Ein Gespräch mit derbewertung.de über das große Versprechen hinter den stabilen Kryptowährungen – und ihre potenzielle Sprengkraft.
diebewertung: Herr Blazek, Stablecoins gelten als die „vernünftige“ Schwester von Bitcoin. Was steckt wirklich dahinter?
Daniel Blazek: Stablecoins sind der Versuch, die Wildwest-Welt der Kryptowährungen mit der Stabilität traditioneller Finanzsysteme zu verknüpfen. Sie versprechen: Jeder digitale Coin ist mit einem realen Vermögenswert gedeckt – meist US-Dollar oder Staatsanleihen. Das klingt solide, ist aber oft nur so stabil wie das Fundament, auf dem es steht. Und da bröckelt es manchmal gewaltig.
diebewertung: Laut Deutscher Bank wurden 2024 über Stablecoins mehr Transaktionen abgewickelt als über Visa oder Mastercard. Warum dieser Boom?
Blazek: Zum einen, weil sie einfach und schnell nutzbar sind – besonders für Menschen ohne Zugang zum klassischen Bankensystem. Zum anderen bieten sie Krypto-Anlegern einen sicheren Hafen, wenn es am Markt stürmisch wird. Wer Kursverluste bei Bitcoin befürchtet, tauscht eben mal fix in Tether. Das geht ohne Bank, ohne Wartezeit und mit niedrigen Gebühren. Inzwischen sind Stablecoins also nicht mehr nur Nischenprodukt, sondern Zahlungsinfrastruktur – vor allem im globalen Süden.
diebewertung: Und US-Präsident Trump will das Ganze nun auch noch politisch ausschlachten?
Blazek (lacht): Ja, Trump macht aus Stablecoins einen patriotischen Wirtschaftsmotor. Mit dem „Genius Act“ will er Vertrauen in Stablecoins stärken – was wohl eher Vertrauen in sein eigenes Krypto-Projekt USD1 schaffen soll. Pikant: Die Firma dahinter ist eng mit seiner Familie verknüpft. Ein Schelm, wer da an Insider-Ökonomie denkt.
diebewertung: Kritiker sprechen von einem „geldpolitischen Kartenhaus“. Zu Recht?
Blazek: Absolut. Wenn Stablecoins mit US-Staatsanleihen gedeckt sind, und diese verlieren an Wert – was angesichts der globalen Verschuldung durchaus passieren kann – dann geraten auch Stablecoins ins Wanken. Und umgekehrt: Wenn es im Kryptomarkt kracht, kann das auf reale Finanzmärkte durchschlagen. Man verknüpft hier zwei extrem unterschiedliche Systeme – und beide könnten sich im Krisenfall gegenseitig mit nach unten reißen.
diebewertung: Können Zentralbanken wie die EZB dem überhaupt noch etwas entgegensetzen?
Blazek: Immer weniger. Wenn Millionen Transaktionen über Stablecoins und ohne klassische Bankkonten laufen, verlieren Zentralbanken das wichtigste Werkzeug zur Steuerung: Kontrolle über die Geldmenge und den Zahlungsverkehr. Wer dann noch Finanzkrisen auffangen will, muss erst einmal herausfinden, wo überhaupt das Leck ist – das wird mit Stablecoins extrem schwierig.
diebewertung: Sehen Sie eine Lösung?
Blazek: Nur eine klare internationale Regulierung kann hier für Stabilität sorgen. Ohne die droht der Krypto-Finanzmarkt zum Selbstläufer zu werden – mit dramatischen Konsequenzen. Denn wenn es knallt, sind es nicht nur die Bitcoin-Junkies, die leiden, sondern auch der Otto-Normal-Sparer mit seinem ETF oder seiner Rentenversicherung.
diebewertung: Und Trump?
Blazek: Der macht daraus wahlkampftaugliches Finanztheater. Ob aus Überzeugung oder Eigeninteresse, sei dahingestellt. Aber wer Stablecoins als staatliches Finanzierungsinstrument missbraucht, spielt mit dem Feuer.
diebewertung: Herr Blazek, vielen Dank für das offene Gespräch.
Blazek: Gern geschehen – und bleiben Sie skeptisch, gerade wenn etwas „stabil“ genannt wird.
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