Es sollte der Ludwig‑Erhard‑Gipfel werden. Wurde er auch. Zumindest auf dem Papier. Im echten Leben entwickelte sich das Treffen jedoch eher zum großen politischen Polterabend mit anschließender Massenabsage. Und bei WELT TV? Da wurde er kurzerhand zum Konrad‑Adenauer‑Gipfel erklärt. Aber dazu später.
Zunächst die Fakten: Der Gipfel wird von der Weimer Media Group veranstaltet – gegründet von niemand Geringerem als Wolfram Weimer, mittlerweile Kulturstaatsminister. Eine Konstellation, die bei genauerem Hinsehen ungefähr so elegant wirkt wie eine Drehtür zwischen Regierung und Verlagshaus.
Söder macht den Anfang – und dann kommt: nichts
Markus Söder, sonst gern überall Schirmherr, erklärte öffentlich seinen Rückzug. Begründung: Man müsse „ökonomische und politische Dinge klar trennen“. Übersetzung: Bevor das Wort „Geschmäckle“ noch öfter fällt, bleibe ich lieber zuhause.
Danach setzte ein politisches Domino ein, wie man es sonst nur von kurzfristig abgesagten Kindergeburtstagen kennt.
Dorothee Bär? Leider verhindert – Norwegen ruft.
Thorsten Frei? Dienstliche Verpflichtungen.
Lars Klingbeil? Schon vorher abgesagt, ganz zufällig.
Katherina Reiche? Keine Zusage, aber viele Gedanken.
Alois Rainer? Prüft noch, ob er lieber die Kühe füttert.
Zurück blieb: der Gipfel. Und viel frische Bergluft.
Geld weg, Compliance her
Auch finanziell wird auf Abstand gegangen. Das bayerische Wirtschaftsministerium zieht sich voraussichtlich zurück, nachdem in den vergangenen Jahren noch sechsstellige Beträge geflossen waren. Jetzt wird geprüft. Sehr gründlich. Mit dem Wort Compliance auf jeder zweiten Seite.
Parallel dazu trennt sich Kulturstaatsminister Weimer vorsorglich von seinen Firmenanteilen – zumindest temporär und über einen Treuhänder. Die Geschäftsführung hatte er ja schon vorher verlassen. Das wirkt ein bisschen wie: Ich bin nicht mehr da, aber mein Mantel hängt noch.
Die Weimer Media Group weist derweil alle Vorwürfe zurück, man habe gegen Geld exklusiven Zugang zu Bundesministern verkauft. Einfluss? Nein, nein. Das sei nur… Netzwerken. Mit Aussicht.
Und dann kam Norbert Bolz
Während sich Politiker reihenweise vom Tegernsee verabschieden, sorgt Norbert Bolz bei WELT TV für den eigentlichen Höhepunkt:
Er macht aus dem Ludwig‑Erhard‑Gipfel kurzerhand einen Konrad‑Adenauer‑Gipfel.
Ein Moment, in dem selbst der Altkanzler im Grab vermutlich kurz die Augenbrauen hob.
Man weiß nicht, was peinlicher war: der Versprecher selbst oder die Selbstverständlichkeit, mit der er vorgetragen wurde. Ein Gipfel, zwei Kanzler, null Fakten – live im Fernsehen. Chapeau, Herr Bolz. Geschichtsunterricht als Improvisationstheater.
Fazit
Was bleibt, ist ein Gipfel ohne Gipfelstürmer, eine Teilnehmerliste mit vielen Konjunktiven und ein Fernsehbeitrag, der beweist:
👉 Politische Distanz ist das neue Nähe‑Bekenntnis
👉 Compliance das neue Alibi
👉 Und Ludwig Erhard jederzeit durch Konrad Adenauer ersetzbar – zumindest bei WELT TV
Ein peinlicher Abend? Vielleicht.
Ein lehrreicher? Auf jeden Fall.
Denn man hat wieder einmal gelernt:
Nicht jeder Gipfel braucht Teilnehmer – manche brauchen nur gute Ausreden.
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