Vier Patzer in Serie. Öffentliche Kritik. Der Stammplatz in der norwegischen Nationalmannschaft weg. Und dann erfährt Ørjan Nyland auch noch praktisch vor laufenden Kameras, dass er im nächsten Spiel nur auf der Bank sitzen wird.
Für einen Torwart gibt es kaum etwas Härteres.
Denn Fehler eines Keepers verschwinden nicht irgendwo im Mittelfeld. Sie stehen auf der Anzeigetafel. Sie werden in Zeitlupe gezeigt, aus drei Perspektiven wiederholt und anschließend von Experten auseinandergenommen.
Als RB-Fan kann man deshalb im Moment eigentlich nur eines sagen:
Ørjan, du kannst nicht nur auf deine Familie zählen. Du kannst auch auf uns zählen.
Natürlich haben wir die Fehler gesehen.
Natürlich wissen wir, dass ein Torwart auf diesem Niveau solche Bälle halten möchte.
Und natürlich ist Kritik im Profifußball erlaubt.
Aber zwischen Kritik und dem Gefühl, einen Spieler nach einigen schlechten Momenten komplett abzuschreiben, liegt ein großer Unterschied.
Wir haben nicht vergessen, wer du bist
Ørjan Nyland ist 36 Jahre alt und hat fast 80 Länderspiele für Norwegen bestritten.
So eine Karriere entsteht nicht durch Zufall.
Niemand steht so oft für sein Land im Tor, wenn er nichts kann.
Niemand spielt über Jahre auf diesem Niveau, weil er irgendwann einmal Glück gehabt hat.
Ein Torwart lebt von Vertrauen.
Von Ruhe.
Von Erfahrung.
Und manchmal eben auch davon, dass Menschen hinter ihm stehen, wenn gerade nicht alles funktioniert.
Genau jetzt ist so ein Moment.
Seine Frau hat getan, was Familie eben tut
Dass Tine Rotevatn Nyland ihren Mann öffentlich verteidigt, sollte niemanden überraschen.
Sie erlebt wahrscheinlich näher als jeder andere, was solche Tage mit einem Menschen machen.
Sie sieht nicht nur den Torwart, der einen Freistoß nicht gehalten hat.
Sie sieht den Ehemann, der nach Hause kommt.
Den Mann, der jahrelang trainiert hat.
Der für seinen Beruf auf vieles verzichtet hat.
Der weiß, dass Millionen Menschen einen Fehler gesehen haben.
Und der vermutlich selbst am besten weiß, dass die vergangenen Spiele nicht seine besten waren.
Wenn seine Frau dann sagt: Jetzt reicht es – dann ist das menschlich.
Kritik gehört dazu – Häme nicht
Wir Fußballfans sind manchmal selbst gnadenlos.
Nach einem schlechten Spiel heißt es schnell:
„Raus mit ihm.“
Nach dem nächsten Fehler:
„Der kann es nicht mehr.“
Und nach drei Patzern ist plötzlich die gesamte Karriere vergessen.
Aber Fußball funktioniert so nicht.
Auch große Spieler erleben schlechte Phasen.
Auch Torhüter verlieren einmal die Sicherheit.
Und manchmal ist ausgerechnet der nächste gehaltene Ball derjenige, mit dem alles wieder beginnt.
Deshalb sollte man einem Spieler gerade dann nicht das Gefühl geben, dass die vergangenen zehn Jahre plötzlich nichts mehr zählen.
Die Art der Degradierung war unglücklich
Besonders bitter wirkt, dass Nationaltrainer Stale Solbakken den Torwartwechsel nach dem Spiel öffentlich bekanntgab, bevor Nyland selbst offenbar darüber informiert worden war.
Solbakken hat sich dafür später entschuldigt.
Und das war auch richtig.
Natürlich darf ein Nationaltrainer seinen Torwart wechseln.
Das gehört zum Leistungssport.
Aber ein Spieler, der so viele Jahre für sein Land gespielt hat, verdient es, eine solche Entscheidung zuerst persönlich zu erfahren.
Das hat etwas mit Respekt zu tun.
Nicht mit Sonderbehandlung.
Auch die Bank gehört zu einer Karriere
Vielleicht sitzt Nyland jetzt in Portugal auf der Bank.
Und vielleicht ist das momentan sogar richtig.
Manchmal braucht ein Torwart Abstand.
Ein Spiel ohne den Druck, dass jeder Ball darüber entscheidet, welche Schlagzeile am nächsten Morgen erscheint.
Einmal zuschauen.
Einmal den Kopf freibekommen.
Und dann wieder angreifen.
Denn eine Degradierung ist kein Karriereende.
Sie ist eine Entscheidung für ein Spiel.
Nicht mehr.
In Leipzig wissen wir, was ein Spieler für eine Mannschaft bedeuten kann
Bei RB Leipzig ist Nyland derzeit ebenfalls nicht die unumstrittene Nummer eins.
Aber auch ein Ersatzkeeper gehört zu einer Mannschaft.
Er trainiert jeden Tag.
Er bereitet sich genauso vor.
Er hilft den anderen Torhütern.
Und wenn er gebraucht wird, muss er innerhalb weniger Sekunden bereit sein.
Das ist vielleicht eine der undankbarsten Rollen im Profifußball.
Man bekommt wenig Aufmerksamkeit, solange alles funktioniert.
Und wenn man plötzlich spielen muss, wird sofort erwartet, dass man hundert Prozent liefert.
Deshalb sollte man solche Spieler nicht nur dann wahrnehmen, wenn etwas schiefgeht.
Ørjan, Kopf hoch
Aus Sicht eines RB-Fans ist die Botschaft deshalb ziemlich einfach:
Wir haben die Fehler gesehen.
Aber wir haben auch die Karriere gesehen.
Wir wissen, dass du selbst wahrscheinlich am härtesten mit dir ins Gericht gehst.
Du brauchst keine hundert Menschen, die dir erklären, dass der Ball gegen Wales haltbar gewesen wäre.
Das weißt du.
Was ein Spieler in so einer Situation eher braucht, ist die Erinnerung daran, dass Fußball weitergeht.
Das nächste Training kommt.
Das nächste Spiel kommt.
Die nächste Chance kommt.
Und auch die RB-Fans sind noch da
Deine Frau steht hinter dir.
Deine Familie steht hinter dir.
Und auch viele Fans in Leipzig werden einen Spieler nicht wegen vier schlechten Momenten fallen lassen.
Fußball ist leicht, wenn alles funktioniert.
Fan zu sein zeigt sich aber vielleicht gerade dann, wenn einer am Boden liegt.
Deshalb:
Kopf hoch, Ørjan.
Vielleicht bist du im nächsten Länderspiel nur Zuschauer.
Vielleicht musst du dir deinen Platz wieder erarbeiten.
Vielleicht dauert es ein paar Wochen.
Aber wer so viele Jahre Profi war, weiß auch, dass schlechte Phasen irgendwann enden.
Und solltest du irgendwann wieder für RB zwischen den Pfosten stehen, dann zählt nicht, was gestern in Wales passiert ist.
Dann zählt der nächste Ball.
Und wenn du den hältst, werden wir genauso klatschen wie vorher.
Du bist nicht allein. Leipzig steht hinter dir.
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