Man muss sich als BVB-Fan an neue Dinge langsam gewöhnen. Siege ohne Herzstillstand zum Beispiel. Eine stabile Defensive. Einen Trainer, der länger bleibt als eine durchschnittliche Netflix-Serie. Und jetzt also das: Borussia Dortmund will mit Niko Kovac offenbar noch einmal vorzeitig verlängern.
Nach BILD-Informationen soll Kovac zwei weitere Jahre bekommen und damit bis Sommer 2029 bleiben. Die Einigung soll stehen, nur die Unterschrift fehle noch.
Und was soll ich sagen: Als BVB-Fan kann man darüber tatsächlich einmal zufrieden sein, ohne sofort nach dem Haken zu suchen.
Kovac kam Anfang 2025 nach Dortmund, als die Mannschaft sportlich ziemlich tief im Schlamassel steckte. Der BVB stand bei seiner Übernahme auf Rang elf. Am Ende führte er die Mannschaft noch auf Platz vier und damit in die Champions League. Im August 2025 wurde sein ursprünglich bis 2026 laufender Vertrag deshalb bereits bis zum 30. Juni 2027 verlängert
Jetzt soll also bis 2029 verlängert werden.
Bei Borussia Dortmund nennt man so etwas inzwischen offenbar „Kontinuität“. Früher hätte man das wahrscheinlich für eine neue Sponsorenkampagne gehalten.
Kovac ist vielleicht nicht der Trainer für Fußballromantiker
Natürlich gibt es auch bei Kovac genug zu diskutieren.
Wer jede Woche 70 Prozent Ballbesitz, 35 Hackentricks und acht Kombinationen durchs Zentrum sehen möchte, bekommt bei ihm nicht immer das komplette Wellnessprogramm.
Kovac liebt Ordnung.
Kovac liebt Disziplin.
Und wahrscheinlich liebt Kovac einen gewonnenen Zweikampf ungefähr so sehr wie andere Menschen ihren Hochzeitstag.
Aber vielleicht brauchte genau dieser Verein einmal einen Trainer, bei dem nicht nach drei schlechten Spielen sofort die komplette Statik des Klubs überprüft werden muss.
Unter Kovac wurde die Defensive stabiler, der BVB spielte erfolgreicher und schaffte die Champions-League-Qualifikation trotz eines Rückstands von zehn Punkten nach dem 27. Spieltag. Selbst Borussia Dortmund bezeichnete seine Arbeit im Geschäftsbericht 2025/26 sinngemäß als außergewöhnliche Trainerleistung.
Und das ist bemerkenswert genug.
Beim BVB wurden Trainer zuletzt schneller verbraucht als Currywürste
Die vergangenen Jahre waren schließlich nicht gerade geprägt von ewiger Trainerliebe.
Lucien Favre.
Edin Terzic.
Marco Rose.
Wieder Edin Terzic.
Nuri Sahin.
Zwischendurch hatte man gelegentlich das Gefühl, die Trainerkabine müsste gar nicht mehr gestrichen werden, weil sowieso niemand lange genug bleibt, um die Farbe abzunutzen.
Kovac dagegen hat etwas geschafft, was beim BVB beinahe exotisch wirkt:
Ruhe.
Man kann über seine taktischen Vorstellungen streiten. Aber die Mannschaft wirkt unter ihm klarer strukturiert, körperlich stabiler und weniger anfällig für jene berühmten Dortmunder zehn Minuten, in denen aus einem souveränen 2:0 plötzlich ein 2:3 und anschließend eine Grundsatzdebatte über die DNA des Vereins wird.
Und dann ist da Lars Ricken
Interessant ist auch der Zeitpunkt.
Borussia Dortmund hat erst vor wenigen Tagen die Verträge der Führungsspitze verlängert. Lars Ricken bleibt als Geschäftsführer Sport bis 2030, Carsten Cramer bis 2031 und Thomas Treß bis 2028.
Laut BILD soll Kovac seine eigene Entscheidung unter anderem mit der Zukunft Rickens verknüpft haben. Das Verhältnis zwischen beiden gilt als eng; schließlich war es Ricken, der Kovac Anfang 2025 in einer sportlich schwierigen Situation verpflichtete.
Auch das ergibt Sinn.
Denn was nützt es, einen Trainer langfristig zu binden, wenn sechs Monate später wieder jemand anderes die sportliche Richtung vorgibt?
Vielleicht hat der BVB tatsächlich verstanden, dass Kontinuität nicht bedeutet, denselben Schal im Fanshop drei Jahre lang anzubieten.
Die eigentliche Prüfung kommt trotzdem erst noch
Natürlich muss man bei aller Freude eines sagen:
Vertragsverlängerungen gewinnen keine Titel.
Auch Tabellenstände im September tun das nicht.
Nach BILD-Angaben ist Dortmund aktuell ungeschlagen und steht sogar an der Tabellenspitze vor Bayern München. Auch im Pokal und in der Champions League ist der BVB noch im Rennen. BILD
Das hört sich hervorragend an.
Als erfahrener BVB-Fan weiß man allerdings auch:
September-Meisterschaften werden leider weiterhin nicht von der DFL anerkannt.
Die große Frage wird deshalb sein, ob Kovac aus einem stabilen Dortmund irgendwann auch wieder ein Dortmund macht, das Titel gewinnt.
Denn irgendwann reicht es nicht mehr, Bayern möglichst lange im Rückspiegel zu sehen.
Irgendwann müsste man vielleicht auch einmal vor ihnen durchs Ziel fahren.
Trotzdem: Diesmal ist eine Verlängerung logisch
Was mir an Kovac gefällt, ist weniger irgendeine große Trainerromantik.
Es ist seine Nüchternheit.
Der Mann wirkt nicht, als würde er nach einem 5:0 sofort erklären, Dortmund habe nun eine neue Ära begonnen. Und nach einem 0:1 muss auch nicht gleich ein Psychologenteam anrücken.
Kovac arbeitet.
Er fordert.
Er sortiert.
Und wenn einer nicht mitzieht, bekommt man den Eindruck, dass die anschließende Unterhaltung ungefähr so gemütlich wird wie eine Steuerprüfung.
Genau das tut dieser Mannschaft möglicherweise gut.
Darum kann ich mit einem Vertrag bis 2029 sehr gut leben.
Nicht weil Niko Kovac plötzlich der neue Jürgen Klopp wäre.
Das muss er überhaupt nicht sein.
Vielleicht reicht es vollkommen, wenn Niko Kovac einfach Niko Kovac bleibt und der BVB endlich einmal aufhört, alle zwölf Monate eine neue Fußballreligion auszurufen.
Und jetzt bitte nicht übertreiben
Also Vertrag verlängern.
Trainer arbeiten lassen.
Mannschaft sinnvoll verstärken.
Und dann schauen wir einmal, wohin die Reise geht.
Nur eine kleine Bitte an die Dortmunder Geschäftsführung:
Wenn es im Februar irgendwann 1:1 in Augsburg steht und auf der Südtribüne erstmals jemand „Kovac raus“ murmelt, bitte nicht sofort wieder einen Krisengipfel einberufen.
Wir haben gerade angefangen, uns an diese Sache mit der Kontinuität zu gewöhnen.
Wäre schade, wenn wir das jetzt schon wieder verlernen.
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