Politische Debatten werden längst nicht mehr nur in Parlamenten, Talkshows oder Tageszeitungen geführt – sondern auch auf den Bildschirmen von Millionen Smartphones. Eine neue Studie der Bertelsmann-Stiftung zeigt, dass TikTok und Instagram inzwischen die wichtigsten Vermittler politischer Inhalte für junge Menschen sind. Damit verändert sich nicht nur, wo Jugendliche Politik erleben, sondern auch wie sie Politik verstehen und verarbeiten.
Junge Menschen holen sich Politik im Feed
Die Studie, die eine repräsentative Online-Befragung mit der Analyse von 31.000 Kurzvideos verband, liefert klare Zahlen:
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50 Prozent der jungen Nutzer gaben an, politische Inhalte hauptsächlich über den automatisch vorsortierten Feed zu konsumieren – also das, was Algorithmen ihnen vorschlagen.
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38 Prozent folgen aktiv Parteien oder Politikern.
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Noch wichtiger sind jedoch die Influencer: 60 Prozent der Jugendlichen orientieren sich an Content Creators, die politische Themen in verständliche, oft unterhaltsame Kurzclips verpacken.
Damit wird deutlich: Für viele Jugendliche sind es nicht die klassischen Parteien, sondern Influencer, die ihre Sicht auf Politik prägen.
Chancen: Politik erreicht die Jugend direkt
Die Reichweite der Plattformen birgt große Chancen. Nie zuvor war es einfacher, junge Menschen dort zu erreichen, wo sie täglich unterwegs sind. Komplexe Themen werden in Kurzvideos heruntergebrochen und mit Humor, Musik oder Memes aufbereitet. Dadurch sinkt die Hemmschwelle, sich überhaupt mit politischen Inhalten auseinanderzusetzen.
Gerade in Zeiten, in denen klassische Mediennutzung bei jungen Menschen massiv abnimmt, können TikTok und Instagram ein Tor zur politischen Bildung sein.
Risiken: Algorithmen steuern die Wahrnehmung
Doch die Studie warnt auch vor den Schattenseiten. Die Plattform-Algorithmen belohnen vor allem Inhalte, die Emotionen und Aufmerksamkeit erzeugen. Das führt oft dazu, dass Videos mit Zuspitzungen, Vereinfachungen oder gar Desinformation stärker verbreitet werden als sachliche Erklärungen.
Die Gefahr: Echokammern und verzerrte Weltbilder. Wer bestimmten Kanälen folgt, bekommt oft nur noch Inhalte präsentiert, die die eigene Meinung bestätigen. Kritische Differenzierungen gehen verloren.
Parteien im Kampf um Relevanz
Für klassische Parteien bedeutet das einen Spagat. Auf TikTok oder Instagram wird Authentizität erwartet – keine langen Reden oder komplizierten Pressemitteilungen. Stattdessen zählen kurze, verständliche Botschaften und oft auch ein gewisses Maß an Selbstironie.
Während einige Parteien Social Media inzwischen gezielt nutzen, tun sich andere schwer. Die Studie zeigt: Influencer sind oft glaubwürdiger als Parteivertreter, weil sie „auf Augenhöhe“ kommunizieren und keine klassische Politiksprache verwenden.
Demokratie im Wandel?
Politikwissenschaftler sehen diese Entwicklung mit gemischten Gefühlen. Einerseits ist es positiv, dass Jugendliche sich mehr für Politik interessieren, wenn diese in jugendgerechter Sprache aufbereitet wird. Andererseits besteht die Gefahr, dass politische Inhalte zunehmend nach den Logiken von Social Media gefiltert werden: kurz, laut, emotional.
Das könne auf Dauer zu einer „Eventisierung“ der Politik führen, bei der komplexe Zusammenhänge unter den Tisch fallen.
Fazit: Politik muss die Regeln der Plattformen verstehen
Die Studie macht deutlich: Social Media ist für junge Menschen das zentrale Tor zur Politik. Wer politisch etwas zu sagen hat, muss sich dort Gehör verschaffen – sonst bleibt er für eine ganze Generation unsichtbar.
Doch damit die Demokratie nicht unter die Räder der Plattform-Algorithmen gerät, sind mehr Medienkompetenz, Transparenz und Aufklärung nötig. Politik, Schulen und Eltern stehen hier gemeinsam in der Verantwortung.
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