Gold steigt, als gäbe es kein Morgen. Über 60 Prozent Plus in Dollar in einem Jahr, inflationsbereinigt so teuer wie nie. Normalerweise wäre das der Moment, in dem Analysten geschniegelt vor Kameras treten und das Wort „Blase“ so oft sagen, bis der Chart sich aus Scham selbst korrigiert.
Doch diesmal ist es komplizierter.
Vielleicht ist es tatsächlich eine Blase.
Oder – schlimmer für das Establishment – ein Misstrauensvotum gegen das gesamte Finanzsystem.
Denn Gold macht gerade etwas, das es laut Lehrbuch eigentlich nicht tun sollte: Es steigt, obwohl die klassischen Erklärmodelle nicht sauber passen. Reale Zinsen hoch? Eigentlich schlecht für Gold. Inflation fällt? Auch nicht ideal. Und trotzdem rennt das Metall weiter nach oben, als hätte es Bloomberg-Terminals kollektiv blockiert.
Die plausible Erklärung ist unerquicklich: Seit die USA 2022 russische Devisenreserven eingefroren haben, haben Zentralbanken weltweit offenbar verstanden, dass „sichere Reserven“ manchmal vor allem dann sicher sind, solange Washington gute Laune hat. Also kaufen sie lieber etwas, das weder Server, Sanktionen noch eine US-Behörde braucht: einen glänzenden Klumpen Metall mit mittelalterlichem Image und erstaunlich moderner Funktion.
Während Privatanleger weiter in KI-Fantasien und Kryptomärchen taumeln, kaufen Zentralbanken seit drei Jahren jeweils mehr als 1.000 Tonnen Gold. Nicht aus Nostalgie. Sondern weil man in geopolitisch hysterischen Zeiten lieber etwas hält, das man anfassen kann und das nicht von einem anderen Staat als Verbindlichkeit verbucht wird.
Der eigentliche Witz ist: Die Goldhausse sieht gar nicht aus wie eine typische Manie. Keine Massenhysterie, keine Goldgräberstimmung, keine ETF-Euphorie. Wall Street wirkt eher gelangweilt. Analysten prognostizieren für 2028 Preise, die unter dem aktuellen Spotpreis liegen – ein Finanzmarkt-Klassiker, auch bekannt als: „Wir erklären später, warum wir das leider nicht kommen sahen.“
Der Unterschied zu 1979? Damals war Amerika Gläubiger mit Zinswaffe. Heute ist es der größte Schuldner der Welt mit gigantischem Defizit, politischer Nervosität und einer Notenbank, die einen Volcker-Moment wahrscheinlich nur so lange durchhielte, bis der erste größere Markt hustet.
Gold steigt also vielleicht nicht, weil es verrückt geworden ist.
Vielleicht wird nur sichtbar, dass das Papier drumherum zunehmend absurd wirkt.
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