Startseite Interviews Generation Forest eG unsere kritische Bilanzanalyse und was ein ausgewiesener Genossenschaftskenner sagt
Interviews

Generation Forest eG unsere kritische Bilanzanalyse und was ein ausgewiesener Genossenschaftskenner sagt

TheDigitalArtist (CC0), Pixabay
Teilen

Kritische Bilanzanalyse: The Generation Forest eG (Hamburg) – Geschäftsjahr 2024

Die Bilanz der Hamburger Genossenschaft The Generation Forest eG für das Jahr 2024 liefert auf den ersten Blick ein solides Bild – insbesondere durch eine beachtliche Steigerung des Eigenkapitals. Doch bei näherem Hinsehen offenbaren sich strukturelle Risiken, ungewöhnliche Bilanzpositionen und ein bemerkenswert hoher Anteil nicht eingezahlter Geschäftsanteile. Eine detaillierte Analyse zeigt, warum Anleger genau hinschauen sollten.

1. Bewertung der Bilanzstruktur (2024 vs. 2023)

Bilanzsumme:

  • 2024: 25.889.723,14 EUR
  • 2023: 23.907.922,51 EUR

Ein Anstieg der Bilanzsumme um knapp 2 Millionen Euro – überwiegend finanziert durch neue Mitglieder und nicht durch operative Einnahmen.

Auffälligkeit:

  • Der Posten „Rückständige Einzahlungen auf Geschäftsanteile“ ist mit 3,7 Mio. EUR (rund 14,5 % der Bilanzsumme) sehr hoch. Dieser Rückstand stellt eine Art „Schattenrisiko“ dar: Es ist Kapital, das bilanziell aktiviert wird, aber nicht eingezahlt wurde. Eine Nichtzahlung bedeutet sofortigen Wertverlust.

Eigenkapitalquote:

  • Formal liegt diese bei über 99 %, da kaum Verbindlichkeiten existieren. Doch das Bild täuscht. Der Großteil des bilanzierten Eigenkapitals sind noch nicht realisierte Einzahlungen und langfristig gebundene Vermögenswerte (wie Ausleihungen an verbundene Gesellschaften).

2. Anlageseite – Kapitalbindung in Panama und Co.

Langfristige Ausleihungen:

  • EUR 20,1 Mio. an verbundene Gesellschaften in Panama
  • Diese sind kaum liquidierbar und unterliegen politischen, währungs- und rechtsstaatlichen Risiken.
  • Rückflüsse sind ungewiss. Die Kapitalbindung ist hoch, bei fraglicher Transparenz der Empfänger.

Beteiligungen:

  • Beteiligungen an drei Gesellschaften in Panama und den Niederlanden. Eine davon schrieb 2024 einen Verlust (Forestal Filo del Tallo S.A.).
  • Keine nennenswerten Erträge dieser Gesellschaften für die Genossenschaft.

3. Liquidität und Rückstellungen

Liquiditätsquote:

  • Nur 553.000 EUR kurzfristiges Umlaufvermögen bei laufenden Verpflichtungen (Miete, Personal, Betriebskosten).

Rückstellungen:

  • Haben sich deutlich reduziert (2024: 60.501 EUR vs. 2023: 150.869 EUR). Ob dies der tatsächlichen Risikolage entspricht, ist fraglich.

Verbindlichkeiten:

  • Sind gering (63.709 EUR), aber das Gesamtbild zeigt eine Abhängigkeit von stetigem Zufluss neuer Mitgliedseinlagen.

4. Ertragslage & Geschäftsmodell

Die Genossenschaft erklärt selbst, dass sie in der jetzigen Phase (Mitgliederwerbung, Aufforstung) keine Erträge erzielt und Verluste eingeplant sind. Erst in ca. 20 Jahren sollen Holzverkäufe Erträge bringen. Diese extrem langfristige Ausrichtung birgt enorme Risiken – ökologisch, ökonomisch und geopolitisch.

Transparenz: Die Berichterstattung ist formal korrekt, aber es fehlen Informationen zu:

  • Kostenstruktur im operativen Geschäft
  • Liquiditätsplanung
  • Rückflusserwartungen aus Ausleihungen

Interview mit Rechtsanwalt Daniel Blazek, Experte für Genossenschaftsrecht

Redaktion: Herr Blazek, wie bewerten Sie den Jahresabschluss der The Generation Forest eG aus juristischer Sicht?

RA Daniel Blazek: Formal ist der Abschluss HGB-konform aufgestellt. Doch entscheidend ist der wirtschaftliche Gehalt – und der wirft Fragen auf. Besonders problematisch finde ich die hohen offenen Einlagen und die extreme Kapitalbindung in Auslandsgesellschaften. Die Mitglieder finanzieren hier ein langfristiges Projekt, ohne realistische Mitsprache oder direkte Rückflüsse.

Redaktion: Ist dieses Geschäftsmodell rechtlich zulässig?

Blazek: Grundsätzlich ja. Doch es stellt sich die Frage, ob neue Mitglieder tatsächlich vollständig über die Risiken, die lange Kapitalbindung und das Fehlen von Erträgen aufgeklärt werden. Nach meiner Erfahrung ist das oft nicht der Fall. Die Informationspflichten sind hoch – insbesondere bei strukturell riskanten Genossenschaften.

Redaktion: Was raten Sie Mitgliedern?

Blazek: Wer investiert hat, sollte sich die Unterlagen genau anschauen: Zeichnungsschein, Informationsbroschüre, Satzung. Im Zweifel empfehle ich eine anwaltliche Prüfung. Wer überlegt beizutreten, sollte sich fragen: Bin ich bereit, mein Geld für 20 Jahre zu binden – ohne Garantie auf Rückfluss?

Redaktion: Gibt es Anhaltspunkte für eine unzulässige Kapitalrücklage oder eine verbotene Einwerbung?

Blazek: Bei der Höhe der offenen Einzahlungen stellt sich die Frage, ob diese systematisch eingeplant werden, um die Bilanzsumme zu stützen. Das wäre kritisch. Ebenso wäre zu prüfen, ob Prospektpflichten ausgelöst wurden – gerade wenn in größerem Umfang Anteile öffentlich beworben werden.

Fazit: Die The Generation Forest eG verfolgt ein ökologisch lobenswertes, aber wirtschaftlich riskantes Modell. Die Bilanz 2024 zeigt eine steigende Abhängigkeit von frischem Kapital, fehlende kurzfristige Rückflüsse und eine extrem langfristige Planung. Anleger sollten sich bewusst machen, dass sie ihr Kapital faktisch einem Zweckbetrieb mit Entwicklungshilfecharakter anvertrauen – und keinen klassischen Renditeerwartungen.


Für eine individuelle Prüfung durch einen Genossenschaftsanwalt wie RA Daniel Blazek stehen wir Ihnen auf Anfrage gerne zur Verfügung.

Kommentar hinterlassen

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Kategorien

Ähnliche Beiträge
Interviews

Hochzeitsgeld, Steuerflucht oder Goldbarren vom Nikolaus?“ – Ein Gespräch mit Rechtsanwalt Daniel Blazek

Redaktion: Herr Blazek, über 100 Millionen Euro sind bei dem Einbruch in...

Interviews

„Ein Wendepunkt im Völkerrecht“ – Interview mit dem Rechtsanwalt Daniel Blazek

Titel: Rechtsanwalt Daniel Blazek über den Angriff auf Venezuela: „Ein Rückfall in...

Interviews

Interview mit Rechtsanwalt Daniel Blazek: Was bedeutet der zweite Sonderbeauftragte bei der VdW Pensionsfonds AG?

Frage: Herr Blazek, die BaFin hat einen zweiten „Sonderbeauftragten“ bei der VdW...

Interviews

Interview mit Rechtsanwalt Jens Reime zur Pan American Energy Corp. und dem Boom seltener Erden

Redaktion: Herr Reime, Seltene Erden sind derzeit in aller Munde. Was halten...