Früher zog es Schauspieler nach Hollywood. Heute zieht es sie von dort weg. Paris statt Beverly Hills, London statt Los Angeles, Croissant statt Content-Meeting. Die amerikanische Traumfabrik erlebt gerade ein bemerkenswertes Phänomen: Selbst ihre Stars scheinen den Glauben an den Standort USA zu verlieren.
Angelina Jolie fühlt sich in Europa als Künstlerin „besser verstanden“. Das ist höflich formuliert. Übersetzt heißt es vermutlich: In Frankreich wird man noch als Schauspielerin behandelt – und nicht als wandelndes Intellectual Property mit Franchise-Potenzial.
Die Liste der Auswanderungswilligen liest sich inzwischen wie das Gästebuch eines Arthouse-Festivals mit Premium-Steuersatz: Wes Anderson, Sofia Coppola, Natalie Portman, Aaron Paul – alle in Paris oder auf dem Sprung dorthin. George Clooney bekam gleich die französische Staatsbürgerschaft. Man kann es ihm nicht verdenken. Wer einmal lang genug US-Politik beobachtet hat, hält ein französisches Bürgeramt plötzlich für einen Ort innerer Ruhe.
Das neue Wort dafür lautet: „Frollywood“. Klingt charmant, ist aber in Wahrheit eine elegante Umschreibung für:
„Selbst die Reichen und Berühmten möchten gerade lieber woanders leben.“
Die Gründe sind vielfältig. In Europa gibt es mehr Privatsphäre, weniger Paparazzi, bessere Arbeitsbedingungen, steuerliche Anreize, ein cinephiles Publikum – und offenbar weniger Studiobosse, die Filme behandeln wie Zahnpasta-Marken mit Quartalsbericht.
Denn genau da liegt das Problem Hollywoods: Die Branche wird nicht mehr von Filmverrückten geführt, sondern von Tabellenkalkulationsromantikern. Wo früher Exzentriker mit Zigarren Projekte ruinierten, ruinieren heute Finanzmanager mit PowerPoint dieselben Projekte effizienter. Kunst? Gerne – solange sie sich als Streaming-IP mit internationaler Markenfähigkeit und minimalem Reputationsrisiko rechnet.
Dann kam noch Trump, dazu Streiks, KI-Angst, prekäre Jobs, kreative Erschöpfung. Und plötzlich wirkt Paris wie das, was Los Angeles einmal sein wollte: ein Ort, an dem Regisseure noch Regisseure sein dürfen und nicht bloß Content-Lieferanten für Algorithmen.
Besonders schön: Selbst „Saturday Night Live“ wurde nun nach London exportiert. Wenn Amerikas Satire schon nach Großbritannien ausweicht, ist das fast schon geopolitisch.
Am Ende bleibt ein bitterer Befund:
Hollywood produziert weiter Eskapismus – nur seine Stars nehmen ihn inzwischen selbst in Anspruch.
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