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Interview mit Rechtsanwalt Jens Reime zu aktuellen BaFin-Warnungen: „Das sind keine Einzelfälle mehr – das ist ein Geschäftsmodell“

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Die BaFin warnt aktuell vor einer ganzen Reihe von Websites, die ohne Erlaubnis Bank-, Finanz-, Wertpapier- oder Kryptodienstleistungen anbieten. Betroffen sind unter anderem:

  • unzerfinanzpro(.)de (Identitätsmissbrauch zulasten der Unzer E-Com GmbH)

  • finrocketpro(.)com

  • optinomic(.)co

  • aurenbridge(.)com sowie WhatsApp-Gruppen („Aurenbridge Alliance“)

  • schnellerkredits(.)com

  • kreditsnavigations(.)com

  • pics-kredit(.)com

  • watchvestvermittlung(.)com / wv-vermittlung(.)com (Identitätsmissbrauch zulasten der Watchvest GmbH)

Wir haben mit dem auf Bank- und Kapitalmarktrecht spezialisierten Rechtsanwalt Jens Reime darüber gesprochen, was hinter diesen Warnungen steckt – und was Betroffene jetzt tun sollten.

Herr Reime, die Liste der BaFin-Warnungen wird immer länger. Wie ordnen Sie das ein?

Wir haben es längst nicht mehr mit Einzelfällen zu tun. Das ist ein systematisches Geschäftsmodell.

Die Masche ist fast immer ähnlich:
Professionell gestaltete Websites, angebliche Standorte in London oder Dublin, gefälschte Registrierungen bei Aufsichtsbehörden – und teilweise sogar Identitätsdiebstahl zulasten real existierender, regulierter Unternehmen.

Das Ziel ist, Vertrauen zu erzeugen – und schnell Geld einzusammeln.

Besonders auffällig ist der Identitätsmissbrauch, etwa bei unzerfinanzpro oder watchvestvermittlung. Was bedeutet das konkret?

Hier wird der Name eines seriösen, regulierten Unternehmens missbraucht. Verbraucher glauben, sie hätten es mit einem bekannten Finanzdienstleister zu tun – tatsächlich kommunizieren sie mit Betrügern.

Das perfide daran:
Selbst wenn man den Namen googelt, findet man echte, seriöse Unternehmen. Die Verbindung existiert jedoch nicht.

Das macht diese Fälle besonders gefährlich.

Bei Aurenbridge Alliance geht es sogar um WhatsApp-Gruppen. Wie typisch ist das?

Sehr typisch. Messenger-Dienste sind mittlerweile ein zentrales Werkzeug solcher Strukturen.

Dort werden „Investment-Gruppen“ aufgebaut, angebliche Experten posten Erfolgsscreenshots, es entsteht Gruppendruck. Über Apps wie „Cryplus“ sollen dann Investments in Krypto oder Finanzinstrumente erfolgen.

In Wahrheit handelt es sich häufig um manipulierte Plattformen, bei denen Gewinne nur vorgetäuscht werden – bis größere Beträge investiert sind.

Was raten Sie Betroffenen, die bereits Geld überwiesen haben?

Das Wichtigste zuerst:
Sofort keine weiteren Zahlungen leisten.

Dann sollten alle Beweise gesichert werden:

  • Kontoauszüge

  • Überweisungsbelege

  • E-Mails

  • Chatverläufe

  • Screenshots der Plattform

Anschließend sollte unverzüglich eine Strafanzeige erstattet werden. Parallel dazu ist eine rechtliche Prüfung sinnvoll, insbesondere im Hinblick auf mögliche Ansprüche gegen beteiligte Zahlungsdienstleister oder Banken.

Gibt es realistische Chancen, Geld zurückzuholen?

Das hängt vom Einzelfall ab.

Wenn das Geld über europäische Banken oder Zahlungsdienstleister gelaufen ist, bestehen unter Umständen Ansatzpunkte – etwa über geldwäscherechtliche Prüfpflichten.

Wenn Gelder hingegen direkt in Drittstaaten oder auf Krypto-Wallets transferiert wurden, wird es deutlich schwieriger.

Wichtig ist vor allem Geschwindigkeit. Je schneller reagiert wird, desto besser sind die Chancen.

Woran können Verbraucher solche Angebote frühzeitig erkennen?

Ein paar klare Warnsignale:

  • Keine nachprüfbare BaFin-Zulassung

  • Druck, schnell zu investieren

  • Garantierte oder unrealistisch hohe Renditen

  • Kommunikation ausschließlich über Messenger-Dienste

  • Vage oder wechselnde Firmenangaben

  • Behauptete Registrierungen, die sich nicht verifizieren lassen

Ich rate jedem Verbraucher:
Vor einer Investition unbedingt in der BaFin-Unternehmensdatenbank prüfen, ob eine Zulassung vorliegt.

Was bedeutet diese Entwicklung für den Markt?

Wir sehen eine massive Professionalisierung der Täterstrukturen. Die Websites wirken seriös, der Kundenkontakt ist geschult, teilweise sitzen Callcenter dahinter.

Das Problem ist: Die technische Eintrittsschwelle ist niedrig, die Gewinne für die Täter hoch, das Risiko gering.

Verbraucher müssen daher heute deutlich kritischer prüfen als noch vor wenigen Jahren.

Ihr abschließender Rat?

Misstrauen ist keine Unhöflichkeit – es ist Selbstschutz.

Wer Zweifel hat, sollte vor einer Zahlung unabhängigen Rat einholen. Und wenn bereits Geld geflossen ist, nicht aus Scham schweigen. Je früher man reagiert, desto größer sind die Chancen, zumindest einen Teil des Schadens zu begrenzen.

Fazit

Die aktuellen BaFin-Warnungen zeigen deutlich: Unerlaubte Finanzgeschäfte, Identitätsmissbrauch und Messenger-basierte Investmentmodelle nehmen weiter zu. Verbraucher sollten bei Kredit- und Anlageangeboten im Internet größte Vorsicht walten lassen – und im Zweifel professionelle Hilfe in Anspruch nehmen.

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