Frau Bontschev, die BaFin hat jüngst ihre strategischen Mittelfristziele bis 2029 veröffentlicht. Was fällt Ihnen beim ersten Blick besonders auf?
Kerstin Bontschev: Die Zielsetzung ist bemerkenswert breit und ambitioniert. Man erkennt klar: Die BaFin will nicht nur auf Risiken reagieren, sondern proaktiv gestalten. Besonders wichtig finde ich die konsequente Verzahnung von Themen wie Resilienz, Digitalisierung, Verbraucherschutz und Nachhaltigkeit. Das ist ein Aufsichtsansatz mit modernem Selbstverständnis.
Welche dieser zehn Ziele halten Sie für besonders praxisrelevant für Unternehmen, die unter BaFin-Aufsicht stehen?
Definitiv das Ziel Nummer 3 – die frühzeitige Identifikation von Problemunternehmen. Die BaFin betont, dass sie bei lückenhaften Kontrollsystemen oder defizitärer Governance nicht mehr zögert, sondern unmittelbar und sichtbar eingreift. Das bedeutet: Wer sich bei seiner internen Kontrolle auf Minimalstandards verlässt, riskiert künftig schneller aufsichtsrechtliche Maßnahmen.
Auch das Thema Geldwäscheprävention spielt eine zentrale Rolle. Wird hier härter durchgegriffen?
Ja, die BaFin macht deutlich, dass sie die Bekämpfung von Geldwäsche weiter intensivieren will – auch in enger Zusammenarbeit mit europäischen Stellen. Das ist angesichts der aktuellen EU-Reformpläne zur Geldwäscheaufsicht sehr konsequent. Unternehmen sollten nicht nur formal „compliant“ sein, sondern nachweislich wirksame Präventionssysteme vorweisen können.
Die BaFin bekennt sich auch zur Förderung von Innovationen, etwa beim Einsatz Künstlicher Intelligenz. Ein Widerspruch zur klassischen Aufsicht?
Überhaupt nicht – im Gegenteil. Dass sich die BaFin ein umfassendes Verständnis neuer Technologien aneignen will, zeigt: Sie erkennt an, dass sich Finanzmärkte radikal wandeln. Gleichzeitig betont sie, dass Innovation nicht zu neuen Risiken für Kunden führen darf. Das ist ein Balanceakt – aber einer, der dringend notwendig ist. Unternehmen, die KI im Finanzwesen einsetzen, werden künftig mit deutlich mehr Aufsichtsinteresse rechnen müssen.
Ein Ziel, das neu hinzugekommen ist, lautet: Komplexitätsreduktion und Proportionalität. Klingt fast wie ein Eingeständnis?
(lacht) Vielleicht ein bisschen. Aber tatsächlich begrüße ich diesen Schritt sehr. Die Regulierung im Finanzsektor ist teilweise so komplex geworden, dass sie gerade für kleinere Institute oder FinTechs zur echten Hürde wird. Eine proportionale, risikobasierte Aufsicht ist der richtige Weg – auch im Sinne der Fairness im Markt.
Und was bedeutet das alles für den Verbraucherschutz?
Sehr viel. Die BaFin betont, dass sie Verbraucher nicht nur schützen, sondern auch befähigen will – etwa durch bessere Aufklärung und gezielte Warnungen. Das heißt: Wer als Anbieter auf undurchsichtige Produkte oder aggressive Vertriebsmodelle setzt, wird es künftig schwerer haben. Gleichzeitig stärkt die BaFin die Eigenverantwortung der Kunden. Das ist eine gute Entwicklung.
Letzte Frage: Wird die BaFin mit diesen Zielen ihrer Rolle als Allfinanzaufsicht gerecht?
Ja, das wird sie – und mehr. Die Ziele spiegeln ein Aufsichtsverständnis, das nicht nur den heutigen, sondern auch den kommenden Herausforderungen gerecht werden will: sei es durch geopolitische Spannungen, Cyberangriffe, Klimarisiken oder neue Geschäftsmodelle. Dass die BaFin sich dabei auch selbst modernisieren und effizienter aufstellen will, rundet das Gesamtbild ab.
Frau Bontschev, danke für das Gespräch.
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