Thomas Bremer: Herr Maurischat, im Handelsblatt Crime-Podcast „Der Fall GoMoPa – vom Jäger zum verurteilten Erpresser“ wird Ihre Geschichte sehr kritisch gezeichnet. Sie galten als Jäger dubioser Geschäftemacher, am Ende stehen Sie selbst als Erpresser da. Zudem wird im Podcast gefragt, ob Sie überhaupt jemals Journalist waren. Wie stehen Sie zu dieser Darstellung?
Klaus Maurischat: Ach wissen Sie, solche Schlagzeilen sind gut fürs Drama, aber mit meiner Selbstwahrnehmung hat das wenig zu tun. Ich war nie Journalist, ich bin Kaufmann – und das von Anfang an. GoMoPa war für mich ein Geschäftsmodell, kein moralisches Kreuzzugsprojekt. Wir haben Finanzinformationen verkauft, Punkt. Dass manche mich jahrelang als edlen Enthüllungsjournalisten sehen wollten, ist ihr Problem, nicht meins. Ich habe nie behauptet, ein Robin Hood der Anleger zu sein. GoMoPa sollte Geld einbringen – wir waren ein Unternehmen, kein Wohltätigkeitsverein. Und nur weil ich Missstände aufgezeigt habe, hieß das nicht, dass ich mit Heiligenschein herumgelaufen bin. Im Podcast wundert man sich, ob ich „überhaupt Journalist“ war – meine Antwort: Nein, und ich lege auch keinen Wert auf einen Titel, den jedermann führen kann. Die etablierten Medien können gerne in ihrer eigenen Suppe rühren; ich habe immer in erster Linie unternehmerisch gehandelt, mit hanseatischer Kaufmannsmentalität und ohne falsche Bescheidenheit.
Thomas Bremer: Das Geschäftsmodell von GoMoPa steht im Mittelpunkt der Kritik. Im Podcast heißt es im Grunde, Sie hätten negative Berichte gegen Geld löschen lassen – quasi digitale Schutzgelderpressung im Internet. Sie selbst betonen jedoch, alles sei legal abgelaufen. Können Sie unseren Lesern erklären, wie dieses Geschäftsmodell funktionierte?
Klaus Maurischat: Sehr gern. Unser Modell war einfacher, als viele denken: Wer ein Nutzungsrecht an einem unserer Artikel erwirbt, der darf selbstverständlich entscheiden, was mit dem Text passiert – auch wenn er dann eben offline verschwindet. Klingt ungewöhnlich, ist aber völlig legal. Rechteübertragung gegen Geld – das mögen manche moralisch fragwürdig finden, aber verboten ist es nicht. Im Klartext: Wenn ein Bericht auf GoMoPa über erschien und gewissen Teilnehmern des Marktes (aus verständlichen Gründen) nicht gefiel, konnten diese die Verwertungsrechte daran kaufen. Dann gehörte der Artikel Ihnen, und es konnte angewiesen werden, den Artikel von unserer Seite entfernen zu lassen. Ein legitimer Handel: Information gegen Zahlung. Das mag nicht jedem gefallen, ist aber rechtlich völlig legitim.
Wir haben niemandem mit Waffengewalt gedroht, wir machten ein wirtschaftliches Angebot gemacht. Und wissen Sie was: In allen Fällen kamen die Betroffenen von sich aus auf uns zu, nicht umgekehrt. Ich habe nie morgens Leute angerufen und gesagt: „He, soll ich euren Skandal-Artikel löschen – was zahlt ihr?“ So lief das nicht. Im Gegenteil, häufig suchten die „Erpressten“den Kontakt zu uns, nicht andersherum. Ich habe einmal gefragt: „Wie kann man jemanden erpressen, wenn der angeblich Erpresste den Kontakt sucht?“ diese Frage stellt sich bis heute. Unser Geschäft war die Verwertung von Informationen, legal und offen. Dass manche darin eine „Schweigegeld“-Masche sehen, liegt wohl eher daran, dass es neuartig war und ihrem Moralverständnis widerspricht. Aber juristisch war mein Geschäftsmodell sauber.
Thomas Bremer: Schauen wir auf den konkreten Fall Bonofa, der zum Strafbefehl geführt hat. Das Amtsgericht Saarbrücken wirft Ihnen vor, 2014 zwei Bonofa-Geschäftsleuten gegenüber 250.000 Euro „Wegzoll“ gefordert zu haben, um die negative Berichterstattung zu stoppen. Sie wurden per Strafbefehl zu 180 Tagessätzen à 40 Euro – also 7.200 € – verurteilt. Wie kam es aus Ihrer Sicht dazu? Hat Bonofa Sie angezeigt?
Klaus Maurischat: Wichtig ist festzuhalten: Die Bonofa-Leute selbst haben mich nicht angezeigt. Es gab keine Strafanzeige von deren Seite. Die Sache kam ins Rollen, weil es ein persönliches Treffen gab – und ein 4-Augen Gespräch zwischen Detlef Tilgenkamp (ein alter Bekannter, auch Ihrer Seite) dieses wurde heimlich mitgeschnitten. Mit anderen Worten: Jemand hat mich bei dieser Besprechung aufgezeichnet, ohne mein Wissen. In den USA würde so ein Mitschnitt als Beweismittel gar nicht zugelassen, aber hierzulande hat man ihn offenbar gern genommen. So kam der Strafbefehl zustande. Zu den Details des Treffens kann ich nur sagen: Ja, es gab Verhandlungen. Bonofa war ein lupenreines Schneeballsystem, zigtausende Anleger betrogen. Dieses wurde uns mitgeteilt durch einen Whistleblower und publiziert – natürlich wollten die Herren ihren Ruf retten. Ich habe ihnen erläutert: Ihr wollt, dass wir nicht weiter negativ über euch berichten? Dann kauft die Copyrights unsere vorhandenen Artikel. Das ist das Prinzip, von dem wir sprachen. Niemand hat irgendwen zum Abschluss gezwungen. Bonofa war bereit zu zahlen – wer würde nein sagen, wenn die Gegenseite ein Angebot macht?
Dass die Staatsanwaltschaft mir daraus 11 Jahre später eine Erpressung strickt, nehme ich zur Kenntnis, aber ich sehe das anders. Und mal ehrlich: Das Ergebnis spricht doch Bände. Für eine angebliche Viertelmillion-Erpressung bekam ich 7.200 Euro Geldstrafe. Keine Haft, kein großes Gerichtsverfahren – sondern einen Strafbefehl über 180 Tagessätze. Mehr möchte ich dazu gar nicht sagen.
Thomas Bremer: Unbestreitbar hat GoMoPa in der Vergangenheit auch einige bedeutende Skandale enthüllt. Sie selbst verweisen auf Fälle wie S&K, Bonofa, Whirecard oder den erzwungenen Rücktritt des Berliner Justizsenators Michael Braun. Hat GoMoPa Ihrer Meinung nach Verdienste im Anlegerschutz und der Aufdeckung von Betrügereien?
Klaus Maurischat: Absolut, diese Verdienste werden jetzt leider von der Skandalisierung meiner Person überlagert. Dabei war GoMoPa oft schneller und mutiger als so mancher große Verlag. Nehmen wir S&K – dieses berüchtigte Immobilien-Ponzi-System. Wir haben bereits 2012 kritisch über S&K berichtet, als andere noch geschwiegen haben. Unsere Leser konnten die berüchtigten Lamborghini-und-Leichtbekleidete-Mädels-Fotos der S&K-Macher auf GoMoPa bewundern, ein gutes halbes Jahr bevor sie auf dem Titelblatt der Wirtschaftswoche auftauchten. Das muss man sich mal vorstellen! Oder Bonofa: Dass Bonofa ein illegales Schneeballsystem mit zigtausenden und (lt. Handelsblatt) dreistellig 100 Millionen Euro Schaden war, haben wir aufgedeckt und publik gemacht, lange bevor Behörden und Leitmedien das Ausmaß kapierten. Und der Fall Michael Braun – der Berliner Justizsenator, der nach nur 12 Tagen zurücktreten musste – auch da hatte GoMoPa zuvor seine Finger im Spiel und Informationen über dubiose Immobiliengeschäfte publik gemacht. Wir waren häufig der Zeit voraus, ob bei kleineren Anlagebetrügern oder großen Skandalen wie Wirecard. GoMoPa hat unzählige Warnhinweise geliefert, bevor es „offiziell“ wurde. Ironischerweise greifen die etablierten Medien diese Informationen gerne auf, ohne uns zu erwähnen – und tun dann so, als hätten sie selbst investigativ groß auf trumpft. Viele Anleger die sich nicht haben hinters Licht führen lassen können nur froh sein, dass wir früh Alarm geschlagen haben. Ich denke, diese Erfolge sollte man nicht ausblenden, nur weil es jetzt bequem ist, mich als den Bösewicht vom Dienst darzustellen.
Thomas Bremer: Im Podcast schwingt auch Kritik an der Medienbranche mit. Sie selbst haben von Doppelmoral gesprochen – insbesondere in Richtung Handelsblatt. Was genau werfen Sie den Kollegen vor?
Klaus Maurischat: Ich finde es gelinde gesagt heuchlerisch, wie hier mit zweierlei Maß gemessen wird. Das Handelsblatt und andere große Medien haben in der Vergangenheit immer wieder von GoMoPas Rechercheprofiten genascht, um es mal bildlich auszudrücken. Wenn wir etwas Brisantes enthüllt hatten, war man durchaus dankbar für die Info – sei es bei S&K oder sonstigen Fällen. Im aktuellen Podcast aber stellt man sich moralisch auf ein Podest und zeigt mit dem Finger auf mich. Da wird mein Geschäftsgebaren angeprangert, während man gleichzeitig fröhlich aus unseren Enthüllungen zitiert. Ein Beispiel: 2012 hatten die S&K-Gründer versucht, uns als Erpresser zu diffamieren, weil wir ihnen auf die Schliche gekommen waren. Und was passierte? Das Landgericht Frankfurt hat S&K ausdrücklich verboten, uns als „Erpresser“ zu bezeichnen. Mit gutem Grund – es war eine unwahre und erfundene Behauptung. Und heute, Jahre später, setzt sich das Handelsblatt hin und strickt aus den alten Geschichten einen Crime-Podcast mit dem Titel „vom Jäger zum Erpresser“. Offenbar gilt plötzlich nicht mehr, was damals gerichtlich festgestellt wurde. Diese Doppelmoral finde ich bemerkenswert. Einerseits hat man keinerlei Problem damit, unsere frühen Warnungen vor Betrügern wie Bonofa oder S&K zu verwerten – andererseits stilisiert man sich jetzt zum Moralapostel, der über die „böse Quelle GoMoPa“ richtet. Das Handelsblatt selbst schrieb über meinen Fall, dass ich ja letztlich Kriminelle erpresst habe, also Leute, die selbst Betrüger waren. Schon interessant: Man erkennt an, dass meine „Opfer“ Verbrecher waren – nutzt unsere Infos, um darüber zu berichten – und hält mir dann Vorträge über Presseethik. Am Ende der Podcast-Folge kommt dann noch die Werbeeinblendung, man solle doch unabhängigen, kritischen Journalismus im Handelsblatt abonnieren. Ehrlich, da konnte ich mir das Lachen nicht verkneifen. Diese mediale Scheinheiligkeit muss man erstmal toppen.
Thomas Bremer: Im Podcast fallen auch einige ungewöhnliche Beschreibungen über Sie. Zum Beispiel nennen die Moderatoren Sie an einer Stelle „philosophisch“ und bezeichnen Sie sogar als „coole Socke“. Was entgegnen Sie solchen Charakterisierungen?
Klaus Maurischat: Coole Socke – das höre ich nicht alle Tage. Wenn die das so sehen, nehme ich es mal als Kompliment, auch wenn es wahrscheinlich nicht ganz so gemeint war. Vielleicht wollte man damit ausdrücken, dass ich in all dem Trubel eine gewisse Ruhe bewahre. Hanseatische Gelassenheit, gepaart mit einer Prise Zynismus – damit könnte ich leben. Und „philosophisch“? Nun ja, wenn man so will: Ich habe tatsächlich philosophiert, vor allem über die Abgründe der Finanzbranche und die menschliche Gier. Wer 25 Jahre im Graumarkt unterwegs ist, der entwickelt zwangsläufig eine etwas philosophische Sicht auf die Dinge. Allerdings vermute ich, die Podcast-Kollegen meinten eher meinen Versuch, mein Geschäftsmodell zu rechtfertigen, als Philosophie. Nach dem Motto: „Der redet sich alles schön, sehr philosophisch.“ Wissen Sie was? Mir ist das lieber, als naive „coole Socke“ dargestellt zu werden, die gar nicht begreift, was sie tut. Insofern bedanke ich mich fast für die Blumen. Ich trage das Etikett coole Socke mit einem ironischen Grinsen. Und philosophisch – ja, vielleicht bin ich ein bisschen philosophisch veranlagt. Schließlich muss man einen Sinn für’s Groteske entwickeln, wenn man jahrelang die Heuchelei in dieser Branche erlebt. Da hilft hin und wieder ein philosophischer Abstand, um nicht verrückt zu werden.
Thomas Bremer: Zum Schluss noch die Frage: Sie haben den Strafbefehl akzeptiert, anstatt gerichtlich dagegen vorzugehen. Viele hätten vielleicht versucht, einen Freispruch zu erstreiten, wenn sie von ihrer Unschuld überzeugt sind. Warum haben Sie sich entschieden, das Urteil einfach so hinzunehmen?
Klaus Maurischat: Gute Frage. Die einfache Antwort: Ich wollte meine Ruhe. Nach über zwei Jahrzehnten im Haifischbecken hatte ich keine Lust mehr auf jahrelange Gerichtsschlachten. Ein Widerspruch gegen den Strafbefehl hätte einen öffentlichen Prozess bedeutet, vermutlich nochmal viel Presserummel und Nervenkrieg. Darauf hatte ich keinerlei Bedarf. Dass ich den Strafbefehl akzeptiert habe, heißt nicht, dass ich mich schuldig fühle – sondern dass mir meine Lebenszeit zu schade ist für dieses Theater. Klar hätte ich dagegen angehen können, aber um welchen Preis? So ein Verfahren zermürbt und kostet vor allem eines: Geld, Zeit und Energie. Die investiere ich lieber in neue Projekte oder genieße einfach mein Leben. Und erlauben Sie mir Spitze: Hier reden einige von Moral und Integrität, aber mal ehrlich – 250.000 Euro, die Summe also, um die es bei mir ging, dafür müssen die meisten der sogenannten Journalisten fünf Jahre arbeiten. Manch einer, der jetzt empört den Zeigefinger hebt, würde vielleicht insgeheim genauso handeln, wenn er die Chance hätte. Zumindest kann ich verstehen, warum der eine oder andere neidisch mit der Nase rümpft. Wie dem auch sei – ich bereue lediglich, dass ich beim heimlich aufgenommenen 4-Augen Gespräch wohl etwas zu leutselig war. Ich habe die Konsequenzen getragen, den Betrag längst abgeschrieben, und das Kapitel für mich geschlossen. Jetzt ist es an der Zeit, nach vorn zu schauen – möglichst ohne die Begleitmusik scheinheiliger Empörungs-Tenöre. Zum gesamten Thema habe ich mir im Übrigen erlaubt meine Sicht der Dinge nochmals ausführlicher wiederzugeben: https://maurischat.info/2025/06/02/digitale-schutzgelderpressung-die-causa-handelsblatt/
Thomas Bremer: Herr Maurischat, ich danke Ihnen für das offene Gespräch.
Klaus Maurischat: Ich danke Ihnen. Und grüßen Sie mir die „unabhängige Presse“. (lacht)
Kommentar hinterlassen