Künstliche Intelligenz kann inzwischen Gedichte schreiben, Bilder erzeugen, Programme bauen und vermutlich bald auch erklären, warum der Drucker schon wieder nicht funktioniert.
Nur eines kann sie bislang offenbar nicht:
warten, bis genug Strom da ist.
Genau das könnte sich ändern.
Eine internationale Studie unter Leitung der TU Wien kommt zu einem eigentlich erstaunlich einfachen Vorschlag: Nicht das Stromnetz soll sich ständig nach den Rechenzentren richten.
Sondern die Rechenzentren vielleicht gelegentlich nach dem Stromnetz.
Revolutionär.
Bisher galt offenbar: Strom her, egal wann
Bislang werden Rechenzentren bei der Netzplanung im Grunde wie ganz normale Verbraucher behandelt.
Also nach dem Prinzip:
„Wir hätten gern jetzt bitte sehr viel Strom.“
Und das Netz antwortet:
„Natürlich. Sonst noch etwas?“
Das Problem:
KI-Rechenzentren brauchen nicht ein bisschen Strom.
Sie brauchen sehr viel Strom.
Vor allem das Training großer KI-Modelle kann enorme Mengen Energie verschlingen.
Und wenn gleichzeitig Industrie, Haushalte, Wärmepumpen und Elektroautos Strom wollen, kommt das Netz irgendwann an den Punkt, an dem es höflich, aber bestimmt sagt:
„Leute, jetzt reicht’s.“
Die Idee: KI darf auch mal später rechnen
Die Forscher schlagen deshalb vor, bestimmte Rechenaufgaben zeitlich zu verschieben.
Zum Beispiel das Training großer KI-Modelle.
Das muss schließlich nicht zwingend genau dann stattfinden, wenn alle anderen ebenfalls Strom brauchen.
Wenn mittags viel Solarstrom vorhanden ist:
Rechnen.
Wenn nachts der Wind ordentlich bläst:
Rechnen.
Wenn das Netz gerade ohnehin pfeift wie ein alter Sicherungskasten:
Vielleicht kurz nicht rechnen.
Man könnte sagen:
Auch künstliche Intelligenz bekommt künftig so etwas wie einen günstigen Waschmaschinentarif.
Nur 35 Stunden Drosselung im Jahr?
Besonders interessant ist eine Modellstudie aus den USA.
Dort zeigte sich:
Es könnte reichen, Rechenzentren insgesamt höchstens 35 Stunden pro Jahr etwas herunterzufahren, damit die Netzkapazitäten nicht überschritten werden.
35 Stunden.
Pro Jahr.
Das sind nicht einmal anderthalb Tage.
Angesichts der Tatsache, dass jeder Mensch schon einmal 35 Stunden auf eine Antwort vom Kundenservice gewartet hat, scheint das durchaus verkraftbar.
Die Forscher schlagen dafür spezielle Stromverträge vor.
Eine Basisleistung wäre garantiert.
Zusätzliche Leistung könnte bei Netzüberlastung vorübergehend reduziert werden.
Also ungefähr:
„Du bekommst immer Strom. Aber wenn’s eng wird, musst du kurz vom Gas.“
Standortfrage: Nicht billig muss es sein, sondern verfügbar
Interessant ist auch, wo Rechenzentren gebaut werden.
Man könnte denken:
Natürlich dort, wo Strom besonders billig ist.
Offenbar nicht unbedingt.
Für Betreiber ist oft viel wichtiger:
Wie gut ist das Netz?
Wie schnell bekomme ich einen Anschluss?
Und wie viel Strom kann ich dort tatsächlich abrufen?
Denn der schönste Billigstromtarif bringt wenig, wenn die Leitung ungefähr die Leistungsfähigkeit einer Mehrfachsteckdose aus dem Baumarkt hat.
Forscher wollen endlich wissen, wie viel Strom die Dinger eigentlich ziehen
Ein weiteres Problem:
Über den tatsächlichen Stromverbrauch vieler Rechenzentren gibt es offenbar noch zu wenig belastbare Daten.
Für Netzbetreiber ist das ungefähr so praktisch wie ein Restaurantbesucher, der sagt:
„Ich hätte gern Essen.“
Auf die Frage:
„Wie viel?“
kommt:
„Viel.“
Damit lässt sich schlecht planen.
Die Forscher fordern deshalb bessere Daten über Verbrauch, Auslastung und eingesetzte Hardware.
Anonymisiert natürlich.
Denn wenn wir eines gelernt haben, dann das:
Sobald irgendwo „Daten“ steht, wird es sofort kompliziert.
Sonst erlebt plötzlich das Gaskraftwerk sein Comeback
Der kritischste Punkt der Studie ist allerdings weniger lustig.
Wenn der Strombedarf durch KI-Rechenzentren schneller wächst als erneuerbare Energien und Netze ausgebaut werden können, könnten wieder verstärkt fossile Kraftwerke gebaut werden.
Ausgerechnet für KI.
Die Zukunftstechnologie des 21. Jahrhunderts würde dann teilweise mit Gas befeuert.
Das hätte eine gewisse Ironie.
Wir trainieren hochmoderne Modelle für eine digitale Zukunft und stellen daneben ein Gaskraftwerk hin, damit der Server nicht traurig wird.
Ende 2025 waren in den USA laut Studie 39 Prozent der geplanten Gaskraftwerksleistung für Datenzentren vorgesehen.
Das ist dann nicht mehr ganz so lustig.
Selbst Norwegen kommt ins Schwitzen
Auch Norwegen hat Probleme.
Das Land verfügt zwar über sehr viel Strom aus erneuerbaren Quellen.
Trotzdem reicht die Netzkapazität regional offenbar nicht überall für den rasanten Ausbau großer Rechenzentren aus.
Das zeigt:
Man kann reichlich Energie haben und trotzdem ein Netzproblem.
Der Strom muss schließlich nicht nur produziert werden.
Er muss auch dort ankommen, wo plötzlich zehntausend Grafikkarten gleichzeitig anfangen wollen zu denken.
Viele Milliarden, aber nicht automatisch viele Jobs
Rechenzentren bringen Investitionen.
Große Investitionen sogar.
Für Kommunen klingt das zunächst hervorragend.
Neue Anlage.
Neue Infrastruktur.
Neue Gewerbesteuern.
Neue Jobs.
Na ja.
Bei den Jobs wird es etwas dünner.
Während der Bauphase werden viele Menschen gebraucht.
Danach steht da allerdings überwiegend:
Technik.
Sehr viel Technik.
Server verlangen selten Urlaub, Elternzeit oder eine bessere Kantine.
Für Bürgermeister könnte ein Rechenzentrum deshalb wirtschaftlich attraktiv sein, aber nicht unbedingt der große dauerhafte Jobmotor.
Wenigstens könnte die KI unsere Wohnungen heizen
Einen hübschen Nebeneffekt gibt es immerhin.
Rechenzentren produzieren enorme Mengen Abwärme.
Und die könnte genutzt werden.
Zum Beispiel für Fernwärmenetze.
Dann würde künftig vielleicht die KI das Gedicht schreiben und gleichzeitig das Wohnzimmer heizen.
Das wäre immerhin praktisch.
Wenn ChatGPT schon Strom verbraucht, kann es wenigstens für warme Füße sorgen.
Das eigentliche Problem ist also gar nicht die KI
Die Studie zeichnet ein ziemlich klares Bild.
Rechenzentren müssen nicht zwangsläufig zum Problem für die Energiewende werden.
Aber nur, wenn sie clever in das Stromsystem eingebunden werden.
Also:
Rechnen, wenn viel Energie da ist.
Leistung reduzieren, wenn das Netz voll ist.
Abwärme nutzen.
Standorte vernünftig wählen.
Und vorher vielleicht einmal nachfragen, ob überhaupt genug Strom vorhanden ist.
Klingt nicht nach Science-Fiction.
Klingt eher nach gesundem Menschenverstand.
Fazit: Auch künstliche Intelligenz muss lernen, sich anzupassen
Jahrelang lautete die Frage:
Wie bauen wir das Stromnetz so aus, dass Rechenzentren jederzeit alles bekommen, was sie wollen?
Die Forscher aus Wien drehen die Frage jetzt um:
Warum sollten sich eigentlich nicht auch die Rechenzentren anpassen?
Vielleicht ist das tatsächlich die Lösung.
Denn wenn KI schon intelligent sein soll, könnte sie mit einer einfachen Lektion anfangen:
Wenn das Netz voll ist, wartest du eben kurz.
Das schafft sogar der Toaster.
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