Seit Beginn des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine haben EU und USA Dutzende Sanktionspakete gegen Moskau beschlossen. Wie die britische Zeitung The Guardian berichtet, stammen viele konkrete Hinweise für diese Maßnahmen jedoch nicht allein aus Ministerien – sondern von zivilgesellschaftlichen Initiativen und ehrenamtlichen Rechercheuren.
Der Zufallsfund mit Folgen
Im Sommer 2022 stieß beispielsweise die 22-jährige Ukrainerin Olena Jurchenko in einem russischsprachigen Onlineforum auf eine Diskussion über sogenannte CNC-Maschinen – computergesteuerte Werkzeugmaschinen, die für präzise Fertigung unverzichtbar sind. Ohne sie müssten zentrale militärische Bauteile wie Panzer- oder Raketenkomponenten aufwendig per Hand hergestellt werden.
Jurchenko fand heraus: Russland produziert solche Maschinen kaum selbst und war stark auf westliche Lieferungen angewiesen. Nach monatelangen Recherchen und Gesprächen landeten CNC-Maschinen schließlich auf den Sanktionslisten der EU und der US-Regierung unter Präsident Joe Biden.
Die Folge: Russland bezieht inzwischen den Großteil dieser Technik aus China – oft in geringerer Qualität – oder versucht, sie über Drittstaaten wie Belarus und zentralasiatische Länder zu beschaffen.
Zivilgesellschaft als Sanktionsmotor
Laut The Guardian haben sich seit 2022 lose Netzwerke aus Analysten, Aktivisten und Fachleuten gebildet, die Russlands Lieferketten systematisch untersuchen. Organisationen wie ESCU oder die US-Initiative DeKleptocracy analysieren Importdaten, Firmenverflechtungen und Rohstoffströme – von Spezialchemikalien für Motoröl bis zu Chrom für die Beschichtung von Artillerierohren.
Ein Beispiel: Recherchen ergaben, dass Russland große Mengen spezieller Schmierstoff-Zusätze importiert, die für militärische Fahrzeuge essenziell sind. In einem anderen Fall drängten Aktivisten erfolgreich darauf, den Export arktistauglicher Spezialschiffe zu sanktionieren, die für russische Flüssiggasprojekte benötigt werden.
Regierungsvertreter räumen ein, dass diese Hinweise wertvoll seien. Behörden seien oft überlastet und könnten nicht jede Lieferkette im Detail prüfen. Die zivilgesellschaftlichen Gruppen hingegen arbeiteten mit hoher Spezialisierung und Ausdauer.
Wirkung mit Verzögerung
Die Sanktionen haben Russlands Krieg bislang nicht gestoppt. Doch Experten sehen eine schleichende Erosion industrieller Kapazitäten. Die Maßnahmen wirkten „wie viele kleine Schnitte“, heißt es in dem Bericht – jeder für sich begrenzt, in der Summe jedoch belastend.
Gerade Russlands industrielle Schwächen treten dabei zutage: Bei Motoren, Spezialmaschinen oder bestimmten Chemikalien ist das Land auf Importe angewiesen. Sanktionen zwingen Moskau zu Umwegen, verteuern Beschaffung und senken die Qualität.
Neue Form wirtschaftlicher Kriegsführung
Die enge Zusammenarbeit zwischen Regierungen und zivilgesellschaftlichen Netzwerken gilt als neuartige Entwicklung. Beobachter gehen davon aus, dass dieses Modell – eine Art „Sanktions-Community“ aus staatlichen und nichtstaatlichen Akteuren – auch über den aktuellen Krieg hinaus Bestand haben könnte.
Der Bericht von The Guardian zeigt damit ein oft übersehenes Element des Konflikts: Neben militärischer und diplomatischer Unterstützung spielt auch die gezielte Analyse globaler Lieferketten eine zentrale Rolle – und engagierte Freiwillige wirken dabei maßgeblich mit.
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