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Phishing ist längst kein Einzelfallproblem mehr

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Interview mit Rechtsanwalt Niklas Linnemann über wachsende Gefahren beim Online-Banking

Herr Linnemann, laut BSI nimmt die Zahl der Betrugsfälle beim Online-Banking weiter zu. Müssen sich Bankkunden in Deutschland ernsthaft Sorgen machen?

Niklas Linnemann: Ja, leider schon. Was früher vereinzelt vorkam, ist heute ein massenhaft auftretendes Phänomen. Besonders Phishing – also das Abgreifen sensibler Daten über gefälschte E-Mails oder Webseiten – ist mittlerweile sehr ausgeklügelt. Selbst aufmerksame Nutzer können darauf hereinfallen. Die Zahlen aus der BSI-Analyse und der Umfrage des Bankenverbands unterstreichen das deutlich.

Was macht diese neuen Betrugsmaschen so gefährlich?

Die Angreifer nutzen eine hohe technische Raffinesse und spielen gezielt mit Vertrauen. Zum Beispiel werden E-Mails täuschend echt im Design einer bekannten Bank gestaltet oder QR-Codes in vermeintlich offiziellen Briefen verschickt. Hinzu kommt die zunehmende Nutzung von gefälschten Anrufen, teils sogar unter der Nummer des bekannten Sperrnotrufs 116 116. Das wirkt auf viele Menschen authentisch – und genau darauf setzen die Täter.

Sind denn bestimmte Altersgruppen besonders betroffen?

Überraschenderweise nicht. Betrugsfälle ziehen sich durch alle Generationen. Junge Menschen fallen häufiger auf Fake-Shops oder gefälschte Zahlungsaufforderungen herein, ältere eher auf Anrufe oder Briefe mit QR-Codes. Es gibt keinen „sicheren“ Altersbereich mehr. Die Angriffe werden individuell angepasst.

Wie sollten sich Verbraucher verhalten, wenn sie eine verdächtige Nachricht erhalten?

Grundregel Nummer eins: Nicht vorschnell handeln. Wenn man zum Beispiel per E-Mail zur Verifizierung seines Kontos aufgefordert wird oder angeblich eine dringende Zahlung nötig ist, sollte man misstrauisch sein – selbst wenn Absender oder Logo vertraut wirken. Niemals sensible Daten wie PIN oder TAN preisgeben. Und: Im Zweifel direkt bei der Bank über die offizielle Website oder Hotline nachfragen, nicht über Links oder Nummern in der Nachricht selbst.

Viele Menschen glauben noch immer, dass sie rechtlich auf der sicheren Seite sind, wenn sie Opfer werden. Stimmt das?

Das kommt darauf an. Banken haben natürlich Sicherheitsstandards und tragen in manchen Fällen auch Verantwortung – etwa wenn ihre Systeme gehackt wurden oder ein Kunde nachweislich getäuscht wurde. Aber wer grob fahrlässig handelt, zum Beispiel seine Zugangsdaten weitergibt oder Warnungen ignoriert, kann schnell auf dem Schaden sitzen bleiben. Juristisch ist das eine Grauzone, in der jeder Fall einzeln geprüft werden muss.

Was kann man im Schadensfall tun?

Wichtig ist, sofort zu reagieren: Die Bank kontaktieren, Karten und Konten sperren lassen, Strafanzeige erstatten – und Beweise sichern, also E-Mails aufbewahren, Screenshots machen. Je schneller gehandelt wird, desto größer ist die Chance, Schäden zu begrenzen. Besonders kritisch wird es, wenn das Geld ins Ausland transferiert wurde. Dann ist eine Rückholung oft nur schwer oder gar nicht möglich.

Die Banken investieren laut Branchenverband viel in Prävention. Reicht das?

Die Bemühungen sind da – etwa durch Mitarbeiterschulungen oder simulierte Angriffe, um Schwachstellen zu erkennen. Aber: Hundertprozentige Sicherheit gibt es nicht, wie selbst Branchenvertreter einräumen. Die Betrüger entwickeln sich ständig weiter. Deshalb müssen auch Verbraucher ihren Teil beitragen – durch Wachsamkeit, gesunde Skepsis und den bewussten Umgang mit digitalen Angeboten.

Vielen Dank für das Gespräch, Herr Linnemann.

Niklas Linnemann: Sehr gerne. Bleiben Sie wachsam – und misstrauen Sie dem „Konto-verifizieren“-Link.

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