Deutschland könnte 2027 erstmals eine Frau an die Spitze des Staates wählen. Und vielleicht wäre es zugleich eine Gelegenheit, eine weitere Lücke zu schließen: Noch nie kam ein Bundespräsident aus Ostdeutschland.
Warum also nicht eine Bundespräsidentin mit ostdeutscher Biografie?
Dabei muss der Blick keineswegs automatisch auf die üblichen Namen aus Bundestag, Parteizentralen und Ministerien fallen. Das Grundgesetz verlangt keine jahrzehntelange Parteikarriere. Bundespräsidentin kann jede Deutsche werden, die das Wahlrecht zum Bundestag besitzt und mindestens 40 Jahre alt ist.
Das eröffnet ein wesentlich größeres Feld.
Eine Unternehmerin könnte Bundespräsidentin werden. Eine Wissenschaftlerin ebenso. Eine Schriftstellerin, eine Schauspielerin, eine frühere Spitzensportlerin oder eine Persönlichkeit aus der Bürgergesellschaft.
Gerade für das Amt des Staatsoberhauptes könnte eine solche Biografie interessant sein. Denn der Bundespräsident führt keine Bundesregierung und beschließt keine Steuersätze. Das Amt soll repräsentieren, Orientierung geben, gesellschaftliche Debatten anstoßen und unterschiedliche Teile des Landes miteinander ins Gespräch bringen.
Vielleicht sollte deshalb einmal nicht zuerst gefragt werden: Wer hat das richtige Parteibuch?
Sondern: Wer kann dieses Land erzählen?
Eine Frau zwischen zwei deutschen Welten
Eine mögliche Antwort wäre Maybrit Illner.
Sie wurde 1965 in Berlin geboren, arbeitete bereits beim Fernsehen der DDR und studierte Journalistik in Leipzig. Nach der Wiedervereinigung gelang ihr eine außergewöhnliche Medienkarriere. Seit Jahrzehnten interviewt sie Regierungschefs, Minister, Parteivorsitzende und internationale Entscheidungsträger. Seit 1999 moderiert sie einen der wichtigsten politischen Talks des Landes. ZDF Presseportal
Illners Lebenslauf erzählt damit gleichzeitig von DDR, Wiedervereinigung und Bundesrepublik.
Sie kennt Politik sehr genau, ohne selbst Berufspolitikerin zu sein.
Das wäre für das Amt zumindest eine ungewöhnliche Konstellation: Eine Frau, die jahrzehntelang Politikern Fragen gestellt hat, müsste plötzlich selbst Antworten über den Zustand des Landes formulieren.
Katarina Witt: Eine Deutsche, die schon für zwei Systeme auf dem Eis stand
Noch internationaler wäre eine andere Biografie.
Katarina Witt wurde 1965 geboren und wurde als Eiskunstläuferin zu einem der bekanntesten Gesichter der DDR. Zwei Olympiasiege, vier Weltmeistertitel und sechs Europameisterschaften machten sie zu einem Weltstar.
Nach dem Ende der DDR gelang ihr etwas, was vielen nicht gelang: Sie setzte ihre Karriere international fort, arbeitete als Produzentin, Moderatorin, Schauspielerin und Unternehmerin und engagiert sich seit Jahren gesellschaftlich.
Mit ihrer 2005 gegründeten Stiftung unterstützt sie Kinder und Jugendliche mit körperlichen Beeinträchtigungen; nach Angaben der Stiftung wurden inzwischen Hunderte Projekte gefördert. Katarina Witt
Ihre Geschichte ist deshalb mehr als eine Sportgeschichte.
Sie erzählt von einem Leben, das in der DDR begann und nach 1990 nicht abbrach, sondern sich vollkommen neu erfand.
Fränzi Kühne: Die Generation, die als Kind die DDR verlor
Eine ganz andere ostdeutsche Erfahrung verkörpert Fränzi Kühne.
Sie wurde 1983 in Ost-Berlin geboren und wuchs in Marzahn auf. Als die Mauer fiel, war sie sechs Jahre alt.
Später gründete sie eine Digitalagentur und wurde als junge Unternehmerin und Aufsichtsrätin bekannt. Ihre Eltern blieben nach dem Zusammenbruch der DDR im Osten und machten sich selbstständig – eine Erfahrung, die Kühne selbst als prägend beschrieben hat. Wikipedia
Damit steht sie für eine Generation, über die bei der deutschen Einheit manchmal erstaunlich wenig gesprochen wird:
Menschen, die noch in der DDR geboren wurden, deren berufliche Biografie aber vollständig im vereinigten Deutschland entstand.
Eine solche Bundespräsidentin würde weniger die Erinnerung an 1989 verkörpern als vielmehr die Frage, was aus der Generation geworden ist, die damals Kinder waren.
Ines Geipel: Eine Biografie, die auch die dunklen Seiten der DDR erzählt
Ostdeutsche Geschichte besteht allerdings nicht nur aus Wiedervereinigung und gelungenem Neubeginn.
Ines Geipel steht für eine wesentlich schmerzhaftere Biografie.
1960 in Dresden geboren, wurde sie Leistungssportlerin in der DDR und gehörte Anfang der achtziger Jahre zur Nationalmannschaft. Nachdem Fluchtpläne bekannt geworden waren, geriet sie ins Visier der Staatssicherheit und musste ihre Sportkarriere beenden. 1989 floh sie aus der DDR.
Später setzte sie sich intensiv mit DDR-Zwangsdoping, politischer Repression und deutscher Diktaturgeschichte auseinander. Von 2001 bis 2025 war sie Professorin an der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch. Bundesstiftung Aufarbeitung
Eine Persönlichkeit wie Geipel würde im Schloss Bellevue eine andere Perspektive verkörpern:
Nicht die Erinnerung an die DDR als nostalgische Kulisse, sondern die Auseinandersetzung mit Diktatur, Anpassung, Widerstand und den langfristigen Folgen politischer Gewalt.
Jana Hensel: Die Stimme der Nachwende-Generation
Auch Jana Hensel steht für eine Generation, die anders über Ostdeutschland spricht.
1976 in Borna geboren und in Leipzig aufgewachsen, war sie 13 Jahre alt, als sie gemeinsam mit ihrer Mutter an den Leipziger Montagsdemonstrationen teilnahm.
Mit ihrem Buch „Zonenkinder“ wurde sie später zu einer der bekanntesten Stimmen jener Ostdeutschen, die ihre Kindheit in der DDR verbrachten, aber im vereinigten Deutschland erwachsen wurden.
Ihre Texte kreisen immer wieder um eine Frage, die politisch bis heute nicht erledigt ist:
Warum erleben Ost- und Westdeutsche manche Entwicklungen noch immer unterschiedlich, obwohl die staatliche Einheit längst mehr als drei Jahrzehnte zurückliegt?
Auch diese Erfahrung könnte für ein Staatsoberhaupt interessant sein.
Sabine Rennefanz: Aufgewachsen in Eisenhüttenstadt
Ähnlich gelagert ist die Biografie der Journalistin und Autorin Sabine Rennefanz.
Sie stammt aus Brandenburg und wuchs in Eisenhüttenstadt auf. In ihren Büchern und journalistischen Arbeiten beschäftigt sie sich immer wieder mit ostdeutschen Lebensläufen, Transformationserfahrungen und den gesellschaftlichen Verwerfungen nach 1989.
Auch sie gehört zu jener Generation, die weder ausschließlich DDR-Bürgerin noch klassische Westdeutsche ist.
Gerade diese Zwischenposition prägt viele Menschen im Osten.
Christiane Paul: Medizin, Schauspiel und Ost-Berliner Kindheit
Auch die Schauspielerin Christiane Paul würde nicht dem üblichen Präsidentinnenprofil entsprechen.
Sie wurde 1974 in Ost-Berlin geboren, wuchs in Pankow auf und studierte Medizin. Parallel entwickelte sie eine erfolgreiche Schauspielkarriere.
Ihre Biografie verbindet damit Wissenschaft und Kultur – zwei Bereiche, aus denen deutsche Staatsoberhäupter bislang kaum gekommen sind.
Claudia Michelsen, Dagmar Manzel, Katrin Sass und Katharina Thalbach
Auch die Kultur bietet mehrere Frauen, deren Lebensgeschichten eng mit beiden deutschen Staaten verbunden sind.
Claudia Michelsen, geboren 1969 in Dresden, wurde noch in der DDR an der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch ausgebildet.
Dagmar Manzel, Jahrgang 1958 und in Ost-Berlin geboren, begann ihre Laufbahn ebenfalls im DDR-Theater und setzte sie nach der Wiedervereinigung mit großer Kontinuität fort.
Katrin Sass, 1956 in Schwerin geboren, gehörte bereits in der DDR zu den bekannten Schauspielerinnen und erlebte nach 1990 auch persönlich die Härten des gesellschaftlichen und beruflichen Umbruchs.
Und Katharina Thalbach, 1954 in Ost-Berlin geboren, ging bereits 1976 nach West-Berlin. Ihre Biografie verbindet Ost und West damit schon lange vor dem Mauerfall.
Diese Frauen erzählen deutsche Geschichte nicht aus Regierungssitzungen heraus, sondern über Theater, Film und persönliche Erfahrung.
Gabriele Stötzer und Freya Klier: Frauen des Widerstands
Wer eine Bundespräsidentin mit ausgeprägter Bürgerrechtsbiografie suchen würde, könnte ebenfalls außerhalb der Parteipolitik fündig werden.
Gabriele Stötzer wurde in der DDR wegen ihres politischen Engagements verfolgt und inhaftiert. 1989 beteiligte sie sich in Erfurt an der Besetzung der dortigen Stasi-Bezirksverwaltung.
Freya Klier, 1950 in Dresden geboren, erlebte ebenfalls Gefängnis, politische Repression und Berufsverbot. Später wurde sie Autorin, Regisseurin und eine wichtige Stimme der Aufarbeitung der SED-Diktatur.
Solche Biografien würden das Bundespräsidentenamt zwangsläufig stark mit Freiheit, Rechtsstaat und der Erinnerung an politische Verfolgung verbinden.
Und warum eigentlich keine Unternehmerin?
Deutschland diskutiert über Spitzenämter fast immer im selben Personenkreis.
Ministerpräsidenten.
Bundesminister.
Parteivorsitzende.
Fraktionsvorsitzende.
Dabei könnte gerade eine Bundespräsidentin außerhalb dieses Systems eine andere Perspektive einbringen.
Eine Frau wie Christine Herntier etwa verbindet ostdeutsche Industriegeschichte, Unternehmertum und kommunale Verantwortung. Sie war Unternehmerin in der Lausitz und später parteilose Bürgermeisterin von Spremberg.
Auch solche Lebensläufe erzählen viel über Ostdeutschland:
über Betriebe, die verschwanden, Unternehmen, die neu aufgebaut wurden, Strukturwandel, Abwanderung und den Versuch, Regionen wirtschaftlich zusammenzuhalten.
Die eine „Ostfrau“ gibt es nicht
Vielleicht wäre genau das die wichtigste Erkenntnis bei der Suche.
Es existiert nicht die eine ostdeutsche Frauenbiografie.
Eine Katarina Witt hat die DDR anders erlebt als Ines Geipel.
Eine Fränzi Kühne anders als Freya Klier.
Eine Jana Hensel anders als Dagmar Manzel.
Eine Unternehmerin aus der Lausitz anders als eine Journalistin aus Ost-Berlin.
Und genau das macht die Diskussion interessant.
Ostdeutsche Frauen waren Sportlerinnen und Bürgerrechtlerinnen, Wissenschaftlerinnen und Arbeiterinnen, Unternehmerinnen und Künstlerinnen. Manche arrangierten sich mit dem System, manche bekämpften es, manche waren bei der Wiedervereinigung noch Kinder.
Wenn Deutschland über eine Bundespräsidentin aus dem Osten spricht, sollte es deshalb nicht nach einer Person suchen, die vermeintlich „den Osten“ repräsentiert.
Das kann niemand.
Die Parteien müssten über ihren eigenen Schatten springen
Am Ende entscheidet allerdings die Bundesversammlung.
Und damit wird aus einer gesellschaftlichen Idee zwangsläufig eine politische Entscheidung.
Eine parteilose Kandidatin hätte keine eigene Fraktion hinter sich. Sie müsste von Parteien vorgeschlagen oder zumindest unterstützt werden.
Gerade darin könnte aber eine Chance liegen.
CDU/CSU und SPD könnten sich beispielsweise auf eine Persönlichkeit verständigen, die nicht unmittelbar einem der beiden politischen Lager zugerechnet wird.
Ob eine der hier genannten Frauen dafür tatsächlich zur Verfügung stünde oder von Parteien vorgeschlagen würde, ist derzeit offen. Ebenso wenig lässt sich aus ihren Biografien eine politische Bereitschaft zur Kandidatur ableiten.
Die Namen zeigen vielmehr, wie viel größer das denkbare Feld ist, wenn man die Suche nicht an der Tür des Bundestages beendet.
Vielleicht wäre genau das ein Signal
Nach Jahrzehnten deutscher Einheit wäre eine Bundespräsidentin aus Ostdeutschland zunächst ein symbolischer Schritt.
Aber Symbole sind beim Amt des Bundespräsidenten nicht nebensächlich.
Sie gehören zu seinem Wesen.
Ein Staatsoberhaupt verkörpert etwas.
Es erzählt durch seine eigene Lebensgeschichte immer auch eine Geschichte über das Land.
Deshalb könnte die nächste Bundespräsidentenwahl Anlass sein, einmal anders zu suchen.
Nicht zuerst:
Welche Partei bekommt das Amt?
Nicht:
Welcher Minister wartet schon lange genug?
Sondern:
Welche Persönlichkeit könnte Menschen aus sehr unterschiedlichen Lebenswelten erreichen?
Welche Frau könnte glaubwürdig über Ost und West sprechen, ohne daraus zwei getrennte Länder zu machen?
Welche Biografie erzählt etwas darüber, was Deutschland seit 1989 geworden ist?
Und vielleicht steht am Ende tatsächlich eine Frau vor Schloss Bellevue, die weder Parteivorsitzende noch Ministerpräsidentin war.
Dann würde es zum ersten Mal in der Geschichte der Bundesrepublik heißen:
Guten Tag, Frau Bundespräsidentin.
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