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Fliegen im Klimawandel: Mehr Unwetter, mehr Turbulenzen, mehr Verspätungen

JESHOOTS-com (CC0), Pixabay
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Der Luftverkehr steht vor einer Herausforderung, die in den kommenden Jahren immer deutlicher spürbar werden könnte. Steigende Temperaturen, heftigere Gewitter, Starkregen, Turbulenzen und ein ansteigender Meeresspiegel könnten dazu führen, dass Flugreisen störungsanfälliger, komplizierter und möglicherweise auch teurer werden.

Wie empfindlich das europäische Luftverkehrssystem auf extremes Wetter reagieren kann, zeigte sich bereits während einer sommerlichen Gewitterlage über Großbritannien und Teilen Nordeuropas. Während zahlreiche Reisende zu Beginn der Ferienzeit auf dem Weg zu den großen Londoner Flughäfen Heathrow und Gatwick waren, entwickelten sich kräftige Gewitterzellen. Fluglotsen mussten Maschinen um die Unwetter herumleiten, wodurch der ohnehin stark ausgelastete Luftraum zunehmend verstopfte.

Die Folgen waren erheblich: Rund 900 Flüge von und zu den beiden Flughäfen verspäteten sich, teilweise um bis zu elf Stunden. Weitere Verbindungen wurden vollständig gestrichen. Auch an anderen europäischen Flughäfen mussten Passagiere lange warten, weil ihre Maschinen nicht wie geplant nach London fliegen konnten.

Solche Situationen könnten in Zukunft häufiger auftreten. Experten aus der Luftfahrtbranche weisen darauf hin, dass der Klimawandel Wetterlagen instabiler machen kann. Gerade über dicht beflogenen Regionen wie Großbritannien, Benelux oder Mitteleuropa kann ein kräftiges Gewittersystem schnell Auswirkungen auf Tausende Flugbewegungen haben.

Der frühere Pilot und heutige Luftfahrtrisiko-Berater Tim Atkinson hält sogar ein Szenario für denkbar, bei dem mehrere Londoner Flughäfen gleichzeitig durch Gewitter beeinträchtigt werden. In einem solchen Fall könnten zahlreiche Flugzeuge kurzfristig Ausweichflughäfen benötigen. Das wäre nicht nur für Reisende unangenehm, sondern würde auch die gesamte Verkehrssteuerung vor enorme Herausforderungen stellen.

Nicht alle Fachleute sehen dieses Risiko gleichermaßen dramatisch. Der ehemalige Airline-Manager Andrew Charlton verweist darauf, dass die Luftfahrtindustrie über große Erfahrung im Umgang mit schwierigen Situationen verfügt. Extremfälle müssten zwar in Planungen berücksichtigt werden, dürften aber nicht automatisch als wahrscheinlich angesehen werden.

Warum Gewitter für den Flugverkehr so problematisch sind

Gewitter entstehen durch sogenannte konvektive Prozesse. Warme und feuchte Luft steigt schnell auf, dehnt sich dabei aus und kühlt ab. Die enthaltene Feuchtigkeit kondensiert und es bilden sich große Wolkensysteme.

Mit zunehmender Erwärmung der Atmosphäre steht grundsätzlich mehr Energie für solche Prozesse zur Verfügung. Gleichzeitig kann wärmere Luft mehr Feuchtigkeit aufnehmen. Pro zusätzlichem Grad Erwärmung kann die Atmosphäre ungefähr sieben Prozent mehr Wasserdampf speichern. Dadurch steigt das Potenzial für besonders kräftige Niederschläge.

Das bedeutet allerdings nicht automatisch, dass überall häufiger Gewitter auftreten müssen. Die Entwicklung hängt von zahlreichen meteorologischen Faktoren ab. Wissenschaftliche Untersuchungen deuten jedoch darauf hin, dass insbesondere in höheren Breiten der Nordhalbkugel die Bedingungen für intensive Gewitter günstiger werden könnten.

Für Piloten sind solche Wetterzellen etwas, das nach Möglichkeit umflogen wird. Moderne Verkehrsflugzeuge sind zwar dafür ausgelegt, auch schwierige Wetterbedingungen zu bewältigen. Dennoch können starke Gewitter erhebliche Turbulenzen, Hagel und extreme Luftbewegungen verursachen.

Hagel kann beispielsweise Cockpitscheiben beschädigen oder Triebwerke beeinträchtigen. Heftige Turbulenzen wiederum können unangeschnallte Passagiere und Besatzungsmitglieder durch die Kabine schleudern.

Deshalb gilt in der Luftfahrt grundsätzlich: Sicherheit geht vor Pünktlichkeit. Wenn eine Gewitterfront umflogen werden muss, wird ein längerer Flugweg akzeptiert, auch wenn dadurch Verspätungen entstehen.

Moderne Technik hilft, kann das Wetter aber nicht beherrschen

Verkehrsflugzeuge verfügen heute über leistungsfähige Wetterradarsysteme. Diese können Gewitterzellen bereits in großer Entfernung erkennen. Zusätzlich stehen den Besatzungen aktuelle meteorologische Informationen und digitale Wetterdaten zur Verfügung.

Das Problem besteht darin, dass sich Gewitter sehr schnell verändern können. Professor Guy Gratton von der Cranfield University beschreibt viele dieser Systeme deshalb eher als taktische als als strategische Hilfsmittel.

Piloten können also erkennen, dass sich vor ihnen eine gefährliche Gewitterzelle befindet, und kurzfristig eine andere Route anfordern. Eine langfristige und vollkommen zuverlässige Planung über einen gesamten Flug hinweg ist dagegen schwieriger.

Werden Ausweichmanöver häufiger notwendig, steigt auch der Treibstoffverbrauch. Airlines könnten deshalb künftig gezwungen sein, vorsorglich zusätzliche Treibstoffreserven einzuplanen.

Das wiederum verursacht höhere Kosten. Da Treibstoff zu den größten Ausgaben einer Fluggesellschaft gehört, könnten steigende Betriebskosten langfristig auch auf die Ticketpreise durchschlagen.

Starkregen kann ganze Flughäfen lahmlegen

Nicht nur Gewitter in der Luft stellen ein Problem dar. Auch extreme Niederschläge am Boden können den Flugverkehr massiv beeinträchtigen.

Ein eindrucksvolles Beispiel lieferte der Flughafen Dubai im April 2024. Außergewöhnlich starke Regenfälle führten dort zu großflächigen Überschwemmungen. Start- und Landebahnen mussten zeitweise geschlossen werden. Die Auswirkungen waren noch mehrere Tage spürbar.

Mehr als 1.200 Flüge wurden gestrichen, Zehntausende Reisende waren betroffen.

Selbst wenn die Landebahnen eines Flughafens funktionsfähig bleiben, können Überschwemmungen rund um das Gelände erhebliche Probleme verursachen. Straßen, Bahnanbindungen oder Parkplätze können unpassierbar werden. In solchen Fällen könnten Flugzeuge theoretisch starten, während die Passagiere ihren Flughafen gar nicht erreichen.

Flughäfen investieren deshalb bereits erhebliche Summen in Schutzmaßnahmen. Gatwick beispielsweise hat nach früheren Überschwemmungen umfangreiche Maßnahmen zur Reduzierung des Hochwasserrisikos umgesetzt. Solche Anpassungen sind allerdings teuer.

Unsichtbare Turbulenzen könnten häufiger werden

Eine weitere Herausforderung ist sogenannte Clear-Air-Turbulence, auf Deutsch meist Klarluftturbulenz genannt.

Im Gegensatz zu Gewitterturbulenzen tritt sie häufig bei vollkommen klarem Himmel auf. Es gibt weder Wolken noch andere sichtbare Warnzeichen. Gerade deshalb ist sie für Piloten schwerer zu erkennen und zu vermeiden.

Für Passagiere bedeutet Turbulenz meistens lediglich unangenehmes Rütteln. In seltenen Fällen können die Luftbewegungen jedoch sehr heftig werden.

Bei einem Lufthansa-Flug von Austin nach Frankfurt kam es am 1. März 2023 beispielsweise zu schweren Turbulenzen. Passagiere und Besatzungsmitglieder wurden durch die Kabine geschleudert, nachdem die Maschine plötzlich stark an Höhe verloren hatte. Das Flugzeug landete anschließend außerplanmäßig in Washington. Sieben Menschen mussten medizinisch behandelt werden.

Nach Angaben des Atmosphärenforschers Paul Williams von der University of Reading hat starke Klarluftturbulenz über dem Nordatlantik seit 1979 deutlich zugenommen. Er verweist auf einen Anstieg von rund 55 Prozent.

Modelle deuten darauf hin, dass schwere Turbulenzen auf stark beflogenen Flugrouten langfristig deutlich häufiger auftreten könnten.

Gleichzeitig arbeitet die Forschung an besseren Vorhersagemethoden. Auch neue Technologien, beispielsweise laserbasierte Systeme, könnten Besatzungen künftig dabei helfen, gefährliche Luftströmungen früher zu erkennen.

Der steigende Meeresspiegel bedroht Flughäfen

Neben Gewittern, Starkregen und Turbulenzen gibt es noch eine weitere langfristige Gefahr: den steigenden Meeresspiegel.

Viele Flughäfen befinden sich bewusst in flachen Gebieten oder unmittelbar an Küsten. Dort gibt es häufig genügend Fläche für lange Start- und Landebahnen. Genau diese Lage kann sie jedoch besonders anfällig für Überschwemmungen machen.

Wie gravierend die Folgen sein können, zeigte Hurrikan Sandy im Jahr 2012. Die Sturmflut setzte große Teile New Yorks unter Wasser. Auch die beiden Start- und Landebahnen des Flughafens LaGuardia wurden überflutet und blieben mehrere Tage unbenutzbar.

LaGuardia ist kein Einzelfall. Weltweit liegen zahlreiche Flughäfen nur wenige Meter über dem Meeresspiegel.

Untersuchungen der Newcastle University zufolge gelten bereits heute 269 Flughäfen als durch steigende Meeresspiegel gefährdet. Zu den besonders exponierten Standorten zählen unter anderem Amsterdam Schiphol, London City Airport, Bahrain International Airport und Newark Liberty International Airport.

Schutzmaßnahmen sind möglich, aber kostspielig. Flughäfen könnten höhere Deiche benötigen, Startbahnen müssten angehoben oder Anlagen langfristig sogar verlegt werden.

Eine Studie schätzt die notwendigen Kosten für entsprechende Schutzmaßnahmen weltweit auf bis zu 57 Milliarden US-Dollar. Letztlich könnten diese Ausgaben zumindest teilweise von Steuerzahlern oder Flugreisenden getragen werden.

Flugreisen könnten unberechenbarer werden

Die Luftfahrtindustrie steht damit vor einem bemerkenswerten Widerspruch. Einerseits trägt sie selbst erheblich zum Ausstoß klimaschädlicher Emissionen bei und versucht gleichzeitig, langfristig klimaneutraler zu werden. Andererseits muss sie sich bereits heute auf die Folgen eines sich verändernden Klimas einstellen.

Gleichzeitig wächst der internationale Luftverkehr weiter. Die weltweite Flugzeugflotte könnte sich in den kommenden zwei Jahrzehnten ungefähr verdoppeln.

Mehr Flugzeuge treffen damit möglicherweise auf schwierigere Wetterbedingungen und stärker ausgelastete Lufträume.

Für Passagiere bedeutet dies nicht, dass Fliegen plötzlich unsicher wird. Die Sicherheitsstandards der Luftfahrt bleiben hoch, und Airlines, Flughäfen sowie Flugsicherungen investieren ständig in Technik und neue Verfahren.

Was sich jedoch verändern könnte, ist die Zuverlässigkeit.

Verspätungen, Umleitungen und Flugausfälle aufgrund extremer Wetterbedingungen könnten häufiger werden. Airlines könnten größere Treibstoffreserven benötigen, Flughäfen müssten Milliarden in Hochwasserschutz und Infrastruktur investieren und die Flugsicherung müsste immer komplexere Wetterlagen bewältigen.

Für Reisende könnte deshalb eine neue Realität entstehen: Wer in Zukunft fliegt, muss möglicherweise häufiger damit rechnen, dass der Flugplan nicht ganz so verläuft wie ursprünglich vorgesehen.

Der Klimawandel verändert damit nicht nur das Wetter am Boden. Er verändert zunehmend auch die Bedingungen über unseren Köpfen – und damit eine der wichtigsten Voraussetzungen des modernen internationalen Reisens.

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