Ein vorliegendes Dossier zur Multitalent AG und zu Waldemar Hartung zeichnet das Bild eines vielschichtigen deutsch-liechtensteinisch-lettisch-österreichischen Emittenten- und Projektgesellschaftsnetzwerks. Im Mittelpunkt steht nach den ausgewerteten öffentlich zugänglichen Prospekt-, Register- und Unternehmensunterlagen Waldemar Hartung, der bei mehreren Gesellschaften als Aktionär, Verwaltungsrat, Geschäftsführer oder sonstiger Funktionsträger genannt wird.
Nach den im Dossier ausgewerteten Unterlagen wird Hartung seit mindestens 2018 als alleiniger Aktionär der liechtensteinischen Multitalent AG beschrieben. Ein ähnliches Bild ergibt sich laut Dossier auch bei weiteren Gesellschaften wie Multitalent II AG, Multitalent III AG, VIVAT II AG sowie später auch bei VIVAT AG und Multitalent IV AG. Dabei wird Hartung nicht nur als Kapitalgeber beziehungsweise Aktionär, sondern auch in Organfunktionen genannt.
Eine zentrale Rolle spielt zudem der Standort Kempten im Allgäu. Dort wird im Dossier ein operatives Netzwerk rund um verschiedene VIVAT- und Multitalent-Gesellschaften beschrieben. Genannt werden unter anderem die VIVAT Verwaltungs GmbH, VIVAT Investment GmbH, Multitalent Investment GmbH, Multitalent Investment II GmbH, Multitalent Investment 3 GmbH, VIVAT Multitalent AG, unique capital GmbH, Spirit Financial Group GmbH sowie mehrere Projekt- und Objektgesellschaften. Die VIVAT Verwaltungs GmbH wird dabei als zentrale Service- und Verwaltungsgesellschaft dargestellt.
Besondere Bedeutung haben die im Dossier dargestellten möglichen Interessenkonflikte. Diese ergeben sich demnach nicht nur aus externer Bewertung, sondern werden in Prospektunterlagen teilweise selbst beschrieben. Danach bestehen personelle und funktionale Verflechtungen zwischen Emittenten, Projektgesellschaften, Servicegesellschaften, Treuhandstrukturen und Verwahrstellen. Solche Strukturen sind nicht automatisch rechtswidrig, können aber aus Anlegersicht erhebliche Transparenz- und Governance-Fragen aufwerfen.
Ein wichtiger aufsichtsrechtlicher Punkt betrifft die Multitalent Investment GmbH. Laut Dossier teilte die BaFin mit, sie habe mit Bescheid vom 26. Juli 2023 die Einstellung und Abwicklung eines Einlagengeschäfts angeordnet. Diese Maßnahme betrifft nach der Darstellung im Dossier nicht die Multitalent AG selbst, ist aber innerhalb des beschriebenen erweiterten Gesellschaftsumfelds ein wesentliches Warnsignal.
Auch finanzielle Kennzahlen aus dem erweiterten Gruppenumfeld werfen Fragen auf. Für die Multitalent Investment 3 GmbH werden im Dossier öffentlich wiedergegebene Zwischenabschlussdaten zum 30. Juni 2024 genannt. Danach seien rund 34,16 Millionen Euro Anlegergelder auf Inhaberschuldverschreibungen eingezahlt worden. Zugleich wird ein nicht durch Eigenkapital gedeckter Fehlbetrag von rund 6,998 Millionen Euro beschrieben. Die Gesellschaft sei bilanziell überschuldet gewesen, wobei die Geschäftsführung eine insolvenzrechtliche Überschuldung wegen qualifizierter Rangrücktritte verneint habe.
Auffällig ist außerdem die Vielzahl der Projektgesellschaften, die im Dossier genannt werden. Dazu zählen unter anderem Gesellschaften mit Bezug zu Projekten in Erfurt, Halle, Oschatz, Dresden, Zinnowitz und weiteren Standorten. Nach der Darstellung im Dossier flossen Anlegergelder beziehungsweise Investitionsmittel über verschiedene Emittentenmodelle in solche Ziel- oder Projektgesellschaften. Entscheidend für eine weitere Prüfung wäre daher, welche konkreten Zahlungsflüsse bestanden, welche Sicherheiten vereinbart wurden und ob zwischen Emittenten und Projektgesellschaften wirtschaftliche oder personelle Näheverhältnisse bestanden.
Das Dossier weist zugleich auf Grenzen der Recherche hin. Für einzelne Gesellschaften seien nicht alle aktuellen Registerdaten vollständig offen zugänglich gewesen. Auch ein Hinweis, wonach die Multitalent AG aktuell als „in Liquidation“ bezeichnet werde, sei im Rahmen der Recherche nicht abschließend amtlich verifiziert worden. Diese Einschränkung ist wichtig, weil sie zeigt, dass einzelne Punkte weiter geprüft werden müssen, bevor daraus abschließende rechtliche Bewertungen abgeleitet werden können.
Sachlich betrachtet ergibt sich aus dem Dossier kein Bild eines einfachen Einzelunternehmens, sondern einer stark verzweigten Struktur aus Emittenten, Servicegesellschaften, Treuhandfunktionen und Projektgesellschaften. Im Zentrum stehen dabei die Fragen nach Kontrolle, Mittelverwendung, Interessenkonflikten, Transparenz und Anlegerinformation.
Für Anleger, Gläubiger und Aufsichtsstellen dürfte deshalb entscheidend sein, ob die Zahlungsflüsse zwischen den Gesellschaften vollständig nachvollziehbar sind, ob Prospektangaben und tatsächliche Mittelverwendung übereinstimmen und ob mögliche Interessenkonflikte ausreichend offengelegt und kontrolliert wurden.
Eine abschließende rechtliche Bewertung kann aus den vorliegenden Informationen allein nicht erfolgen. Das Dossier liefert jedoch zahlreiche Anhaltspunkte, die aus Sicht einer sachlichen Prüfung eine vertiefte Aufarbeitung durch zuständige Stellen, Berater oder Gerichte nahelegen.
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