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Preisverdächtige Dreistigkeit: 4,8 Millionen Euro mit „Hallo, hier spricht die Polizei“

imaginedv (CC0), Pixabay
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Man muss es den mutmaßlichen Tätern lassen: Kreativität hatten sie. Moral eher weniger. Über Jahre hinweg sollen 17 Beschuldigte mit einer der ältesten Maschen der organisierten Telefonkriminalität quer durch Österreich rund 4,8 Millionen Euro erbeutet haben – mit nichts weiter als einem Telefon, einer guten Portion Skrupellosigkeit und einem Drehbuch aus dem Baukasten der Niedertracht.

Die Ermittler des Landeskriminalamts, gemeinsam mit der Wirtschafts- und Korruptionsstaatsanwaltschaft (WKStA) und ausländischen Behörden, haben nun mehrere sogenannte „Keilerzellen“ ausgehoben – eine in Wien, eine weitere im tschechischen Brno. Die Tatorte? Praktisch das ganze Bundesgebiet. International tätig, lokal schamlos.

„Guten Tag, Ihr Enkel sitzt im Gefängnis“

Das Geschäftsmodell war so simpel wie perfide. Die Anrufer – intern offenbar „Keiler“ genannt, was ungefähr so vertrauenswürdig klingt wie es gemeint ist – gaben sich als Polizisten, Richter, Staatsanwälte oder Ärzte aus. Mit professionell gespielter Dringlichkeit teilten sie mit, dass ein naher Angehöriger in akuter Not sei: Haft, Unfall, teure Medikamente, sofortige Kaution. Die Dramaturgie war fein abgestimmt. Tränen, Panik, Zeitdruck.

Die Zielgruppe: ältere Menschen. Menschen, die noch gelernt haben, Autoritäten zu vertrauen. Menschen, die das Wort „Staatsanwalt“ nicht automatisch mit „Vorsicht, Scam“ verbinden. Und vor allem Menschen, die im Moment des Schocks nicht erst einen Faktencheck starten, sondern helfen wollen.

Emotion schlägt Vernunft – zumindest für ein paar Minuten

Das System setzt auf Psychologie. Wer glaubt, das sei plump, irrt. Die Täter kalkulieren mit dem Ausnahmezustand. Wenn am Telefon behauptet wird, der eigene Sohn habe einen tödlichen Unfall verursacht und brauche sofort eine sechsstellige Kaution, dann funktioniert das menschliche Gehirn nicht wie bei der Steuererklärung.

Bis das Opfer merkt, dass etwas nicht stimmt, steht der „Abholer“ schon vor der Tür. Bargeld, Schmuck, Ersparnisse – bitte diskret in einen Umschlag. Und danke für Ihr Vertrauen.

4,8 Millionen Euro – ein Geschäftsmodell mit Rendite

Nach bisherigen Erkenntnissen beläuft sich der Schaden auf rund 4,8 Millionen Euro. Eine beachtliche Summe für ein Unternehmen ohne Firmenlogo, ohne Impressum und ohne jegliche legale Dienstleistung.

Die Organisation war offenbar arbeitsteilig aufgebaut: Callcenter-ähnliche Strukturen für die Anrufe, Koordinatoren im Hintergrund, Kuriere für die Abholung. International vernetzt, professionell organisiert – nur eben auf der falschen Seite des Strafgesetzbuchs.

Internationale Zusammenarbeit statt internationaler Expansion

Dass die mutmaßlichen Täter nun in Haft sitzen, ist nicht zuletzt der Zusammenarbeit zwischen österreichischen Ermittlern und ausländischen Behörden zu verdanken. Die Zerschlagung der Keilerzellen in Wien und Brno dürfte den Beteiligten die nächste „Telefonkonferenz“ deutlich unangenehmer gemacht haben – diesmal ohne Skript.

Den Beschuldigten drohen nun empfindliche Strafen wegen gewerbsmäßigen schweren Betrugs. Der Karriereweg vom falschen Polizisten zum echten Häftling ist bekanntlich kurz.

Moralische Pointe? Eher bitter.

So ironisch man über die Dreistigkeit dieser Masche berichten kann – die Realität bleibt unerquicklich. Hinter jeder Zahl steht ein Mensch, der im Vertrauen auf eine vermeintliche Autorität sein Erspartes verloren hat. Nicht selten sind es Lebensersparnisse.

Und während 17 mutmaßliche Täter nun in Haft sitzen, bleibt eine Erkenntnis bestehen: Der vielleicht wichtigste Verbraucherschutz besteht nach wie vor aus einem Satz, der so banal klingt, dass man ihn fast vergisst – Die echte Polizei ruft nicht an und verlangt Bargeld.

Sollte es dennoch klingeln: Auflegen. Durchatmen. Und vielleicht selbst bei der echten Polizei anrufen. Diesmal ohne Drehbuch.

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