Jaguar wollte neu anfangen.
Also wirklich neu.
So neu, dass man zeitweise den Eindruck gewinnen konnte, die traditionsreiche britische Automarke wolle vor allem eines möglichst schnell hinter sich lassen: ihre eigene Vergangenheit.
Nach einem umstrittenen Marken-Relaunch, einem pinkfarbenen Konzeptauto und reichlich Kulturkampf im Netz steht nun das erste echte Ergebnis dieses Neustarts auf der Straße.
Der Jaguar Type 01.
Ein vollelektrischer Grand Tourer mit rund 1.000 PS, mehr als drei Sekunden Sprintzeit auf Tempo 100 und einem Einstiegspreis, bei dem selbst Menschen mit einem gesunden Verhältnis zu Luxus kurz nachrechnen dürften.
Mindestens 130.000 Pfund soll das Auto kosten.
Dafür bekommt man immerhin etwas, das garantiert nicht mit einem Golf verwechselt wird.
Zwischen E-Type und Raumschiff
Optisch versucht Jaguar einen bemerkenswerten Spagat.
Die lange Motorhaube erinnert bewusst an den legendären E-Type der 1960er-Jahre.
Der Rest sieht hingegen so aus, als hätte ein Bentley Continental eine längere Beziehung mit einem Cybertruck geführt.
Das muss man nicht mögen.
Übersehen kann man es aber ebenfalls nicht.
Und genau das dürfte Teil der Strategie sein.
Denn Jaguars größtes Problem war zuletzt nicht unbedingt, dass alle die Marke hassten.
Das größere Problem war, dass sich irgendwann immer weniger Menschen überhaupt noch dafür interessierten.
Der große Neustart
Bereits 2024 hatte Jaguar mit einer radikalen neuen Markenidentität für Aufsehen gesorgt.
Bunte Kleidung, neue Logos, extravagante Inszenierungen – und erstaunlich wenig Auto.
Die Reaktionen waren entsprechend heftig.
Kritiker warfen der Marke vor, ihre Vergangenheit über Bord zu werfen. Andere wiederum hielten den Aufruhr für etwas übertrieben.
Jaguar selbst machte jedenfalls deutlich, dass man gar nicht mehr jedem gefallen wolle.
Ein mutiger Satz.
Vor allem dann, wenn man anschließend noch genügend Menschen finden muss, die ein Auto für mehr als 130.000 Pfund kaufen.
1.000 PS gegen die Bedeutungslosigkeit
Technisch präsentiert sich der Type 01 jedenfalls nicht bescheiden.
Rund 1.000 PS sollen dafür sorgen, dass der elektrische Jaguar in etwa 3,2 Sekunden von 0 auf 100 km/h beschleunigt.
Die Reichweite gibt der Hersteller mit bis zu rund 515 Kilometern bei gleichmäßiger Autobahnfahrt an.
Jaguar bezeichnet das Modell als das technisch fortschrittlichste, leistungsstärkste und aerodynamischste Fahrzeug, das die Marke je gebaut habe.
Das klingt beeindruckend.
Es muss allerdings auch beeindruckend klingen.
Denn ein Auto dieser Preisklasse kann sich schlecht damit bewerben, ganz ordentlich geworden zu sein.
Die Reaktionen: zwischen Meisterwerk und Leichenwagen
Wie erwartet gehen die Meinungen über das Design weit auseinander.
Manche Beobachter feiern den Wagen als spektakulär und eigenständig.
Andere vergleichen ihn mit einem Leichenwagen oder einer Kreuzung aus Cybertruck und Bentley.
Für Jaguar dürfte genau diese Polarisierung zumindest kurzfristig gar nicht das größte Problem sein.
Schlimmer wäre vermutlich Gleichgültigkeit.
Denn eine Marke, über die gestritten wird, existiert immerhin noch im öffentlichen Bewusstsein.
Eine Marke, über die niemand mehr spricht, hat es deutlich schwerer.
Vom britischen Coolness-Symbol zum Problemfall
Jaguar war einmal ein Synonym für britischen Stil.
E-Types gehörten zu Stars wie Brigitte Bardot oder Steve McQueen.
Jahrzehnte später stand die Marke dagegen immer stärker zwischen den Stühlen.
Für viele Käufer waren Audi, BMW, Mercedes oder Porsche attraktiver.
Jaguar verlor Profil, Marktanteile und Aufmerksamkeit.
Deshalb stoppte das Unternehmen die Produktion vieler bisheriger Modelle und entschied sich für einen radikalen Neustart als elektrische Luxusmarke.
Das ist weniger ein behutsamer Umbau als vielmehr eine Operation am offenen Herzen.
Milliarden für die Zukunft
Hinter der Transformation steckt eine milliardenschwere Strategie.
Jaguar Land Rover investiert erhebliche Summen in neue Modelle und Technologien.
Der Type 01 soll dabei nur der Anfang sein.
Weitere vollelektrische Modelle sollen folgen.
Die Frage ist allerdings nicht, ob Jaguar technisch interessante Autos bauen kann.
Das konnte die Marke immer.
Die entscheidende Frage lautet vielmehr:
Gibt es genügend Käufer, die heute noch bereit sind, für einen Jaguar ähnlich viel Geld auszugeben wie für einen Porsche, Mercedes-AMG oder hochwertige neue Konkurrenten aus China?
Schwieriges Umfeld für Elektroautos
Hinzu kommt ein ungünstiger Zeitpunkt.
Gerade in den USA entwickelt sich der Markt für Elektrofahrzeuge derzeit weniger dynamisch als manche Hersteller vor wenigen Jahren erwartet hatten.
Gleichzeitig wächst der Konkurrenzdruck.
Chinesische Hersteller drängen zunehmend in das Luxussegment und kombinieren hohe Leistung mit umfangreicher Technik und aggressiver Preisgestaltung.
Jaguar muss also gleichzeitig seine Marke neu erfinden, alte Kunden ersetzen und neue Käufer überzeugen.
Das klingt ungefähr so entspannt wie ein Motorwechsel während der Fahrt.
Die eigentliche Frage ist nicht das Design
Über Pink, Logos und Werbekampagnen lässt sich hervorragend streiten.
Am Ende entscheidet jedoch etwas viel Banaleres über Jaguars Zukunft:
Verkauft sich der Type 01?
Denn Unternehmen können Kulturkämpfe überstehen.
Sie können schlechte Werbung überstehen.
Sie können sogar jahrelang orientierungslos wirken.
Was sie auf Dauer nicht überstehen, sind Autos, die niemand kauft.
Deshalb ist der Type 01 mehr als nur ein neues Modell.
Er ist möglicherweise Jaguars wichtigste Wette seit Jahrzehnten.
Wenn sie aufgeht, könnte die Marke tatsächlich wieder relevant werden.
Wenn nicht, wird man rückblickend vermutlich sagen, dass wenigstens niemand behaupten konnte, Jaguar habe es mit einem langweiligen Auto versucht.
Und vielleicht ist das die treffendste Beschreibung dieses gesamten Projekts:
Es könnte genial sein.
Es könnte katastrophal sein.
Aber durchschnittlich ist es ganz sicher nicht.
https://www.autobild.de/artikel/neuer-elektro-gt-jaguar-type-01-2027-28840193.html
Kommentar hinterlassen