Andere Stollen kommen in eine Pappschachtel. Dieser bekam offenbar einen Dienstwagen. Weil das gute Stück einen Flug nach Rom möglicherweise nicht unbeschadet überstanden hätte, wurde der Dresdner Christstollen kurzerhand auf vier Rädern in die Ewige Stadt chauffiert. Eine Weihnachtsgeschichte, wie sie nur die deutsche Bürokratie schreiben kann.
Von der Redaktion diebewertung.de
Es gibt Christstollen.
Es gibt Dresdner Christstollen.
Und dann gibt es offenbar noch die Dienstwagenklasse unter den Weihnachtsgebäcken.
Denn ein ganz besonderer Dresdner Christstollen sollte nach Rom.
So weit, so weihnachtlich.
Nun hätte man als gewöhnlicher Bürger möglicherweise vorgeschlagen:
„Dann schicken wir ihn eben mit dem Flugzeug.“
Doch genau hier beginnt die Geschichte interessant zu werden.
Denn ein Flug kam offenbar nicht infrage.
Der Stollen hätte dabei Schaden nehmen können.
Und Weihnachten ohne formschönen Stollen – das wollte offenbar niemand riskieren.
Also musste eine Alternative her.
Und die lautete:
Dienstwagen.
Dresden–Rom: rund 1.500 Kilometer für einen Stollen
Man muss sich das einmal bildlich vorstellen.
Während Millionen andere Christstollen ihr Dasein in Kartons, Kofferräumen und Paketzentren fristen, durfte dieses Exemplar eine Reise antreten, von der andere Backwaren nur träumen können.
Von Dresden nach Rom.
Im Auto.
Rund 1.500 Kilometer.
Einfach.
Vermutlich angeschnallt.
Wir wissen es nicht.
Vielleicht saß er hinten rechts.
Vielleicht durfte er vorne sitzen.
Vielleicht fragte das Navigationsgerät irgendwann:
„Route wird aufgrund erhöhten Puderzuckerverkehrs neu berechnet.“
Fest steht jedenfalls:
Der Stollen sollte heil ankommen.
Und dafür wurde gefahren.
Ein Gebäck auf Dienstreise
Damit dürfte dieser Christstollen gute Chancen auf einen besonderen Titel haben:
Der teuerste Stollen Dresdens.
Nicht unbedingt wegen seiner Zutaten.
Mandeln, Rosinen, Butter und Puderzucker können teuer sein.
Aber richtig exklusiv wird ein Weihnachtsgebäck natürlich erst, wenn zu den Herstellungskosten noch eine automobile Fernreise nach Italien hinzukommt.
Andere Stollen haben eine Zutatenliste.
Dieser Stollen hatte möglicherweise einen Kilometerstand.
Und vermutlich hätte er nach der Reise Anspruch auf eine Reisekostenabrechnung gehabt.
Reisezweck:
„Wahrnehmung repräsentativer weihnachtlicher Aufgaben in Rom.“
Warum eigentlich nicht fliegen?
Die Erklärung ist im Grunde wunderbar deutsch:
Der Stollen hätte beim Transport im Flugzeug kaputtgehen können.
Das ist natürlich ein Argument.
Wer schon einmal gesehen hat, wie Fluggesellschaften mit Koffern umgehen, wird zumindest eine gewisse Sympathie dafür entwickeln.
Ein zerdrückter Hartschalenkoffer ist ärgerlich.
Ein zerdrückter Dresdner Christstollen wäre dagegen möglicherweise ein diplomatischer Zwischenfall gewesen.
Man stelle sich nur die Übergabe in Rom vor:
„Mit den besten Grüßen aus Dresden!“
Deckel auf.
Krümel.
Das konnte offenbar niemand verantworten.
Also lieber Autobahn
Und so dürfte der Stollen Deutschland vermutlich auf der A4 verlassen haben.
Dann ging es weiter Richtung Süden.
Vorbei an Bayern.
Durch Österreich.
Über die Alpen.
Nach Italien.
Ein Dresdner Weihnachtsgebäck auf großer Europareise.
Andere Menschen sparen ein Jahr für einen Roadtrip durch Italien.
Der Stollen bekam ihn dienstlich.
Und während gewöhnliche Backwaren spätestens hinter Nürnberg leichte Ermüdungserscheinungen zeigen dürften, musste dieses Exemplar natürlich repräsentativ bleiben.
Schließlich war das Ziel Rom.
Die Ewige Stadt.
Kolosseum.
Petersdom.
Trevi-Brunnen.
Dresdner Christstollen.
Hoffentlich gab es Pausen
Natürlich stellen sich Fragen.
Wurde unterwegs regelmäßig kontrolliert, ob der Puderzucker noch sitzt?
Gab es eine vorgeschriebene Ruhezeit?
Musste nach jeweils zwei Stunden Fahrt geprüft werden, ob sich Rosinen verschoben hatten?
Wurde der Stollen klimatisiert transportiert?
Gab es einen Beifahrer?
Und vor allem:
Hat der Stollen Auslandsreisekosten verursacht?
Wir wollen hier keine neuen bürokratischen Probleme schaffen.
Aber Deutschland wäre nicht Deutschland, wenn es für einen dienstlich nach Rom reisenden Christstollen nicht theoretisch irgendein Formular gäbe.
Vielleicht:
Anlage St – Dienstreise von Backwaren in Staaten der Europäischen Union.
Rom sehen und gegessen werden
Für einen Christstollen dürfte eine Reise nach Rom ohnehin eine philosophische Erfahrung sein.
Denn während Menschen sagen:
„Rom sehen und sterben.“
lautet die Variante für Weihnachtsgebäck eher:
„Rom sehen und gegessen werden.“
Das Ende der Reise war also möglicherweise von Anfang an absehbar.
Tausende Kilometer Straße.
Alpenüberquerung.
Italien.
Rom.
Und anschließend kommt jemand mit einem Messer.
Das Leben kann ungerecht sein.
Die entscheidende Frage: Was hat der Spaß gekostet?
Und damit kommen wir zum weniger weihnachtlichen Teil der Geschichte.
Wenn für den Transport tatsächlich ein Dienstwagen über eine solche Strecke eingesetzt wurde, stellt sich natürlich die Frage nach den Kosten.
Kraftstoff.
Fahrzeugkosten.
Mögliche Übernachtungen.
Arbeitszeit.
Spesen.
Maut.
Und schließlich die Rückfahrt.
Denn der Dienstwagen dürfte kaum dauerhaft in Rom geblieben sein.
Aus einer einfachen Strecke von ungefähr 1.500 Kilometern wird damit schnell eine Dienstreise von rund 3.000 Kilometern.
Für einen Christstollen.
Das muss man als Satz zunächst einmal wirken lassen.
Der Stollen selbst dürfte vergleichsweise günstig gewesen sein
Das eigentlich Komische an der Geschichte ist deshalb:
Der Christstollen könnte am Ende der billigste Bestandteil seiner eigenen Reise gewesen sein.
Ein hochwertiger Dresdner Christstollen kostet Geld.
Aber ein Dienstwagen samt Fahrer über mehrere tausend Kilometer ebenfalls.
Damit entsteht eine ökonomisch ausgesprochen interessante Kennzahl:
Transportkosten pro Rosine.
Vielleicht sollte der Bund der Steuerzahler diese Kategorie künftig aufnehmen.
„Die öffentliche Hand gab im vergangenen Jahr durchschnittlich 4,73 Euro je dienstlich transportierter Rosine aus.“
Das wäre zumindest transparent.
Dabei gibt es durchaus einen nachvollziehbaren Grund
Bei aller Satire sollte man fair bleiben.
Wenn ein repräsentatives Geschenk heil und in einem bestimmten Zustand ankommen soll, kann ein individueller Transport durchaus nachvollziehbare Gründe haben.
Ein großer beziehungsweise besonders gestalteter Stollen ist eben kein Taschenbuch, das man schnell ins Handgepäck steckt.
Und wer ein solches Präsent offiziell übergeben möchte, möchte verständlicherweise keinen Puderzucker-Bausatz auspacken.
Trotzdem bleibt die Geschichte bemerkenswert.
Denn sie illustriert wunderbar, wie aus einem eigentlich simplen Vorgang – „Wir bringen einen Stollen nach Rom“ – plötzlich eine ausgewachsene logistische Operation werden kann.
Vielleicht hätte der Stollen auch Bahn fahren können
Natürlich könnte man jetzt Alternativen diskutieren.
Bahn?
Dann wäre möglicherweise der Stollen angekommen, aber niemand hätte gewusst, wann.
Paketdienst?
Zu riskant.
Flugzeug?
Bruchgefahr.
Fahrradkurier?
Sportlich.
Also blieb offenbar nur:
Der Dienstwagen.
Man könnte sagen:
Wenn schon Kalorien, dann wenigstens mit Verbrennungsmotor.
Dresden kann stolz sein
Immerhin:
Der Dresdner Christstollen ist international bekannt.
Und wenn man ein Kulturgut exportiert, dann offenbar richtig.
Andere Städte verschicken Broschüren.
Dresden schickt Gebäck auf Grand Tour.
Vielleicht sollte man daraus künftig ein touristisches Angebot machen:
„Auf den Spuren des Stollens – von Dresden nach Rom“
Tag 1: Dresden.
Tag 2: München.
Tag 3: Brenner.
Tag 4: Rom.
Inklusive Puderzucker und Dienstwagen.
Preis auf Anfrage.
Unser Fazit
Man kann über diese Geschichte lachen.
Man kann nach den Kosten fragen.
Und man kann durchaus nachvollziehen, dass ein besonderes Präsent unbeschädigt in Rom ankommen sollte.
Aber eines dürfte dieser Dresdner Christstollen seinen gewöhnlichen Kollegen voraus haben:
Er hat mehr von Europa gesehen als manche Menschen.
Er reiste von Sachsen über die Alpen bis nach Rom.
Nicht im Karton eines Paketdienstes.
Nicht im Frachtraum eines Flugzeugs.
Sondern offenbar wohlbehütet im Dienstwagen.
Ob er damit tatsächlich der teuerste Dresdner Christstollen aller Zeiten war, können wir ohne vollständige Kostenabrechnung natürlich nicht behaupten.
Aber für einen Platz ganz oben in der Kategorie
„Weihnachtsgebäck mit außergewöhnlich hoher Reisekostenquote“
dürfte es reichen.
Und irgendwo in Dresden sitzt vielleicht gerade ein ganz gewöhnlicher Christstollen in seiner Pappschachtel und denkt:
„Rom. Im Dienstwagen. Und ich liege hier bei 18,95 Euro im Supermarkt.“
Das Leben ist eben nicht für alle Backwaren gleich.
Kommentar hinterlassen