Eine neue Plattform bringt das Internet auf die nächste, ziemlich schlüpfrige Stufe: OhChat heißt der neueste Kandidat im Wettrennen der KI-getriebenen Fantasie-Industrie. Das Prinzip ist ebenso simpel wie schamlos genial: Mithilfe von künstlicher Intelligenz werden lebensechte „digitale Zwillinge“ von Prominenten erschaffen, die – so die Eigenwerbung – für die „ungezügelten Träume“ ihrer Nutzer jederzeit bereitstehen. Und zwar buchstäblich rund um die Uhr, denn schlafen, essen oder müde werden müssen diese digitalen Abbilder bekanntlich nicht.
Aushängeschild der jungen Plattform ist derzeit Katie Price – früher Glamour-Model und britisches Boulevardphänomen unter dem Künstlernamen Jordan. „Es ist, als würde ich mein jüngeres Ich anschauen“, schwärmt Price selbst über ihr KI-Abbild. Ihre digitale Doppelgängerin chattet, flirtet, sendet Sprachnachrichten und freizügige Bilder – alles maßgeschneidert auf die Wünsche der zahlungsfreudigen Kundschaft.
Das neue Geschäft mit der synthetischen Intimität
Die Betreiber von OhChat machen aus ihrem Ziel kein Geheimnis: Gründer Nic Young beschreibt die Plattform offen als „Liebeskind aus OnlyFans und OpenAI“. Für 4,99 Dollar monatlich gibt es unbegrenzten Chat, für 9,99 Dollar kommen erotische Sprachnachrichten hinzu, und wer das volle VIP-Programm wünscht, darf für 29,99 Dollar monatlich tiefer eintauchen.
Für die Promis selbst ist es ein passives Geldparadies: Einmal 30 Bilder hochladen, 30 Minuten mit einem Bot sprechen, den Rest erledigt die KI. 80% der Einnahmen fließen an die „Schöpfer“, der Rest bleibt bei OhChat. Kein Aufwand, aber ständig klingelt die Kasse – schöner lässt sich der eigene Ruhm kaum verwerten.
Neben Katie Price hat sich inzwischen auch Ex-Baywatch-Star Carmen Electra digitalisieren lassen. Tendenz: stark steigend. Der CEO ist sich sicher: Bald wird jeder Star seinen eigenen KI-Zwilling haben – als Einkommensquelle und Fan-Betreuung in einem. „Ich kann mir keine Zukunft vorstellen, in der es das nicht gibt“, so Young.
Synthetische Liebe mit Risiken
Während die Entwickler euphorisch von der Zukunft der digitalen Intimität schwärmen, schlagen Ethiker und Wissenschaftler längst Alarm: Hier entstehe eine Illusion emotionaler Bindung, die am Ende niemandem guttue – weder den süchtigen Fans noch den realen Vorbildern.
„Es ist algorithmisches Theater: eine vorgetäuschte Beziehung, die in Wirklichkeit nie existiert“, warnt der australische KI-Professor Toby Walsh. Gerade verletzliche Nutzer könnten sich zu stark an die virtuellen Stars binden – inklusive der Gefahr emotionaler Abhängigkeit.
Auch rechtlich lauern Fallstricke: Hackerangriffe, missbrauchte Daten, peinliche Fehlfunktionen der KI könnten den realen Promis massiven Imageschaden zufügen. „Wenn ein Avatar plötzlich Unsinn von sich gibt oder beleidigend wird, steht der echte Star am Pranger“, warnt der britische IT-Rechtsexperte Éamon Chawke.
Wie viel Ethik steckt in OhChat?
OhChat versichert, man arbeite „innerhalb starker Grenzen“. Die Nutzer würden zwar nicht ständig an die Künstlichkeit der Avatare erinnert – „aber wir sind transparent darüber, dass es KI ist“, so CEO Young. Die Promis behalten jederzeit die Kontrolle über ihren Avatar und könnten ihn theoretisch jederzeit stoppen oder löschen. Praktisch dürften die klingelnden Einnahmen diese Entscheidung aber hinauszögern.
Der große Showdown von Fame, Fantasie und Maschine läuft also längst. Und während Jordan, Carmen & Co. digital nicht mehr schlafen müssen, dürften Ethiker, Datenschützer und Juristen in den kommenden Jahren wenig Ruhe finden.
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