Nach Jahren der Skepsis und Nachwuchssorgen scheint die Bundeswehr eine deutliche Trendwende zu erleben: Immer mehr junge Menschen entscheiden sich freiwillig für den Wehrdienst. Bereits bis August dieses Jahres meldeten sich über 13.000 Männer und Frauen neu an – ein Rekordwert, der das anvisierte Jahresziel von 15.000 Wehrdienstleistenden fast erreicht.
Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) und Generalinspekteur Carsten Breuer zeigen sich erfreut über das gesteigerte Interesse: „Wir fahren alle Kapazitäten hoch, die man hochfahren kann“, erklärte Breuer in Berlin. Die Bundeswehr reagiere damit auf die „zunehmend angespannte sicherheitspolitische Lage“, die laut Breuer eine neue Wehrhaftigkeit erfordere.
Neuer Wehrdienst als „Einstiegstor“
Kern der neuen Strategie ist das vom Bundeskabinett verabschiedete Wehrdienstgesetz, das zum 1. Januar 2026 in Kraft treten soll. Es sieht eine moderne Kombination aus Wehrerfassung, Musterungspflicht und Freiwilligkeit vor – ein Modell, das viele an das System der früheren Wehrpflicht erinnert, aber auf neue gesellschaftliche Realitäten zugeschnitten ist.
Breuer unterstreicht, dass der neue Wehrdienst nicht nur zur Sicherung der Verteidigungsfähigkeit beitrage, sondern auch ein „Einstiegstor“ für langfristige Karrieren in der Truppe sei. „Viele, die sich zunächst nur für ein paar Monate verpflichten, entdecken ihren Beruf bei der Bundeswehr erst im Dienst“, so der Generalinspekteur.
Ziel der Bundesregierung ist es, bis 2029 jährlich 30.000 Wehrdienstleistende auszubilden und damit rund 110.000 neue Soldatinnen und Soldaten zu gewinnen. Parallel dazu soll der Bestand an aktiven Soldaten auf 260.000 steigen.
Linke fordert: NVA-Veteranen als Reservisten einbeziehen
Ein ungewöhnlicher Vorschlag kommt aus den Reihen der Linkspartei. Bundestagsabgeordneter Dietmar Bartsch regt an, auch ehemalige NVA-Soldaten der früheren DDR als Reservisten in den Dienst einzubinden. „Auch wenn diese Männer inzwischen über 50 Jahre alt sind, könnten sie in Bereichen wie dem Heimatschutz wertvolle Beiträge leisten“, sagte Bartsch der Süddeutschen Zeitung. Bartsch selbst war Fallschirmjäger in der Nationalen Volksarmee, die nach der Wiedervereinigung 1990 aufgelöst wurde.
Die Idee ist nicht ganz ohne Brisanz: Die NVA war einst das militärische Rückgrat der DDR und diente dem Schutz der sozialistischen Staatsordnung. Dennoch zeigt Bartschs Vorschlag, wie weit die Debatte über die Zukunft der Bundeswehr inzwischen reicht.
Heimatschutz wächst – auch mit Ungedienten
Neben der klassischen Truppe rücken auch die Heimatschutzregimenter stärker in den Fokus. Diese Einheiten bestehen überwiegend aus Reservisten und sollen im Krisenfall den Schutz kritischer Infrastruktur und Transportwege garantieren. In einigen Regionen werden bereits Ungediente – also Bürger ohne Bundeswehrerfahrung – zu Heimatschützern ausgebildet.
Von den rund 860.000 Menschen, die in Deutschland als Reservisten gelten, sind bislang nur etwa 40.000 tatsächlich beordert. Das Verteidigungsministerium will diese Zahl massiv erhöhen – nicht zuletzt, um in Zeiten wachsender Bedrohungslagen eine verteidigungsbereite Gesellschaft zu etablieren.
Ein Kraftakt für die Zukunft
Ob das ehrgeizige Ziel von 260.000 aktiven Soldaten und 200.000 beorderten Reservisten Realität wird, hängt nun vom politischen Willen, von gesellschaftlicher Unterstützung – und nicht zuletzt vom Tempo des Aufbaus neuer Ausbildungsstrukturen ab.
Fest steht: Die Bundeswehr erlebt einen seltenen Moment des Rückenwinds. Breuer bringt es auf den Punkt: „Wir stehen einer Bedrohung gegenüber, der wir etwas entgegensetzen müssen. Und dafür brauchen wir jeden, der bereit ist, seinen Beitrag zu leisten.“
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