Nach den US-Angriffen auf iranische Atomanlagen am 21. Juni wächst in der amerikanischen Bevölkerung die Angst vor einer möglichen Wiedereinführung der Wehrpflicht. Obwohl derzeit kein entsprechender Gesetzentwurf im US-Kongress vorliegt, brodelt die Debatte im politischen und gesellschaftlichen Raum.
Operation „Midnight Hammer“ als Auslöser der Debatte
Die USA hatten im Rahmen der Operation „Midnight Hammer“ drei iranische Atomanlagen in Fordow, Natanz und Isfahan bombardiert. Präsident Donald Trump kündigte daraufhin öffentlich an, offen für einen Regimewechsel in Teheran zu sein – eine Haltung, die Vizepräsident J.D. Vance und Außenminister Marco Rubio zuvor noch ausgeschlossen hatten.
Diese Eskalation im Nahostkonflikt hat in den USA Befürchtungen genährt, dass eine Ausweitung des militärischen Engagements langfristig zu einem Personalmangel in den Streitkräften führen könnte – und damit zur Reaktivierung der Wehrpflicht.
Letzte Wehrpflicht 1973 – Rückblick auf die Geschichte
Die letzte Einberufung durch die Wehrpflicht fand 1972 statt. Im Januar 1973 erklärte der damalige Verteidigungsminister Melvin Laird das Ende der Einberufung. Der letzte offiziell eingezogene Soldat war Dwight Elliott Stone, ein 24-jähriger Klempnerlehrling aus Kalifornien.
Seitdem basiert das US-Militär auf einer Freiwilligenarmee – allerdings müssen sich Männer zwischen 18 und 25 Jahren weiterhin beim Selective Service System registrieren.
Wer wäre betroffen?
Sollte der Kongress die Wehrpflicht wieder einführen, würden zunächst 20-jährige Männer als erste eingezogen – nach dem sogenannten Geburtsjahr-Losverfahren. Danach folgen sukzessive die Altersgruppen 21 bis 25. Erst wenn weiterer Bedarf besteht, würden 19- und 18-Jährige berücksichtigt.
Von der Wehrpflicht befreit wären Personen, die:
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sich seit dem 18. Lebensjahr dauerhaft in medizinischer oder psychiatrischer Betreuung befinden,
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nachweislich nicht transportfähig sind oder rund um die Uhr betreut werden müssen,
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sich als Conscientious Objectors (Kriegsdienstverweigerer aus Gewissensgründen) klassifizieren lassen,
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sich in bestimmten Ausbildungen oder Studien befinden (mit Möglichkeit zur Aufschiebung),
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in bestimmten religiösen oder politischen Ämtern tätig sind.
Politische Signale und frühere Initiativen
Zwar liegt aktuell kein konkreter Gesetzesentwurf zur Wiedereinführung der Wehrpflicht vor. Dennoch befeuern Aussagen ehemaliger Regierungsmitglieder und konservativer Abgeordneter die Spekulationen. Die Washington Post berichtete bereits 2024, dass manche Republikaner über eine nationale Dienstpflicht nachdenken – nicht nur militärisch, sondern auch zivilgesellschaftlich.
Der ehemalige Abgeordnete Charles Rangel hatte bereits 2015 eine Rückkehr zur Wehrpflicht in Kombination mit einer „Kriegssteuer“ gefordert – um auf die soziale Ungleichheit im Kriegsfall aufmerksam zu machen. „Wenn Krieg notwendig ist, sollte die ganze Nation solidarisch Opfer bringen“, sagte Rangel damals.
Was sagt das Gesetz?
Eine Wiedereinführung der Wehrpflicht ist in den USA nur über ein Gesetz möglich. Der Präsident kann nicht allein darüber entscheiden. Die War Powers Resolution von 1973 schreibt außerdem vor, dass der Präsident den Kongress innerhalb von 48 Stunden über militärische Operationen informieren muss, und dass längere Einsätze ohne Zustimmung des Kongresses nicht erlaubt sind.
Kritik kam bereits von beiden Seiten des politischen Spektrums: Die linke Abgeordnete Alexandria Ocasio-Cortez sprach von einem verfassungswidrigen Vorgehen, während auch konservative Stimmen wie Thomas Massie erklärten, der Präsident überschreite seine Kompetenzen.
Fazit: Noch gibt es keine konkrete Rückkehr der Wehrpflicht in den USA – aber der öffentliche Diskurs hat begonnen. Die Eskalation in der Golfregion lässt Erinnerungen an vergangene Kriege wach werden. Ob aus der Debatte politische Realität wird, hängt davon ab, wie sich der Konflikt mit dem Iran in den kommenden Wochen weiterentwickelt.
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