Fleisch ist mehr als nur Beilage – es ist offenbar Identität, Religion, Politik und Familiendrama in einem. Kein Wunder also, dass das Wien Museum diesem Dauerbrenner eine eigene Ausstellung widmet. Unter dem schlichten Titel „Fleisch“ wird dort alles aufgefahren, was das Herz (oder der Magen) begehrt: vom mittelalterlichen Rinderhandel über Wiener Schnitzel-Zitate heimischer Politiker bis hin zu kuriosen Fastenspeisen wie dem Biber.
Das Schnitzel als Staatsaffäre
Schon Politiker wussten: Mit einem Schnitzel gewinnt man Wähler. Während die einen eine Steuerreform fordern, „damit sich jeder ein Schnitzel leisten kann“, warnen andere, dass man das letzte Exemplar irgendwann nur noch im Museum betrachten wird. Die Ausstellung nimmt solche Zitate auf – und macht klar: Fleisch ist für Österreich so etwas wie ein zweites Nationalheiligtum, gleich nach der Sachertorte.
Kuriose Kapitel: Vom Biber zum Backhendl
Wer hätte gedacht, dass der Biber einmal als Fastenspeise durchging? Weil er im Wasser schwamm, galt er im Mittelalter offiziell als „Fisch“ – und konnte guten Gewissens verspeist werden. Auch Tauben im Backhendl-Style waren damals völlig normal. Heute sorgen solche Geschichten eher für Schmunzeln – und zeigen, wie sehr sich Essgewohnheiten verändert haben.
Schlachthöfe, Würstelstände und die Geburt des Wiener Rostbratens
Die Schau verfolgt „den Weg des Fleisches“: von frei herumlaufenden Hausschweinen im Mittelalter über die Schlachthallen von St. Marx bis hin zum sterilen Supermarkt-Regal. Ein Highlight: Fotos von stolzen Fleischhauern aus den 1920ern, die halbe Kühe im Schaufenster drapierten – damals noch ohne Plastikfolie.
Auch die Liebe der Wiener zum Rind wird erklärt: Durch die zentrale Lage auf den Rinderhandelsrouten aus Ungarn entstand schon früh eine rindfleischlastige Küche – Tafelspitz, Rostbraten, Schulterscherzel. Kurz: Die Wiener Teilung ist nicht nur ein Stadtplan, sondern auch eine Methode, Fleisch in eigenwillige Stücke wie „Fledermaus“ oder „Meisel“ zu zerlegen.
Von der Fresswelle bis zum Veggie-Schnitzel
Nach dem Krieg kam die große „Fresswelle“ – Fleisch für alle! Doch ab den 1970ern mischten Vegetarier und Tierschützer wieder mit, und spätestens heute stehen vegane Burgerpatties und Laborfleisch auf dem Speiseplan. Wer mutig ist, darf in der Ausstellung wählen: Erbsenprotein, Schnecke oder Kunstfleisch?
Fazit: Kein Witz ohne Wurst
Ob Schnitzel als Wahlkampfwaffe, Biber im Kochtopf oder Würstelstand als Kulturdenkmal – die Ausstellung zeigt, dass Fleisch in Österreich weit mehr ist als Nahrung. Es ist ein Stück Identität, Streitobjekt und manchmal auch Komödie.
Oder wie es ein Besucher im Vorbeigehen formulierte:
„Fleisch ist kein Essen – Fleisch ist Schicksal.“
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