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Darmkrebsvorsorge per Post: Testkit an Patienten ohne Dickdarm sorgt für Kritik

jarmoluk (CC0), Pixabay
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Jeff Smith war überrascht, als er ein Darmkrebs-Testkit per Post erhielt. Der 68-jährige Mann aus Minnesota hatte keinen solchen Test angefordert, auch sein Arzt hatte ihn nicht erwähnt. Zudem ist Smith seit seiner Kindheit ohne Dickdarm: Aufgrund einer chronisch-entzündlichen Darmerkrankung, Colitis ulcerosa, wurde ihm dieser damals entfernt.

Trotzdem folgte Smith den Anweisungen des Tests, den er als mögliches Screening seines Dünndarms interpretierte, und schickte die Probe ein. Wochen später erhielt er einen alarmierenden Anruf: Genetische Marker für Krebs seien gefunden worden. Smith war beunruhigt – und ließ eine Magenspiegelung durchführen, um sicherzugehen. Letztlich stellte sich heraus, dass der Test fälschlicherweise angeschlagen hatte – vermutlich aufgrund von Blutspuren in seinem künstlichen Darmausgang (Stoma).

Ärzte warnen vor Risiken

Smiths Fall hat unter Fachärzten Besorgnis ausgelöst. Sie kritisieren, dass Patienten Tests ohne vorherige ärztliche Rücksprache zugeschickt bekommen. „Das untergräbt das Vertrauensverhältnis zwischen Arzt und Patient“, sagt Dr. Naresh Gunaratnam, Gastroenterologe und Präsident der „Digestive Health Physician Association“, die rund 3.000 Verdauungsspezialisten vertritt.

Die Firma Exact Sciences, Hersteller des Cologuard-Tests, arbeitet mit Krankenversicherern zusammen, um Vorsorgekits automatisch an Menschen zu verschicken, die noch nie oder seit Jahren nicht mehr auf Darmkrebs untersucht wurden. Das Problem: Die Auswahl basiert auf allgemeinen Patientendaten – ohne Zugriff auf vollständige Krankengeschichten. So landen Tests auch bei Menschen, für die sie ungeeignet oder gar sinnlos sind.

Cologuard: Vorteile und Risiken

Der Cologuard-Test erkennt Blutspuren oder abnorme DNA im Stuhl und gilt als einfache Alternative zur Darmspiegelung. Diese bleibt jedoch die zuverlässigste Methode – insbesondere bei positivem Befund, der eine Nachuntersuchung erforderlich macht.

Paul Limburg, Chief Medical Officer bei Exact Sciences, betont die Vorteile: Die Heimtests seien vor allem für Menschen gedacht, die keinen leichten Zugang zu ärztlicher Versorgung haben oder aus Angst vor einer Darmspiegelung zögern. Studien der US-Gesundheitsbehörde CDC hätten gezeigt, dass solche Programme die Teilnahmerate an der Vorsorge steigern können.

Doch Kritiker wie Gunaratnam sehen in Smiths Beispiel die Schwächen des Systems: „Das hat auf so vielen Ebenen versagt“, sagt er. Ärzte müssten oft kostspielige und invasive Folgeuntersuchungen veranlassen, nur um Fehlalarme auszuschließen – wie im Fall von Smith, der unnötig verängstigt wurde.

Versicherer und Anbieter verteidigen das System

Die Versicherung Blue Cross Blue Shield of Minnesota, Smiths Anbieter, sieht in der automatisierten Testversendung eine „kosteneffiziente, zeitsparende und minimalinvasive Lösung“ zur Darmkrebsvorsorge. Kunden würden über das Programm informiert und hätten jederzeit die Möglichkeit, sich davon abzumelden, heißt es.

Laut Exact Sciences nehmen die zehn größten privaten US-Versicherer mit mindestens einem ihrer Pläne an dem Programm teil. Das Unternehmen betont, man informiere auch die Hausärzte der betroffenen Patienten und überprüfe die Listen, wenn neue Informationen vorliegen. Dennoch räumt man ein: Vollständigen Einblick in die Patientenhistorie habe man nicht.

Fazit: Gute Idee mit Tücken

Darmkrebs ist in den USA die zweithäufigste krebsbedingte Todesursache. Eine frühzeitige Diagnose erhöht die Heilungschancen deutlich. Dennoch sind rund ein Drittel der Menschen im empfohlenen Alter von 45 bis 75 Jahren nicht auf dem aktuellen Stand der Vorsorge.

Andrew Spiegel, Geschäftsführer der „Global Colon Cancer Association“, sieht das Problem pragmatisch: „Der beste Test ist der, den Patienten auch wirklich machen.“ Doch der Fall Smith zeigt: Automatisierte Programme können verunsichern – wenn sie nicht medizinisch abgestimmt sind.

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