In der Kleinstadt Social Circle im US-Bundesstaat Georgia kämpfen seit Monaten ausgerechnet ein Demokrat und ein Konservativer Seite an Seite gegen dasselbe Vorhaben.
Jeden Morgen steigen Gareth Fenley und John Miller in ihre Autos und fahren mehrere Kilometer über von Farmen gesäumte Straßen zu einer riesigen, grauen Lagerhalle am Ortsrand. Dort angekommen, prüfen sie aufmerksam, ob irgendwo Bauarbeiten begonnen haben. Jedes Mal, wenn das Millionen-Quadratfuß-Gebäude unberührt bleibt, sind sie erleichtert.
Die leerstehende Industriehalle wurde im Februar vom US-Heimatschutzministerium (DHS) gekauft. Sie ist Teil eines milliardenschweren Plans, in den USA Dutzende neue Abschiebe- und Haftzentren für Migranten zu errichten.
Doch gegen diese Pläne regt sich nicht nur in demokratisch geprägten Gegenden Widerstand, sondern auch in konservativen Orten wie Social Circle. Die Stadt hatte bei der vergangenen Wahl mehrheitlich für Donald Trump gestimmt – und damit auch für dessen Versprechen, Millionen Menschen ohne Aufenthaltsstatus abzuschieben.
Trotzdem ist die Botschaft vieler Einwohner eindeutig.
Wie Fenley sagt: „Die Leute haben unterschiedliche Gründe, aber sie stehen hinter derselben Aussage: Ein Haftzentrum ist hier nicht willkommen.“
Eine Kleinstadt mit nur einem Stoppschild
Viele Bewohner, die Trumps harte Migrationspolitik grundsätzlich unterstützen, lehnen das Projekt trotzdem ab. Ihr Hauptargument: Eine solche Einrichtung würde den Ort überfordern.
Das geplante Zentrum könnte bis zu 10.000 Menschen aufnehmen – und damit die Bevölkerung von Social Circle praktisch verdreifachen. Aus einer ruhigen Kleinstadt würde aus Sicht vieler Einwohner eine Art Gefängnisstandort werden.
Im März zog Stadtmanager Eric Taylor deshalb eine drastische Konsequenz: Er ließ die Wasserversorgung für das Gebäude abgeschaltet. Damit wurde der kleine Ort mit nur einer Ampel plötzlich zu einem Symbol des lokalen Widerstands gegen die Migrationspläne der Bundesregierung.
Taylor begründete den Schritt damit, dass die Stadt ohne genaue Folgenabschätzung nicht riskieren könne, ihre gesamte Wasserversorgung zu gefährden. Sobald der Wasseranschluss geöffnet werde, habe die Anlage Zugriff auf das gesamte städtische System.
Inzwischen scheinen die Pläne für das Abschiebezentrum zumindest vorerst auf Eis zu liegen.
Das Heimatschutzministerium deutete an, die Pläne für weitere ähnliche Lagerhallen zu überprüfen. Was mit bereits gekauften Gebäuden geschehen soll, bleibt jedoch offen. Auf eine direkte Anfrage zum Standort in Social Circle reagierte das Ministerium nicht konkret. In einer Erklärung hieß es lediglich, man überprüfe derzeit bestehende Vorschläge und interne Prozesse.
Das Wasser reicht nicht
Im Zentrum des Konflikts steht vor allem die Infrastruktur.
Social Circle wurde bereits im Jahr 1832 gegründet. Heute leben dort rund 5.000 Menschen. Die Wasserversorgung des Ortes gilt schon seit Jahren als problematisch. Nach Angaben der Stadt darf Social Circle täglich nur rund eine Million Gallonen Wasser aus dem Alcovy River entnehmen. Im Sommer werden davon bereits etwa 800.000 Gallonen verbraucht.
Nach Angaben von ICE würde das geplante Haftzentrum jedoch allein eine Million Gallonen Wasser pro Tag benötigen.
Für Stadtmanager Taylor war deshalb von Anfang an klar, dass die Stadt diesen Anschluss nicht einfach freigeben kann. Er erklärte, schon bei Eingang des Antrags habe er der Behörde gesagt, dass der Wasserzähler verschlossen bleibe, bis klar sei, welche Auswirkungen das Projekt auf die Versorgung habe.
Sorgen um Brunnen, Straßen und Abwasser
Auch John Miller, dessen 50 Hektar große Pferdefarm direkt gegenüber der Lagerhalle liegt, hält den Standort für völlig ungeeignet.
Er kritisiert vor allem, dass die Gemeinde weder rechtzeitig informiert noch einbezogen worden sei. Für ihn ist das ein wiederkehrendes Muster bei solchen Projekten: Entscheidungen werden getroffen, ohne die betroffenen Orte wirklich zu fragen.
Nach seinen Angaben habe die Bundesregierung verschiedene Notlösungen ins Spiel gebracht – etwa einen eigenen Brunnen auf dem Gelände oder den täglichen Transport von Wasser per Lkw.
Beides hält Miller für problematisch. Neue Brunnen könnten die Wasserversorgung seiner eigenen Farm beeinträchtigen, auf der Pferde, Hühner, Katzen und Hunde versorgt werden müssen. Und Wassertransporte würden den kleinen Ort ebenfalls stark belasten: Seiner Schätzung nach wären dafür rund sechs bis sieben Lastwagen pro Stunde, rund um die Uhr, nötig.
Dazu kommt die Sorge um das Abwassersystem. Taylor weist darauf hin, dass die Kanalisation des Ortes aus dem Jahr 1962 stammt und seit Jahrzehnten sanierungsbedürftig ist. Für die zusätzliche Belastung durch die Anlage gebe es schlicht keine Kapazität.
Widerstand im ganzen Land
Seit bekannt wurde, dass die Lagerhalle in Social Circle zu einem der neuen Abschiebezentren werden soll, organisieren sich die Bewohner gegen das Projekt. Auslöser war ein Bericht der Washington Post im vergangenen Dezember, wonach das Gebäude zu den 23 Standorten gehörte, die dafür vorgesehen waren.
Seitdem gab es Proteste, Informationsveranstaltungen und Gespräche mit Politikern. Auch der demokratische Senator Raphael Warnock besuchte den Standort. Sein Büro nahm zudem an einem Briefing mit ICE-Vertretern teil. Viele Fragen seien aber weiterhin unbeantwortet geblieben.
Social Circle ist damit kein Einzelfall. Auch in anderen Bundesstaaten regt sich Widerstand gegen ähnliche Projekte. In Michigan klagte der Staat jüngst gegen ein geplantes ICE-Zentrum in Romulus. Auch in New Jersey und Maryland wurden juristische Schritte gegen entsprechende Vorhaben eingeleitet. In New Hampshire konnten Einwohner von Merrimack bereits erfolgreich Druck auf Politiker ausüben und ein Projekt stoppen.
Für viele geht es auch um Menschenrechte
Für manche Einwohner ist das Problem nicht nur die Infrastruktur, sondern auch die Frage, unter welchen Bedingungen Menschen dort untergebracht würden.
Die Demokratin Gareth Fenley sagt, sie sorge sich um Menschen, die in einer Halle untergebracht würden, die ursprünglich gar nicht für menschliches Leben gedacht sei. Hinzu komme die Angst vor Missständen in Abschiebehaft.
Laut ICE starben allein zwischen Januar 2026 und Anfang März mindestens 13 Einwanderer in Gewahrsam der Behörde. Bürgerrechtsgruppen werfen den Einrichtungen seit Langem vor, Menschen unter unsicheren Bedingungen festzuhalten – etwa bei Nahrungsmangel, Überbelegung und mangelhafter medizinischer Versorgung.
Andere sehen vor allem die Folgen für die Umgebung.
Valerie Walthart, die auf einer Tierfarm in der Nähe arbeitet, bringt es auf den Punkt: Der Ort habe eine Highschool, eine Postleitzahl, einen Supermarkt und eine Ampel. Wenn die Bevölkerung plötzlich verdreifacht werde, sei die Gemeinde schlicht überfordert.
Auch Eltern äußern Sicherheitsbedenken. Die Lagerhalle liegt nur wenige Minuten von einer Grundschule entfernt. Für viele Familien ist das ein weiterer Grund zur Sorge.
Selbst Republikaner stellen sich quer
Bemerkenswert ist, dass der Widerstand auch von Republikanern getragen wird.
Der republikanische Kongressabgeordnete Mike Collins, der den Wahlkreis vertritt, sprach sich öffentlich gegen den Standort aus. Zwar unterstütze er grundsätzlich die Arbeit von ICE und die Abschiebung krimineller Migranten, doch Social Circle habe nicht die nötigen Ressourcen für eine solche Einrichtung.
Auch viele Trump-Wähler in der Region formulieren ihren Widerstand nicht als Ablehnung der Einwanderungspolitik, sondern als Ablehnung dieses konkreten Standorts.
Der Rinderfarmer Steven Williford, der ebenfalls Trump gewählt hat, bezeichnete das Projekt als eine Art „notwendiges Übel“. Abschiebezentren seien vielleicht grundsätzlich notwendig. Aber in seiner Heimatstadt halte er ein solches Vorhaben für falsch – vor allem, weil die Gemeinde weder vorbereitet noch gefragt worden sei.
Auch Miller sagt, er verstehe, dass solche Einrichtungen gebraucht würden, um Menschen festzuhalten und Verfahren zu ermöglichen. Aber trotzdem wolle realistisch gesehen kaum eine Kommune selbst ein solches Zentrum vor der Haustür haben.
Früher sei Social Circle für das bekannte Blue Willow Inn, ein traditionsreiches Buffet-Restaurant, bekannt gewesen. Heute drohe der Ort einen ganz anderen Ruf zu bekommen.
Sein bitterer Satz dazu:
„Früher waren wir für das Blue Willow Inn bekannt. Jetzt werden wir als Georgias größtes kleines Abschiebezentrum in Erinnerung bleiben.“
Neue Führung, neue Prüfung?
Einige Einwohner hoffen nun, dass ein Führungswechsel in Washington tatsächlich zu einem Umdenken führt.
Trump hatte Anfang März Heimatschutzministerin Kristi Noem entlassen, nachdem es heftige Kritik an der Migrationspolitik der Regierung gegeben hatte. Auslöser waren Vorfälle in Minneapolis, bei denen Bundesbeamte zwei US-Bürger erschossen hatten.
Als Nachfolger nominierte Trump Senator Markwayne Mullin. In der Folge deutete das Heimatschutzministerium an, man wolle die Pläne noch einmal überprüfen.
In einer Stellungnahme verwies die Behörde auf Aussagen Mullins aus seiner Anhörung im Senat. Demnach müsse man zwar die Heimat schützen, wolle aber zugleich mit lokalen Verantwortlichen zusammenarbeiten und ein guter Partner für die Gemeinden sein.
Vorläufige Atempause
Eigentlich sollte das Zentrum in Social Circle schon im April eröffnet werden. Doch bislang scheint es keine sichtbaren Fortschritte zu geben. Weder wurde ein Betreibervertrag vergeben, noch haben die notwendigen Umbauarbeiten begonnen.
Dabei müsste aus der leeren Halle ein riesiger Komplex mit Hafträumen, Gerichtsbereichen, Freizeitzonen, Kantinen und sogar einem Schießstand werden.
Für viele Bewohner ist die aktuelle Pause deshalb eine große Erleichterung.
Valerie Walthart sagt, die Entscheidung verschaffe den Menschen zumindest etwas Luft zum Atmen. Seit Monaten wache man fast jeden Tag mit der Frage auf, ob heute der Tag sei, an dem die Lastwagen anrollen.
Noch, sagt sie, könne man das Leben in der Kleinstadt wenigstens ein bisschen länger genießen.
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