Es ist eine dieser Geschichten, bei denen man sich nur noch fragen kann:
Merkt in diesen Institutionen eigentlich noch irgendjemand, wo das Geld landet?
Während Regierungen, Gesundheitsbehörden und große Gesundheitsorganisationen seit Jahren öffentlich vor Gesundheitsdesinformation warnen, haben genau diese Akteure gleichzeitig Millionenbeträge an Werbung auf Internetseiten platziert, die regelmäßig medizinischen Unsinn, Impfmythen und pseudowissenschaftliche Behauptungen verbreiten.
Mit anderen Worten:
Man warnt vor dem Feuer – und bezahlt parallel den Brandbeschleuniger.
Eine neue Studie der Yale University, veröffentlicht im Fachjournal JAMA Network Open, zeigt nun das ganze Ausmaß dieses digitalen Irrsinns. Demnach entfielen zwischen 2021 und 2024 mehr als 35,7 Millionen US-Dollar an Werbegeldern von Gesundheits- und Regierungsorganisationen auf 11 Websites, die nachweislich Gesundheitsdesinformation verbreiten.
Das ist kein peinlicher Einzelfehler.
Das ist ein strukturelles Versagen.
Erst warnen, dann zahlen – die absurde Logik des Systems
Zur Erinnerung: Bereits 2021, mitten in der Corona-Pandemie, warnte der damalige US-Surgeon-General Dr. Vivek Murthy eindringlich vor der Verbreitung von Gesundheitsdesinformation.
Seine Worte waren eindeutig:
- Gesundheitsdesinformation schade Menschen
- sie säe Misstrauen
- sie untergrabe öffentliche Gesundheitsmaßnahmen
- und ihre Eindämmung sei eine moralische und gesellschaftliche Pflicht
Alles richtig.
Nur leider lief im Hintergrund offenbar ein anderes Programm:
Automatisierte Werbesysteme spülten gleichzeitig Geld auf genau jene Seiten, die von Misstrauen, Verunsicherung und Wissenschaftsfeindlichkeit leben.
Und das ist der eigentliche Skandal.
Denn Gesundheitsdesinformation ist kein harmloser Internet-Klamauk.
Sie kann dazu führen, dass Menschen:
- Impfungen verweigern
- fragwürdige „Wundermittel“ kaufen
- echte Therapien ablehnen
- und medizinische Risiken völlig falsch einschätzen
Kurz gesagt:
Diese Seiten verdienen Geld daran, dass Menschen falsche Entscheidungen treffen – und seriöse Institutionen helfen dabei offenbar unfreiwillig mit.
35,7 Millionen Dollar für den digitalen Quacksalbermarkt
Die Forscher arbeiteten für die Untersuchung mit NewsGuard zusammen, einem Dienst, der Websites anhand journalistischer Kriterien bewertet und auf ihre Vertrauenswürdigkeit prüft.
Das Ergebnis:
Gesundheits- und Regierungsorganisationen machten mehr als 10 Prozent der Werbeeinnahmen dieser problematischen Seiten aus.
Das ist eine bemerkenswerte Zahl.
Denn damit reden wir nicht über ein paar versehentlich eingeblendete Banner.
Wir reden über einen relevanten Finanzierungsanteil eines Geschäftsmodells, das auf Klicks, Angst und pseudomedizinischem Unsinn basiert.
Besonders beliebt: Nahrungsergänzungsmittel, Wunderpillen und Wellness-Märchen
Besonders pikant ist, wer dort am häufigsten wirbt.
Laut Studie waren nicht verschreibungspflichtige Wellness- und Gesundheitsprodukte die größte Werbekategorie. Also genau jene schöne Grauzone aus:
- Supplements
- Energie-Booster
- Verdauungshelfern
- Diätversprechen
- Gehirnleistungs-Wundermitteln
- und sonstigen Marketingphantasien mit Pseudo-Gesundheitsanstrich
Allein diese Anbieter sollen zwischen 2021 und 2024 mehr als 19 Millionen US-Dollar auf solchen Seiten ausgegeben haben.
Das überrascht kaum.
Denn wer Produkte verkauft, die wissenschaftlich oft bestenfalls dünn belegt sind, fühlt sich im Umfeld von „Die Pharmaindustrie verschweigt Ihnen DIESE Wahrheit“-Websites vermutlich nicht ganz unwohl.
Aber auch seriöse Namen tauchen auf – und genau das macht es gefährlich
Noch problematischer wird es, wenn auf solchen Seiten nicht nur dubiose Kapselhändler auftauchen, sondern anerkannte Organisationen.
Die Studie nennt unter anderem:
- American Heart Association
- Alzheimer’s Association
- sowie sogar das US-Gesundheitsministerium (HHS)
Zwar liegen die Summen hier deutlich niedriger – im Fall der genannten Non-Profit-Organisationen teils unter 25.000 Dollar pro Jahr – doch der Schaden ist nicht nur finanziell messbar.
Denn was passiert, wenn auf einer Desinformationsseite plötzlich Werbung einer renommierten Gesundheitsorganisation erscheint?
Ganz einfach:
Die Seite wirkt seriöser, als sie ist.
Und genau das ist brandgefährlich.
Die Yale-Forscher formulieren es treffend:
Solche Anzeigen können das Vertrauen in Desinformationsangebote stärken – oder umgekehrt das Vertrauen in staatliche und seriöse Gesundheitsakteure schwächen.
Mit anderen Worten:
Wer auf einer Lügenplattform wirbt, verleiht ihr unfreiwillig einen Anstrich von Glaubwürdigkeit.
Die übliche Ausrede: „Automatisierte Werbung“
Natürlich reagierten die betroffenen Organisationen erwartbar.
Die Botschaft lautet sinngemäß überall gleich:
- Das sei unbeabsichtigt
- man arbeite mit automatisierten Werbesystemen
- man wolle Zielgruppen effizient erreichen
- vollständige Kontrolle über alle Platzierungen gebe es leider nicht
- man prüfe nachträglich und verbessere Filter
Klingt vertraut.
Und ist in Teilen sicher auch richtig.
Aber genau hier liegt doch das Problem:
Wenn ein System Milliarden verteilt, ohne dass man weiß, wo genau das Geld landet, dann ist nicht nur die Platzierung das Problem – dann ist das System selbst das Problem.
Man kann nicht ständig „digitale Effizienz“ predigen und sich dann überrascht zeigen, wenn der Algorithmus die eigene Marke zwischen Impfmythen und Wunderheilversprechen parkt.
Steuergeld auf Unsinnsseiten – und niemand will es gewesen sein
Besonders unerquicklich wird es beim Staat.
Denn wenn private Verbände oder Unternehmen ungewollt daneben greifen, ist das schon unerquicklich genug.
Wenn aber staatliche Stellen oder mit Steuergeld finanzierte Institutionen auf solchen Seiten landen, wird es politisch.
Denn dann darf man schon fragen:
- Wer kontrolliert die Ausspielung?
- Welche Blacklists gibt es?
- Wer genehmigt die Mediapläne?
- Wie oft wurde nachgesteuert?
- Und warum passiert so etwas über Jahre hinweg?
Die Antwort aus dem US-Gesundheitsministerium fiel erwartbar weich aus. Man arbeite nun unter neuer Führung „anders“, setze auf evidenzbasierte Wissenschaft und verantwortungsvollen Umgang mit Steuergeld.
Schön.
Nur wäre es noch schöner, wenn man das nicht erst sagen müsste, nachdem bereits Millionen in problematischen Werbeumfeldern gelandet sind.
Das Kernproblem: Technik ersetzt Verantwortung
Die eigentliche Lehre aus dieser Geschichte ist größer als nur die Frage nach ein paar Werbebannern.
Sie zeigt, wie sehr sich Institutionen – auch seriöse – inzwischen von digitalen Werbesystemen abhängig gemacht haben, die:
- effizient
- skalierbar
- günstig
- aber eben oft auch blind
sind.
Der Algorithmus optimiert auf Reichweite, Klicks und Zielgruppen.
Nicht auf Ethik.
Nicht auf Glaubwürdigkeit.
Nicht auf gesellschaftliche Verantwortung.
Und wenn niemand sauber kontrolliert, landet der Banner der Herzstiftung eben neben dem Artikel:
„Warum Ihr Arzt Ihnen die wahre Heilung verschweigt.“
Unser Fazit: Wer Desinformation bekämpfen will, darf sie nicht mitfinanzieren
Die Studie aus Yale ist ein Warnsignal – und zwar nicht nur für die USA.
Denn das Problem ist universell:
- automatisierte Werbung
- intransparente Ausspielung
- mangelhafte Kontrolle
- und Marken, Behörden oder Verbände, die plötzlich in toxischen Umfeldern auftauchen
Wer ernsthaft gegen Gesundheitsdesinformation kämpfen will, muss mehr tun als Pressemitteilungen schreiben und Sonntagsreden halten.
Er muss:
- Werbeplätze konsequent kontrollieren
- problematische Seiten systematisch ausschließen
- Agenturen und Plattformen haftbar machen
- und vor allem aufhören, sich hinter „automatisierten Prozessen“ zu verstecken
Denn am Ende gilt:
Wer Desinformation mit Geld versorgt, bekämpft sie nicht – er stabilisiert ihr Geschäftsmodell.
Und genau das ist der eigentliche Skandal.
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