Startseite Allgemeines Ein Geständnis, das alles sprengt: Warum „The Drama“ das Publikum spalten wird
Allgemeines

Ein Geständnis, das alles sprengt: Warum „The Drama“ das Publikum spalten wird

IndyGhostLight (CC0), Pixabay
Teilen

Zendaya und Robert Pattinson haben sich nie um gefällige Stoffe gedrückt. Sie spielte sich mit „Euphoria“ in die erste Liga der Popkultur, er machte nach „Twilight“ Karriere damit, konsequent die schrägsten und unbequemsten Rollen zu wählen. Ihr neuer gemeinsamer Film aber dürfte selbst für diese Maßstäbe noch einmal eine andere Kategorie sein: „The Drama“ ist ein Film, der provozieren will – und es auch tut.

Nach außen sieht alles zunächst nach einer romantischen Komödie aus. Zwei schöne Menschen, Emma und Charlie, jung, attraktiv, kurz vor der Hochzeit, Boston, ein bisschen Wein, ein bisschen Nervosität, ein paar letzte Zweifel vor dem großen Tag. Das Setting könnte kaum klassischer sein. Doch Regisseur Kristoffer Borgli – der norwegische Spezialist für peinliche Abgründe und böse Gesellschaftssatire – baut in diese vermeintlich harmlose Romcom einen Moment ein, der dem Film die Luft aus den Lungen presst.

Emma, gespielt von Zendaya, gesteht bei einem alkoholgetränkten Abend mit Freunden etwas, das in einem gewöhnlichen Film als dunkles Geheimnis vielleicht angedeutet, aber niemals so brutal ausgesprochen würde: Als 15-Jährige habe sie geplant, mit einem Gewehr in ihre Schule in Louisiana zu gehen und ihre Mitschüler zu erschießen. Sie habe es nicht getan. Niemand habe je etwas geahnt. Doch der Gedanke war da, der Wille war da – und nun weiß Charlie davon.

Mit einem Satz kippt „The Drama“ von der leichtfüßigen Beziehungskomödie in ein moralisches Minenfeld. Darf man jemanden heiraten, der einmal zu so etwas fähig schien? Zählt allein, dass die Tat nie geschah? Oder genügt schon der Wunsch nach Gewalt, um alles zu verändern? Borgli interessiert sich weniger für juristische Antworten als für den emotionalen Kollaps, der auf dieses Geständnis folgt.

Gerade darin liegt die Provokation des Films. Das Thema Schulmassaker ist im amerikanischen Kino kein unbeschriebenes Blatt – man denke an Gus Van Sants „Elephant“ oder Lynne Ramsays „We Need to Talk About Kevin“. Doch Borgli verlegt dieses Trauma nicht in ein düsteres Drama, sondern in eine Form, die streckenweise wie eine bitter verdorbene Romantic Comedy wirkt. Das ist mutig. Und für manche wird es unverzeihlich sein.

Dass der Film schon vor Kinostart Empörung auslöst, überrascht kaum. Berichten zufolge äußerte sich sogar ein Vater eines Columbine-Opfers entsetzt über den Plot. Und tatsächlich ist die Grundidee schwer auszuhalten: Ein Film, der mit Hochzeitsvorfreude kokettiert und dann mit dem Gespenst eines beinahe begangenen Massakers hantiert, spielt bewusst mit einem Tabu. Manche Zuschauer werden das als geschmacklos empfinden. Andere als genau die Art von Risiko, die das Kino heute viel zu selten eingeht.

Denn handwerklich ist „The Drama“ offenbar alles andere als ein kalkulierter Skandal. Der Film soll brillant gespielt, stilistisch präzise und tonal erstaunlich beweglich sein. Pattinson gibt Charlie mit jener britischen Mischung aus Unsicherheit, Charme und latentem Kontrollverlust, die irgendwo zwischen jungem Hugh Grant und nervösem Nervenzusammenbruch liegt. Zendaya wiederum verleiht Emma eine Kühle, hinter der etwas Dunkles lauert, ohne sie jemals zur bloßen Schockfigur zu machen.

Dazu kommt Alana Haim, die in den schwarzen Komödienmomenten des Films offenbar besonders glänzt: mit bissigem Sarkasmus, genervten Blicken und jener Energie, als wolle sie jeden im Raum gleichzeitig ohrfeigen und therapieren. Gerade in diesen Passagen zeigt sich Borglis Stärke: Er kann Szenen inszenieren, die gleichzeitig urkomisch und hochgradig unangenehm sind.

Und doch scheint „The Drama“ nicht ganz die perfekte Balance zu finden. Das ist der entscheidende Haken. So reizvoll der wilde Tonmix aus Romcom, peinlicher Gesellschaftssatire und psychologischem Drama ist – ganz zusammenfinden wollen diese Elemente offenbar nicht. Der Film setzt stärker auf cringehafte, messerscharfe Situationen als auf echte emotionale Vertiefung. Statt eines durchgehend überzeugenden Dramas wirkt er stellenweise eher wie eine Folge brillant gebauter, aber lose verbundener Eskalationen.

Vor allem eine Frage drängt sich auf: Würden zwei Menschen in so einer Situation wirklich nur ein paar stockende Gespräche führen? Oder müsste nach einem solchen Geständnis nicht alles explodieren – verbal, emotional, vielleicht endgültig? Gerade hier scheint der Film die volle Wucht seiner eigenen Prämisse etwas zu scheuen.

Trotzdem – oder gerade deshalb – dürfte „The Drama“ einer der Filme werden, über die man nach dem Abspann nicht einfach schweigt. Vielleicht ist er nicht makellos. Vielleicht ist er sogar kalkuliert übergriffig. Aber er tut etwas, was dem Gegenwartskino selten gelingt: Er zwingt sein Publikum in eine Debatte.

Ist ein Mensch nur das, was er getan hat? Oder auch das, was er beinahe getan hätte?

Mit dieser Frage entlässt „The Drama“ seine Zuschauer. Und das ist womöglich seine größte Stärke. Nicht, weil er darauf eine perfekte Antwort hätte. Sondern weil er einen Stoff anfasst, vor dem fast jedes Studio längst zurückgeschreckt wäre.

Kommentar hinterlassen

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Kategorien

Ähnliche Beiträge
Allgemeines

Mr. President, kleiner Hinweis: Die NATO ist ein Verteidigungsbündnis – kein Angriffshilfeverein

Donald Trump ist mal wieder empört.Deutschland halte sich im Iran-Krieg zurück.Die Bundesregierung...

Allgemeines

Selenskyj schlägt Teil-Waffenruhe für Energieanlagen vor

Im seit Jahren andauernden Krieg zwischen Russland und der Ukraine zeichnet sich...

Allgemeines

Warum sollten die Mullahs überhaupt auf Trump eingehen?

Teheran weiß längst: Viel Drohung, wenig Bereitschaft zum Bodenkrieg Die entscheidende Frage...

Allgemeines

Deutschland 2026: Geheimstandorte streng geheim – außer für jede Wetter-App

Man muss dieses Land einfach lieben.Da bauen deutsche Rüstungsfirmen geheime Produktionsstätten in...