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Deutschlands Strommarkt: Wenn Wind und Sonne plötzlich Gaspreise cosplayen

Nikiko (CC0), Pixabay
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Es gibt politische Ideen, die klingen erst kompliziert –
und dann merkt man:

Moment mal, wir bezahlen seit Jahren völlig absurd für Strom, obwohl ein Großteil davon gar nicht teuer produziert wird.

Willkommen im europäischen Strommarkt.
Dem einzigen System, in dem du Ökostrom bekommst,
aber oft so zahlst,
als hätte jemand ihn persönlich mit russischem Gas, CO₂-Zertifikaten und Tränen der Industrie gekocht.

Das Prinzip ist so genial, dass es schon wieder absurd ist

Der Strompreis wird im Großhandel nach dem sogenannten Merit-Order-Prinzip gebildet.

Heißt vereinfacht:

  • Erst kommt der billige Strom ins Netz
    (z. B. Wind, Sonne, Wasser)
  • Dann kommt teurerer Strom dazu
  • Und das letzte, teuerste Kraftwerk, das noch gebraucht wird,
    bestimmt den Preis für alle

Und weil das oft ein Gaskraftwerk ist,
zahlen am Ende auch Windrad, Wasserkraft und Solaranlage plötzlich so,
als wären sie mit Goldstaub beheizt worden.

Oder noch einfacher:

Die Sonne scheint gratis – aber auf deiner Rechnung tut sie so, als hätte sie ein LNG-Terminal gemietet.

Das Ergebnis: Alle zahlen mehr, manche kassieren still mit

Was passiert also?

  • Haushalte zahlen mehr
  • Industrie zahlt mehr
  • Strom für Wärmepumpen wird teurer
  • E-Autos werden weniger attraktiv
  • Dekarbonisierung wird ausgebremst

Und gleichzeitig verdienen manche Erzeuger von günstigem Strom in Hochpreisphasen prächtig mit,
obwohl ihre laufenden Kosten nicht annähernd im gleichen Maß steigen.

Das nennt man dann gern:

  • Marktmechanismus
  • Preissignal
  • Effizienz

Der normale Bürger nennt es eher:

„Wieso kostet mich Wasserkraft plötzlich wie ein Luxusprodukt?“

Die eigentliche Pointe: CO₂-Preis sinnvoll – aber Strom künstlich verteuert

Der CO₂-Preis ist an sich sinnvoll.
Er soll fossile Energie teurer machen.
Genau das soll er.

Aber wenn dadurch gleichzeitig auch der Strompreis für alle Anwendungen steigt,
die wir für die Energiewende eigentlich dringend brauchen,
dann ist das ungefähr so intelligent wie:

Die Feuerwehr zu rufen – und gleichzeitig das Löschwasser zu besteuern.

Denn wenn Strom teuer ist,
werden genau die Dinge unattraktiver,
die wir politisch ständig hören sollen:

  • Wärmepumpen
  • E-Mobilität
  • Elektrifizierung der Industrie
  • klimafreundliche Prozesse

Mit anderen Worten:

Wir verteuern das Problem – und gleich noch die Lösung mit dazu.

Der neue Vorschlag: Nicht alles umbauen – nur den Irrsinn etwas begrenzen

Jetzt kommt mal ein Vorschlag,
der nicht gleich das ganze Strommarktsystem abreißen will,
sondern etwas viel Gefährlicheres versucht:

gesunden Menschenverstand.

Die Idee:

  • Das Merit-Order-System bleibt grundsätzlich bestehen
  • Der CO₂-Preis bleibt bestehen
  • Aber: Wenn der Strompreis zu hoch schießt,
    sollen Erneuerbare nicht mehr den vollen Hochpreis mitnehmen

Heißt konkret:

Wenn der Marktpreis über einem Schwellenwert liegt
(z. B. 100 Euro pro MWh),
dann wird bei Strom aus erneuerbaren Quellen ein fixer Abschlag vorgenommen
(z. B. 28 Euro pro MWh).

Das Geld würde dann an Stromverbraucher zurückgegeben.

Also:

  • weniger künstliche Verteuerung
  • weniger Übergewinne
  • Entlastung für Haushalte und Unternehmen
  • aber ohne den CO₂-Preis komplett abzuräumen

Kurz gesagt:

Nicht der Klimaschutz wird geschwächt – nur die Absurdität der Stromrechnung.

Ja, aber was ist mit Investitionen?

Natürlich kommt sofort das Standardargument:

„Dann investiert ja keiner mehr in Erneuerbare!“

Das ist der Moment,
in dem jede Reformdebatte in Deutschland reflexartig
zwischen „bloß nichts ändern“ und „bitte keine Marktstörung“ eingequetscht wird.

Klar ist:
Erneuerbare müssen profitabel bleiben.
Sonst baut am Ende wirklich keiner mehr.

Deshalb braucht es:

  • kluge Schwellenwerte
  • Schutz für neue Anlagen
  • ggf. Ausnahmen
  • oder sogenannte Differenzverträge
    (also garantierte Preise mit Ausgleich nach oben und unten)

Das ist kein Hexenwerk.

Das ist schlicht:

ein Markt, der nicht jeden Preiswahnsinn automatisch an den Endkunden durchreicht.

Und was hätte das gebracht? Eine Menge.

Die Berechnungen zeigen:
Selbst in Deutschland hätte so ein Modell spürbar entlastet.

Nicht nur symbolisch.
Nicht nur pressekonferenztauglich.
Sondern real.

Und genau da wird es politisch interessant.

Denn die große Frage lautet:

Warum diskutieren wir in Deutschland ständig über Strompreisbremse, Netzentgelte, Subventionen und Industriestrompreise – aber kaum darüber, dass das Grundsystem selbst in Hochpreisphasen völlig schiefläuft?

Deutschland braucht genau diese Debatte

In Deutschland wird über alles gestritten:

  • Heizungsgesetz
  • Wärmepumpe
  • E-Auto-Förderung
  • Netzausbau
  • Kernkraft-Nostalgie
  • Industriestrompreis
  • Stromsteuer
  • CO₂-Preis

Aber die eigentlich simple Frage wird viel zu selten so gestellt:

Warum soll Strom aus Wind, Wasser und Sonne dauerhaft so teuer werden, nur weil irgendwo noch ein Gaskraftwerk den letzten Ausschlag gibt?

Wenn wir ernsthaft wollen, dass Menschen:

  • elektrisch heizen
  • elektrisch fahren
  • Industrie elektrifizieren
  • fossile Energie ersetzen

… dann darf Strom nicht wie ein Luxusgut behandelt werden,
nur weil das Marktdesign in Knappheitsstunden so tut,
als wäre jede Kilowattstunde aus purem Krisengas geboren.

Fazit:

Deutschland diskutiert ständig über die Energiewende,
als wäre sie ein Kommunikationsproblem.

In Wahrheit ist sie oft ein Preisproblem.

Und solange günstiger Ökostrom auf dem Papier teuer gemacht wird,
weil das teuerste Kraftwerk den Takt vorgibt,
muss man sich nicht wundern,
wenn Bürger, Mittelstand und Industrie irgendwann sagen:

„Energiewende klingt gut – aber meine Stromrechnung klingt eher nach Strafmaß.“

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