Nach der Tötung des berüchtigten Drogenbosses Nemesio Oseguera Cervantes, bekannt als „El Mencho“, ist Mexiko von einer massiven Welle der Gewalt erschüttert worden. Mitglieder des Jalisco-New-Generation-Kartells (CJNG), einer der mächtigsten und gefürchtetsten kriminellen Organisationen des Landes, reagierten mit koordinierten Angriffen in mindestens 20 Bundesstaaten.
„El Mencho“ war am Sonntag kurz nach seiner Festnahme durch mexikanische Spezialeinheiten gestorben. Zuvor war es in der Stadt Tapalpa im Bundesstaat Jalisco zu einem heftigen Schusswechsel zwischen seinen Leibwächtern und Militärkräften gekommen. Dabei wurde der meistgesuchte Mann Mexikos schwer verletzt. Auf dem Transport nach Mexiko-Stadt erlag er schließlich seinen Verletzungen. Nach Angaben des Verteidigungsministeriums wurden bei dem Einsatz mindestens sechs seiner Sicherheitsleute getötet, drei Soldaten erlitten Verletzungen.
Brennende Barrikaden und blockierte Straßen
Nach Bekanntwerden seines Todes eskalierte die Lage in zahlreichen Städten. Kartellmitglieder errichteten Straßensperren, indem sie Fahrzeuge kaperten und mitten auf Straßen in Brand setzten. In anderen Orten verstreuten sie Nägel und Metallspitzen auf Fahrbahnen, um den Verkehr lahmzulegen. Dutzende Banken, Apotheken und weitere Geschäfte gingen in Flammen auf.
In sozialen Netzwerken verbreiteten Videos zeigten dichte Rauchwolken über Städten wie Guadalajara und dem beliebten Badeort Puerto Vallarta. Besonders in Guadalajara – einer der Austragungsorte der kommenden Fußball-Weltmeisterschaft – kam es zu Panikszenen am Flughafen. Augenzeugen berichteten, Reisende hätten sich auf den Boden geworfen oder seien in Deckung gegangen, nachdem in der Nähe Schüsse zu hören gewesen seien. Behörden wiesen Berichte über Schüsse im Terminal selbst jedoch zurück.
In vielen betroffenen Regionen riefen die Behörden die Bevölkerung auf, in ihren Häusern zu bleiben. Straßen waren zeitweise wie ausgestorben.
Erinnerungen an frühere Eskalationen
Die Ereignisse weckten Erinnerungen an das Jahr 2019, als nach der Festnahme von Ovidio Guzmán López, einem Sohn des inhaftierten Drogenbosses „El Chapo“, heftige Gefechte in Sinaloa ausbrachen. Damals sah sich die Regierung gezwungen, Guzmán vorübergehend freizulassen, um weiteres Blutvergießen zu verhindern. Seitdem gelten gewaltsame Vergeltungsaktionen der Kartelle nach spektakulären Festnahmen als nahezu vorhersehbar.
Touristen in Puerto Vallarta eingeschlossen
Besonders angespannt war die Lage in Puerto Vallarta an der Pazifikküste. Touristen wurden angewiesen, ihre Unterkünfte nicht zu verlassen. Rund 300 Reisende saßen zeitweise am Flughafen fest, nachdem Flüge gestrichen worden waren. Unter schwerer Polizeibegleitung wurden sie später in die Innenstadt gebracht.
Mehrere ausländische Regierungen warnten ihre Staatsbürger. Das britische Außenministerium riet zu „äußerster Vorsicht“ und dazu, den Anweisungen der lokalen Behörden zu folgen. Auch das US-Außenministerium forderte amerikanische Bürger in mehreren mexikanischen Bundesstaaten auf, Schutz zu suchen.
Der Gouverneur von Jalisco verhängte „Code Rot“, setzte den öffentlichen Nahverkehr aus und sagte Großveranstaltungen sowie Präsenzunterricht ab. Medien berichteten von mehr als 250 Straßenblockaden landesweit. Sicherheitskräfte erklärten, ein Großteil der Blockaden sei inzwischen geräumt worden, doch die Lage bleibe angespannt. Insgesamt wurden 25 Personen festgenommen.
Politischer Druck und internationale Zusammenarbeit
Präsidentin Claudia Sheinbaum rief die Bevölkerung zur Ruhe auf und erklärte, in weiten Teilen des Landes gehe das öffentliche Leben normal weiter. Zugleich lobte sie die Sicherheitskräfte für die Operation gegen „El Mencho“.
Die mexikanische Regierung steht seit längerem unter Druck aus Washington, entschiedener gegen den Drogenhandel vorzugehen – insbesondere gegen den Schmuggel des synthetischen Opioids Fentanyl in die USA. Die US-Regierung hatte für Hinweise, die zur Ergreifung Osegueras führen, eine Belohnung von 15 Millionen Dollar ausgesetzt.
Das mexikanische Verteidigungsministerium erklärte, die Operation sei von Armee, Nationalgarde und Luftwaffe durchgeführt worden, unterstützt durch „ergänzende Informationen“ aus den USA. Ein ehemaliger hochrangiger Beamter der US-Drogenbekämpfungsbehörde DEA bezeichnete den Einsatz als eine der bedeutendsten Aktionen in der Geschichte des Kampfes gegen den internationalen Drogenhandel.
Trotz des symbolträchtigen Erfolgs bleibt die Frage offen, ob der Tod „El Menchos“ das CJNG nachhaltig schwächen wird – oder ob sich die Gewaltspirale weiterdreht.
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