Es war einer der spektakulärsten Gefängnisausbrüche in der jüngeren US-Geschichte: Zehn Häftlinge entkamen Mitte Mai aus dem „Orleans Justice Center“ in New Orleans. Fünf Monate später ist klar: Alle sind wieder in Haft. Der Fall hatte nicht nur eine Großfahndung ausgelöst, sondern auch grundlegende Mängel im Justizsystem der Stadt offengelegt.
„Zu einfach, LOL“ – Flucht wie aus dem Film
Am 16. Mai gegen Mitternacht nutzten zehn Männer eine Reihe von Sicherheitslücken im Gefängnis, um sich durch eine Wand zu graben, eine Toilette zu entfernen, über ein Baugelände zu fliehen und sich schließlich unter Stacheldraht hinweg in die Freiheit zu retten. Einer hinterließ auf der Wand noch eine Spottbotschaft: „To Easy LOL“ – falsch geschrieben, aber inhaltlich unmissverständlich.
Die Flucht blieb stundenlang unbemerkt. Erst gegen 8:30 Uhr am nächsten Morgen schlug das Gefängnispersonal Alarm – da hatten die Männer bereits einen Vorsprung von über sieben Stunden.
Die Täter: vom Mörder bis zum Auto-Dieb
Unter den Flüchtigen befanden sich mehrere Männer, die wegen schwerer Verbrechen angeklagt oder bereits verurteilt waren – darunter Mord, bewaffneter Raub und Körperverletzung. Besonders heikel: Einige von ihnen waren in Fällen involviert, bei denen Zeugen unter Polizeischutz standen. Zwei Staatsanwälte flohen vorsorglich mit ihren Familien aus der Stadt, einige Opfer wurden verlegt.
Einer der bekanntesten Ausbrecher war Derrick Groves, verurteilt wegen eines tödlichen Schusswechsels während des Mardi Gras 2018. Seine Familie war bereits Ziel von Gewalt geworden – ein Mord in den 1990er-Jahren mit Polizeibezug hatte landesweit für Aufsehen gesorgt.
Gefängnis unter Druck: Fehlendes Personal, marode Technik, offene Türen
Die Flucht offenbarte massive Schwächen im Gefängnisbetrieb. Die Verantwortlichen gaben zu: Zum Zeitpunkt der Flucht war kein Wärter vor Ort. Eine zivile Angestellte, die Überwachungskameras beobachten sollte, war in der Pause. Ein Techniker hatte zuvor das Wasser abgestellt – laut eigener Aussage wegen einer verstopften Toilette, doch er wurde später wegen mutmaßlicher Fluchthilfe festgenommen.
Untersuchungen ergaben: Das Personal sei deutlich unterbesetzt. Während das Gefängnis für 800 Insassen ausgelegt war, waren über 1.400 untergebracht. Sicherheitskontrollen fielen regelmäßig aus. Einem Bericht zufolge wurden nachts nur sieben Prozent der vorgeschriebenen Zellenkontrollen durchgeführt.
Großfahndung, hohe Belohnungen – und Hilfsbereite Komplizen
In den Wochen nach dem Ausbruch wurde eine 200-köpfige Sondereinheit eingesetzt, 50.000 Dollar wurden pro Flüchtigem als Belohnung ausgesetzt. Einige Männer wurden schnell gefasst – unter Autos, auf Supermarktbänken, in leerstehenden Wohnungen. Andere flüchteten hunderte Kilometer weit. Zwei wurden in Texas aufgegriffen.
Mehrere Helfer – darunter ehemalige Gefängnismitarbeiter, Freunde, Angehörige und sogar mutmaßliche Opfer – wurden festgenommen. Eine Frau, die eine Beziehung mit einem der Ausbrecher gehabt haben soll, wurde wegen Fluchthilfe angeklagt.
Letzter Flüchtiger gefasst – kurz vor der Sheriff-Wahl
Der vorletzte Flüchtige, Antoine Massey, wurde Ende Juni gefasst – nur wenige Kilometer vom Gefängnis entfernt. Derrick Groves, der letzte auf freiem Fuß, konnte schließlich Anfang Oktober in Atlanta (Georgia) gestellt werden – nach über vier Monaten auf der Flucht. Sein Arrest erfolgte nur wenige Tage vor der Wahl zur Sheriff-Position, was zu Spekulationen führte.
Politische Aufarbeitung: Rücktrittsforderungen, Vorwürfe, Millionenschäden
Die Flucht kostete die Stadt New Orleans nicht nur eine halbe Million Dollar, sondern löste auch politische Turbulenzen aus. Die Sheriff, Susan Hutson, sah sich Rücktrittsforderungen gegenüber, blieb aber im Amt. Kritiker warfen ihr Missmanagement vor. Sie selbst sprach von systemischen Problemen: zu wenig Geld, zu wenig Personal, veraltete Infrastruktur.
Auch die Staatsregierung kündigte Konsequenzen an. Der republikanische Gouverneur Jeff Landry forderte eine Überprüfung des gesamten Justizsystems.
In der Stadt diskutiert man seither nicht nur über Fluchtpläne, sondern auch über langfristige Reformen: bessere Ausbildung, höhere Gehälter für Justizpersonal, mehr Geld für Sicherheitsmaßnahmen – und eine ehrliche Auseinandersetzung mit den sozialen Ursachen von Kriminalität.
Fazit:
Ein Gefängnisausbruch wie aus einem Hollywood-Film brachte nicht nur zehn Häftlinge für Monate auf die Flucht, sondern ein ganzes System ins Wanken. Die vollständige Wiedererfassung der Flüchtigen mag Erleichterung bringen – doch die eigentlichen Baustellen bleiben.
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