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Buckelwal noch immer in Wismarbucht – steckt er wieder fest?

ovsdirk (CC0), Pixabay
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Es war ein kühler Sonntagmorgen in der Wismarbucht, als die Ostsee beschloss, einmal mehr zu beweisen, dass sie zwar klein, aber durchaus dramatisch sein konnte.

Mitten auf einer Sandbank lag nämlich wieder Willi, der berühmteste Buckelwal Norddeutschlands.Offiziell hieß er natürlich nicht Willi. In den Akten der Wasserschutzpolizei wurde er vermutlich als „12 bis 15 Meter langer Meeressäuger in schwieriger Lage“ geführt. Aber für die Menschen an der Küste war er längst Willi – der Wal mit dem etwas zweifelhaften Orientierungssinn.

Auf seinem Rücken saß eine Möwe.
Nicht irgendeine Möwe.
Es war Marlene, eine jener Ostsee-Möwen, die stets so dreinschauen, als hätten sie gerade eine Verwaltungsbeschwerde gegen das Wetter eingereicht.

„Na?“, krächzte Marlene und pickte gelangweilt in die salzige Morgenluft.
„Wieder fest?“

Willi seufzte so tief, dass irgendwo in Boltenhagen ein Strandkorb vibrierte.

„Ich war frei!“, brummte er empört. „Heute Nacht! Das Wasser stieg, ich glitt majestätisch davon, die Sterne über mir, die Freiheit vor mir, die Ostsee hinter mir…“

„…und dann?“, fragte Marlene.

„Dann war da wieder Sand.“

Marlene nickte langsam.
„Klassiker.“

Seit Tagen war Willi in aller Munde. Erst war er vor Timmendorfer Strand gestrandet, dann hatten Menschen mit Baggern, Booten, Ferngläsern und sehr ernsten Gesichtern versucht, ihm eine Rinne in die Freiheit zu graben. Irgendwann in der Nacht hatte Willi sich dann tatsächlich selbst befreit – mit der würdevollen Eleganz eines nassen Sofas, das man aus einem Keller zieht.

Er war geschwommen.
Und zwar mit Entschlossenheit.

Leider hatte Willi dabei einen kleinen Navigationsfehler begangen:
Statt Richtung „offenes Meer“ war er offenbar Richtung „noch mehr Sandbank“ unterwegs gewesen.

Nun lag er wieder da.

Am Ufer standen bereits die ersten Menschen mit Ferngläsern, Thermoskannen und jener stillen norddeutschen Aufregung, bei der man kaum Mimik zeigt, aber innerlich sehr wohl in Großbuchstaben denkt.

Ein Beamter der Wasserschutzpolizei sah auf sein Klemmbrett.
„Lage unverändert“, sagte er.

Ein Greenpeace-Biologe sah durch sein Fernglas.
„Vielleicht befreit er sich wieder selbst.“

Ein älterer Herr in wetterfester Jacke murmelte:
„Der hat denselben Orientierungssinn wie mein Schwager mit Wohnwagen.“

Am Strand diskutierten inzwischen Experten, Spaziergänger, Möwen und mindestens drei Menschen, die grundsätzlich immer alles besser wussten.

„Man müsste ihn sanft stupsen“, sagte jemand.

„Man darf ihn auf keinen Fall stressen!“, sagte jemand anderes.

„Früher hätte man einfach ’nen Traktor geholt“, sagte ein dritter, der zu jedem Problem grundsätzlich einen Traktor als Lösung vorschlug.

Willi hörte all das mit wachsender Müdigkeit.

„Warum ist hier eigentlich alles so flach?“, fragte er.

Marlene schnaubte.
„Das ist die Ostsee. Hier ist sogar das Drama flach.“

Willi schloss kurz die Augen. In seinem Kopf rauschte die Erinnerung an weite Ozeane, tiefe Gewässer, echte Wellen und Fischschwärme, die nicht nach drei Metern plötzlich von einer Sandbank unterbrochen wurden.

„Ich wollte doch nur einem Fischschwarm folgen“, murmelte er.

„Tja“, sagte Marlene, „und jetzt bist du Hauptdarsteller einer mehrtägigen Live-Berichterstattung in Mecklenburg-Vorpommern.“

Willi hob ein Auge.
„Ist das schlimm?“

„Kommt drauf an“, sagte Marlene. „Wenn du Glück hast, bekommst du einen Fanclub. Wenn du Pech hast, einen offiziellen Einsatzplan mit mehreren Behördenlogos.“

Am Ufer erschien inzwischen ein Minister.
Oder zumindest jemand, der so aussah, als könne er jederzeit einen Appell formulieren.

„Der Wal soll in Ruhe gelassen werden!“, hieß es.

„Mindestens 500 Meter Abstand!“

Die Möwen hielten sich selbstverständlich nicht daran.

„Für uns gelten solche Regeln nie“, erklärte Marlene stolz und rutschte auf Willis Rücken ein paar Zentimeter näher an seine Finne.

Willi blinzelte in die Morgensonne.

„Glaubst du, ich schaffe es diesmal?“

Marlene blickte aufs Wasser.
Die Flut würde kommen. Langsam. Beharrlich. Norddeutsch eben.

„Hör zu, Willi“, sagte sie mit überraschend sanfter Stimme. „Du bist schon aus Fischernetzen rausgekommen, aus Sandbänken, aus der Lübecker Bucht und aus dem Nachrichtenticker. Du schaffst auch die Wismarbucht.“

„Und wenn nicht?“

Marlene grinste möwig.

„Dann wirst du eben der erste Buckelwal mit Zweitwohnsitz an der Ostsee.“

Willi musste lachen.
Ein tiefes, blubberndes Wal-Lachen, das klang, als würde ein alter Dampfer in eine Tuba husten.

Und tatsächlich: Als das Wasser langsam stieg, hob sich sein mächtiger Körper Zentimeter um Zentimeter aus dem Sand.

Am Ufer hielten alle den Atem an.
Die Beamten.
Die Biologen.
Die Spaziergänger.
Sogar der Mann mit dem Traktor-Vorschlag.

Willi spannte seine Fluke an.
Noch ein Schub.
Noch einer.

Der Sand gab nach.

„Na also!“, rief Marlene. „Los jetzt! Und diesmal rechts halten!“

Mit einem letzten kraftvollen Stoß glitt Willi in tieferes Wasser. Erst langsam, dann sicherer. Ein dunkler Rücken, ein Aufatmen, eine Fluke, die sich hob wie ein Abschiedsgruß an eine ganze Küstenregion.

Am Strand brach Jubel aus – auf norddeutsche Art, also mit verhaltenem Nicken und einem einzelnen „Jo.“

Marlene flog hinterher, drehte eine elegante Kurve über dem Wasser und rief:

„Und wenn du wieder feststeckst – ich sitz schon bereit!“

Willi tauchte kurz auf, prustete eine Fontäne in den Himmel und brummte:

„Ich nehme diesmal den ausgeschilderten Weg!“

Niemand wusste, ob es in der Ostsee ausgeschilderte Wege für Buckelwale gab.

Aber in diesem Moment schien das auch völlig egal.

Denn für einen kurzen Augenblick war die Wismarbucht nicht nur ein Ort aus Sand, Wind und Einsatzmeldungen –
sondern eine Bühne für eine wunderbar absurde Wahrheit:

Selbst ein riesiger Buckelwal kann sich verirren.
Aber manchmal braucht es nur etwas Wasser, etwas Geduld
und eine freche Möwe,
damit es wieder weitergeht.

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