wenn sie auch gegen den Strom schwimmen kann, wenn es nötig ist.

Frage: Vielen Dank für das Gespräch.


Hintergrund:
Die BaFin hat am 11. Juli 2025 zehn strategische Ziele für die Jahre 2026–2029 vorgestellt. Darunter: Komplexitätsabbau, Digitalisierung, Risikoorientierung, Nutzerzentrierung und Stärkung der eigenen Wirksamkeit. Die Strategie soll der Aufsicht helfen, sich im zunehmend komplexen Finanzmarktumfeld gezielt auf relevante Themen zu fokussieren.

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