Eine erste klinische Studie hat gezeigt, dass das Diabetes- und Abnehmmedikament Ozempic (Wirkstoff: Semaglutid) möglicherweise auch den Alkoholkonsum senken kann. Menschen, die das Medikament einnahmen, tranken nicht nur weniger, sondern verspürten auch geringere Alkoholgelüste.
Die Studie, die an 48 Personen mit Anzeichen einer moderaten Alkoholgebrauchsstörung durchgeführt wurde, ergab, dass diejenigen, die neun Wochen lang eine niedrige Dosis Semaglutid erhielten, ihren Alkoholkonsum deutlich stärker reduzierten als die Teilnehmer in der Placebo-Gruppe. Die Ergebnisse wurden am Mittwoch in der Fachzeitschrift JAMA Psychiatry veröffentlicht.
Potenzial zur Behandlung von Alkoholabhängigkeit?
Schon länger berichten Nutzer von Ozempic & Co., dass sie nicht nur weniger Appetit verspüren, sondern auch seltener zu Alkohol greifen. Doch nun liefert diese erste klinische Studie konkrete Hinweise darauf, dass GLP-1-Medikamente eine Rolle in der Behandlung von Alkoholabhängigkeit spielen könnten.
„Wir hofften, eine Reduktion des Alkoholkonsums und der Gelüste zu sehen“, sagte Dr. Christian Hendershot, der Leiter der Studie von der University of Southern California. „Was mich überraschte, war das Ausmaß der Wirkung – im Vergleich zu anderen Medikamenten gegen Alkoholabhängigkeit sehen die Ergebnisse vielversprechend aus.“
Alkoholgebrauchsstörung (AUD) betrifft laut einer US-Studie aus dem Jahr 2023 fast 30 Millionen Menschen und wird durch anhaltende Schwierigkeiten beim Kontrollieren des Alkoholkonsums trotz negativer Konsequenzen definiert. Dennoch erhalten weniger als 2 % der Betroffenen eine medikamentöse Behandlung – teils aufgrund von Unkenntnis, teils wegen gesellschaftlicher Stigmatisierung.
Ob Ozempic tatsächlich eine neue Behandlungsoption für AUD darstellt, müssen jedoch größere und langfristigere Studien zeigen.
Wie funktioniert Semaglutid im Gehirn?
Semaglutid gehört zu den GLP-1-Rezeptor-Agonisten, einer Medikamentenklasse, die ursprünglich zur Behandlung von Typ-2-Diabetes entwickelt wurde. Diese Wirkstoffe beeinflussen nicht nur den Stoffwechsel, sondern auch das Belohnungssystem im Gehirn.
„Mehr Forschung ist nötig, um die genauen Mechanismen zu verstehen“, sagte Dr. Lorenzo Leggio vom National Institutes of Health, der nicht an der Studie beteiligt war. „Aber aktuelle Ergebnisse deuten darauf hin, dass GLP-1-Medikamente sowohl das Verlangen nach Alkohol als auch dessen belohnende Wirkung reduzieren könnten.“
Der ungewöhnliche Studienaufbau: Trinken im Labor
Die Studie wurde an der University of North Carolina-Chapel Hill durchgeführt und finanzierte sich über das National Institute on Alcohol Abuse and Alcoholism. Die Teilnehmer waren nicht aktiv auf der Suche nach einer Behandlung für AUD, mussten jedoch in den letzten vier Wochen mindestens zwei „Heavy Drinking Days“ gehabt haben – also an zwei Tagen mehr als vier (Frauen) bzw. fünf (Männer) Getränke konsumiert haben.
Ein Teil der Probanden erhielt wöchentliche Injektionen mit einer niedrigen Dosis Semaglutid, die andere Hälfte bekam ein Placebo. Besonders ungewöhnlich: Der Alkoholkonsum wurde nicht nur per Fragebögen erfasst – die Teilnehmer wurden in ein speziell eingerichtetes Labor eingeladen, das wie ein Wohnzimmer gestaltet war. Dort konnten sie ihre bevorzugten alkoholischen Getränke konsumieren, während Wissenschaftler ihren Atemalkoholwert überwachten.
Nach neun Wochen wurde dieser Versuch wiederholt – mit einem klaren Ergebnis:
- Teilnehmer mit Semaglutid tranken im Schnitt 40 % weniger Alkohol als die Placebo-Gruppe.
- Sie tranken zudem weniger pro Tag und hatten seltener exzessive Trinkepisoden.
- Ihr Verlangen nach Alkohol sank messbar.
„Dies ist eine der ersten kontrollierten Studien, die zeigt: Wer Semaglutid nimmt, trinkt tatsächlich weniger“, sagte Dr. Daniel Drucker, ein führender Experte für GLP-1-Medikamente.
Nebenwirkungen als mögliche Einflussfaktoren?
Ein Kritikpunkt bleibt: Führte Semaglutid wirklich zur Trinkreduktion – oder lag es an den Nebenwirkungen?
„Wenn man sich dauerhaft leicht übel fühlt, trinkt man natürlich weniger“, sagte Drucker. Übelkeit und Verdauungsprobleme gehören zu den häufigsten Nebenwirkungen der GLP-1-Medikamente. Allerdings traten die stärksten Effekte auf den Alkoholkonsum erst am Ende der neun Wochen auf, als sich die Nebenwirkungen bereits verringert hatten. Die Forscher halten es daher für unwahrscheinlich, dass die Trinkreduktion allein auf Übelkeit zurückzuführen ist.
Kein Einfluss auf die Anzahl der Trinktage
Interessanterweise verringerte Semaglutid nicht die Anzahl der Tage, an denen die Teilnehmer Alkohol konsumierten – sondern nur die Menge, die sie tranken.
„Das ist ein vielversprechender Ansatz“, sagte Dr. Raymond Anton, ein Experte für Suchtmedizin. „Viele Menschen mit AUD wollen nicht komplett auf Alkohol verzichten, sondern ihren Konsum reduzieren. Die FDA bewegt sich ebenfalls in diese Richtung, indem sie Reduktion statt vollständiger Abstinenz als Behandlungsziel anerkennt.“
Wie geht es weiter?
Um eine offizielle Zulassung für die Behandlung von AUD zu erhalten, müssten die Pharmaunternehmen größere Studien durchführen. Bisher liegt der Fokus jedoch auf anderen medizinischen Vorteilen von GLP-1-Medikamenten:
- Novo Nordisk untersucht aktuell die Wirkung von Semaglutid auf Alzheimer.
- Eli Lilly plant große Studien zu Alkohol-, Nikotin- und Drogenabhängigkeit.
Die bisherigen Erkenntnisse zeigen jedoch, dass GLP-1-Medikamente nicht nur beim Abnehmen helfen könnten – sondern auch beim Kontrollieren von Suchtverhalten.
„Sollte sich bestätigen, dass GLP-1-Rezeptor-Agonisten sowohl Alkohol- als auch Nikotinkonsum reduzieren, könnte das erhebliche gesundheitliche Auswirkungen haben“, schließen die Forscher in ihrer Studie.
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