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Das wird in Deutschland auch kommen

Mediamodifier (CC0), Pixabay
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Noch lachen viele Deutsche über die Wohnungskrise in Spanien. Zehntausende Menschen demonstrieren in Madrid gegen Mieten, die inzwischen ungefähr das kosten, was früher eine kleine Eigentumswohnung wert war. Auf Schildern stehen Sätze wie: „Das Wohnen kostet uns das Leben.“ Deutsche Leser nicken betroffen, trinken ihren Hafermilch-Cappuccino und denken: „Zum Glück ist es bei uns noch nicht so schlimm.“

Kleine Erinnerung:
Natürlich wird es auch hier so kommen.

Eigentlich hat Deutschland sogar beste Voraussetzungen dafür. Denn kaum ein Land verbindet Wohnraummangel, Bürokratie, politische Hilflosigkeit und Immobilienromantik so effizient wie die Bundesrepublik.

Die deutsche Spezialität: Wohnen als Luxusgut

Früher galt eine Wohnung als Ort zum Leben. Heute ist sie eine Mischung aus Kapitalanlage, Spekulationsobjekt und sozialem Statussymbol.

Wer in deutschen Großstädten eine Dreizimmerwohnung sucht, erlebt inzwischen ungefähr dieselben Emotionen wie Menschen auf dem Schwarzmarkt für Konzerttickets:
Panik, Verzweiflung und das Gefühl, sich für ein WG-Zimmer vielleicht doch noch moralisch verkaufen zu müssen.

In Berlin besichtigen mittlerweile 400 Menschen gleichzeitig Wohnungen, die aussehen wie ehemalige Abstellräume einer Zahnarztpraxis. Warmmiete: 2.100 Euro. Ohne Küche. Dafür „urbanes Flair“.

Willkommen in der Generation Flurmatratze

Die Spanier demonstrieren heute gegen überfüllte Wohnungen und geteilte Zimmer. Deutschland ist mental längst vorbereitet.

Die deutsche Großstadtkarriere des Jahres 2026:
29 Jahre alt.
Masterabschluss.
Guter Job.
Und trotzdem wohnt man mit drei Erwachsenen, zwei Fahrrädern und einem emotional instabilen Mitbewohner in einer Altbauwohnung mit Schimmelcharme.

Das Schlafzimmer? Eigentlich ein Durchgangszimmer.
Der Balkon? Eine Fensterbank mit Depression.
Die Warmmiete? Bitte nicht fragen.

Aber immerhin gibt es in der Küche einen Smeg-Kühlschrank. Prioritäten.

Der Staat beobachtet die Lage sehr besorgt

Politiker reagieren wie immer schnell und entschlossen.

Zunächst wird ein „Wohnungsgipfel“ einberufen. Dort sitzen dann Minister, Immobilienverbände und Menschen, die seit 1987 keine Mietwohnung mehr gesucht haben.

Anschließend erklärt jemand mit ernster Stimme:
„Wohnen muss bezahlbar bleiben.“

Daraufhin passiert ungefähr nichts.

Vielleicht entsteht noch ein Förderprogramm mit dem Namen „Zukunft Wohnen Plus 2040“, bei dem man zwölf Formulare ausfüllen muss, um am Ende eine energetisch sanierte Hundehütte in Brandenburg finanzieren zu können.

Das deutsche Wunder der Baugeschwindigkeit

Besonders beeindruckend bleibt Deutschlands Fähigkeit, jedes Bauprojekt in eine archäologische Langzeitstudie zu verwandeln.

Andere Länder bauen Hochhäuser.
Deutschland prüft erst einmal die Fledermauspopulation auf dem Grundstück.

Dann folgen:
Bürgerbeteiligung.
Lärmgutachten.
Verkehrsanalyse.
Nachhaltigkeitsprüfung.
Streit über Stellplätze.
Klage gegen die Fassadenfarbe.

Fünf Jahre später steht dort immer noch ein Schild:
„Hier entsteht moderner Wohnraum.“

Airbnb – das freundliche Parallelhotel

Natürlich spielt auch der Tourismus eine Rolle.

Früher wohnten Menschen in Wohnungen. Heute wohnen dort bevorzugt skandinavische Junggesellenabschiede für 380 Euro pro Nacht.

Besonders in Berlin oder München hat man inzwischen manchmal den Eindruck, die Innenstädte bestünden nur noch aus:
Touristen,
Investmentfonds
und Menschen, die verzweifelt auf WG-Gesuche antworten.

Die eigentliche Bevölkerung wird langsam an den Stadtrand gedrückt – oder direkt nach Leipzig umgesiedelt.

Die große Illusion vom Eigentum

Besonders rührend ist der deutsche Traum vom Eigenheim.

Menschen rechnen heute mit Online-Kreditrechnern aus, ob sie sich mit 47 Jahren vielleicht eine 61-Quadratmeter-Wohnung neben einer vierspurigen Straße leisten können.

Bankberater nennen das dann:
„eine interessante Einstiegsmöglichkeit.“

Früher kaufte man Häuser.
Heute kauft man Hoffnung mit Tiefgarage.

Die neue Klassengesellschaft

Die Wohnungskrise verändert längst die Gesellschaft.

Wer reiche Eltern hat, bekommt irgendwann Eigenkapital geschenkt.
Wer keins hat, entwickelt eine sehr enge emotionale Beziehung zu Immoscout24.

Wohnen entscheidet zunehmend darüber, wer überhaupt noch frei leben kann.

Menschen ziehen nicht mehr wegen Liebe oder Karriere um, sondern weil irgendwo zufällig eine halbwegs bezahlbare Wohnung frei geworden ist.

Das Leben organisiert sich um Mietverträge wie früher um religiöse Pilgerreisen.

Deutschland schaut noch entspannt zu

Und trotzdem herrscht hierzulande noch erstaunliche Gelassenheit.

Vielleicht, weil Deutsche Krisen traditionell erst ernst nehmen, wenn man dafür einen Termin beim Amt braucht.

Vielleicht auch, weil viele Politiker selbst Immobilien besitzen und steigende Preise deshalb eher als „stabile Wertentwicklung“ wahrnehmen.

Oder weil man sich in Deutschland gern einredet, dass alles irgendwie schon funktionieren wird.

Tut es meistens nur leider nicht.

Madrid ist nur der Anfang

Die Bilder aus Spanien wirken deshalb weniger wie eine Ausnahme – sondern eher wie ein Blick in Deutschlands Zukunft.

Auch hier steigen die Mieten schneller als Gehälter.
Auch hier fehlen Wohnungen.
Auch hier verdrängen Investoren normale Bewohner aus den Städten.
Und auch hier reagieren Politik und Bürokratie ungefähr mit der Geschwindigkeit eines Faxgeräts im Energiesparmodus.

Die eigentliche Frage lautet also nicht mehr, ob solche Proteste nach Deutschland kommen.

Sondern wann.

Und vermutlich wird dann irgendwo in Berlin ein Demonstrant mit WG-Castings hinter sich auf einem Schild schreiben:

„Das Wohnen kostet uns das Leben.“

Während im Hintergrund gerade ein Investor Mikroapartments für 1.800 Euro Kaltmiete als „urbanes Zukunftskonzept“ präsentiert.

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