Grönland, das autonome Territorium im Königreich Dänemark, sieht sich mitten in einem geopolitischen Machtkampf – angefacht durch US-Präsident Donald Trump. Seine jüngsten Aussagen, die Insel notfalls auch gegen den Willen Dänemarks und der Bevölkerung „zu nehmen“, sorgen bei den rund 57.000 Einwohnern, vor allem indigenen Inuit, für erhebliche Unruhe.
Während US-Außenminister Marco Rubio in der kommenden Woche mit dänischen Regierungsvertretern über die Zukunft Grönlands sprechen will, zeigt sich die Bevölkerung in der Hauptstadt Nuuk alarmiert – und vor allem eines: erschöpft.
„Wir leben hier friedlich, in Ruhe. Wir sind es leid, vom US-Präsidenten benutzt zu werden“, sagt die junge Töpferin Pilu Chemnitz, während sie ihren Hund durch die verschneiten Straßen führt. „Die Kolonialzeit unter Dänemark hat viele Wunden hinterlassen – aber jetzt wollen wir einfach nur unsere Ruhe.“
Angst vor einem „gewaltsamen Zugriff“
Besonders nach Trumps Militäreinsatz in Venezuela wächst bei vielen Grönländerinnen und Grönländern die Angst vor einem möglichen gewaltsamen Zugriff der USA.
Eine ältere Frau, die anonym bleiben will, bringt es auf den Punkt: „Ich habe Angst – Todesangst.“ Ein Rentner betont wütend mit dem Spazierstock: „Die US-Flagge darf niemals in Nuuk gehisst werden!“
Dabei lehnt laut aktuellen Umfragen die überwältigende Mehrheit (85 %) der Bevölkerung eine Übernahme durch die USA ab – viele wünschen sich aber langfristig die Unabhängigkeit von Dänemark, auch wenn man die finanziellen Zuwendungen aus Kopenhagen durchaus zu schätzen weiß.
„Wir wollen mitreden – nicht nur über uns gesprochen werden“
Im grönländischen Parlament trifft die BBC-Reporterin Pipaluk Lynge-Rasmussen, außenpolitische Sprecherin der linksgerichteten, pro-unabhängigen Partei Inuit Ataqatigiit. Sie kritisiert, dass große geopolitische Akteure – die USA, Dänemark, die NATO, die EU – aktuell über Grönland reden, aber kaum mit den Menschen vor Ort.
„Wir sind kein Spielball“, sagt sie. „Jetzt ist der Moment, in dem wir zeigen müssen, wie wichtig Grönland ist – und unsere Interessen laut vertreten.“
Auch sie richtet Erwartungen an das Treffen mit Außenminister Rubio: Man hoffe auf „Verständigung und Kompromiss“ – etwa im Bereich Handel, Rohstoffförderung oder einer militärischen Kooperation mit den USA. Doch klar sei: „Wir entscheiden, mit wem wir Geschäfte machen – nicht Washington.“
Trump will mehr als Kooperation
Trump hat wiederholt erklärt, Grönland sei für die nationale Sicherheit der USA von zentraler Bedeutung – und es müsse „Teil Amerikas“ werden. In Washington wird neben einem möglichen Kauf auch ein Referendum unter den Grönländern ins Spiel gebracht. Ein militärisches Vorgehen will die US-Regierung offiziell nicht ausschließen.
Zwar unterhält die US-Armee bereits seit Jahrzehnten einen Stützpunkt in Thule (Nordgrönland), doch Washington wirft Dänemark vor, nicht genug für die Sicherheit der Insel zu tun.
Fakt ist: Grönland ist geostrategisch enorm wichtig – etwa als Frühwarnstandort gegen russische Raketen, potenzieller Ort für Abfangsysteme („Golden Dome“) oder zur Überwachung des GIUK-Gaps (Seeweg zwischen Grönland, Island und Großbritannien).
Gleichzeitig verfügt Grönland über immense Rohstoffvorkommen, darunter seltene Erden – Ressourcen, an denen auch China und Russland zunehmend Interesse zeigen.
Zwischen Weltpolitik und Alltagsleben
Pele Broberg, Oppositionspolitiker der nationalkonservativen Partei Naleraq, kritisiert, dass viele Grönländer durch mediale Dramatisierung in Angst versetzt würden. „Wir sind nicht zu verkaufen – aber wir sollten offen für Geschäfte sein. Aktuell sind wir eine dänische Kolonie, die ihre Waren aus 4.000 km Entfernung importiert, statt aus den USA, die viel näher liegen.“
Broberg fordert mehr wirtschaftliche Eigenständigkeit und einen freien Handel mit Partnern nach Wahl – egal ob USA, Dänemark oder andere Länder.
Arktis als geopolitisches Pulverfass
Auch geopolitisch ist Grönland ins Zentrum eines globalen Wettbewerbs gerückt. Während Russland und China ihre militärische Präsenz in der Arktis verstärken, setzen NATO-Staaten, darunter auch Großbritannien und Kanada, auf gemeinsame Sicherheitsstrategien mit den USA. Premierminister Keir Starmer rief kürzlich zur engeren Zusammenarbeit mit Washington auf.
Die Angst wächst, dass der jahrzehntelange fragile Frieden in der Arktis, seit dem Kalten Krieg bewahrt, ins Wanken gerät. Das einstige Motto der Arktis-Kooperation – „High North, low tension“ – gerät in Gefahr.
Grönland steht nun an einem geopolitischen Scheideweg: Spielball der Mächte – oder selbstbestimmter Akteur? Die kommenden Gespräche in Kopenhagen dürften eine erste Antwort liefern.
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