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Baden-Württemberg wählt – und alle fühlen sich irgendwie wie Sieger

Elf-Moondance (CC0), Pixabay
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In Baden-Württemberg wurde am Sonntag gewählt – und das Ergebnis zeigt einmal mehr: In der deutschen Politik kann man auch mit weniger Stimmen gewinnen, mit mehr Stimmen verlieren und mit ganz wenigen Stimmen trotzdem feiern. 🗳️

Grüne retten sich ins Ziel

Die Grünen unter Spitzenkandidat Cem Özdemir legten in den letzten Wochen vor der Wahl eine Aufholjagd hin, die selbst Tour-de-France-Kommentatoren beeindruckt hätte. Am Ende landeten sie laut Hochrechnungen bei 30,3 Prozent und damit hauchdünn vor der CDU.

Özdemir erklärte sich nach einer längeren Phase des kollektiven Taschenrechnens schließlich zum Wahlsieger. Sein Rezept: eine Mischung aus grüner Politik, wirtschaftsfreundlichen Tönen und gelegentlichen konservativen Anleihen – also ein politischer Smoothie für die Mitte der Gesellschaft.

Der scheidende Ministerpräsident Winfried Kretschmann (77) zeigte sich vor allem erleichtert: „Ich bin froh, dass ich jetzt aufhören darf.“ Nach 15 Jahren an der Spitze des einzigen Bundeslandes mit grünem Regierungschef dürfte ihm niemand widersprechen.

CDU: Fast gewonnen ist auch verloren

Für die CDU verlief der Abend dagegen wie ein Fußballspiel, bei dem man 90 Minuten führt und dann doch noch das Gegentor kassiert. Wochenlang lag die Partei in Umfragen vorne – doch am Ende reichte es mit 29,7 Prozent nur für Platz zwei.

Spitzenkandidat Manuel Hagel hätte mit 37 Jahren der jüngste Ministerpräsident der Landesgeschichte werden können. Stattdessen bleibt ihm vorerst der Titel „jüngster Fast-Ministerpräsident Baden-Württembergs“.

AfD erklärt sich ebenfalls zum Sieger

Auf Platz drei landete die AfD mit knapp 19 Prozent. Parteichef Tino Chrupalla erklärte im Fernsehen, seine Partei sei der eigentliche Gewinner des Abends. Das ist ein bewährtes Konzept der politischen Kommunikation: Wenn man oft genug sagt, dass man gewonnen hat, glauben es vielleicht irgendwann auch andere.

SPD: Die Kunst des minimalen Überlebens

Für die SPD wurde die Wahl zu einer Übung im politischen Durchatmen. Mit rund 5,5 Prozent schaffte sie es gerade noch über die Fünf-Prozent-Hürde – ein Ergebnis, das in der Partei ungefähr so viel Begeisterung auslöste wie ein Zahnarzttermin.

Spitzenkandidat Andreas Stoch kündigte noch am Wahlabend seinen Rücktritt als Landes- und Fraktionschef an. Parteichef Lars Klingbeil sprach von einem „total bitteren Abend“, was in der SPD ungefähr die diplomatischste Formulierung für „katastrophal“ ist.

FDP verabschiedet sich aus dem Landtag

Historisch wurde der Abend für die FDP – allerdings nicht im positiven Sinne. Mit 4,4 Prozent verpassten die Liberalen erstmals seit mehr als 70 Jahren den Einzug in den baden-württembergischen Landtag.

Spitzenkandidat Hans-Ulrich Rülke nahm ebenfalls seinen Hut. Parteichef Christian Dürr versuchte dennoch Optimismus zu verbreiten: Man befinde sich auf einem „Marathonlauf“. Kritiker könnten allerdings einwenden, dass die FDP aktuell eher noch am Startblock steht.

Linke feiern knappes Scheitern

Auch die Linke scheiterte an der Fünf-Prozent-Hürde – allerdings mit guter Laune. Spitzenkandidatin Kim Sophie Bohnen erklärte das Ergebnis von rund 4,4 Prozent zum „besten Ergebnis der Partei in Baden-Württemberg“. In der Politik gilt eben: Wer die Latte niedrig genug legt, kann auch beim Drunterdurchlaufen jubeln.

Große Koalition der knappen Ergebnisse

Am Ende läuft vieles wohl auf eine Fortsetzung der Koalition aus Grünen und CDU hinaus – diesmal allerdings mit Özdemir statt Kretschmann an der Spitze.

Özdemir reichte der CDU bereits die Hand und sprach von einer „Partnerschaft auf Augenhöhe“. Das dürfte bedeuten: Beide Seiten tun so, als hätten sie gewonnen, und regieren dann einfach weiter.

Auftakt zum deutschen Superwahljahr

Die Wahl gilt als Auftakt zum deutschen Superwahljahr. Für Kanzler Friedrich Merz hätte ein klarer CDU-Sieg ein schöner Start sein können. Nun beginnt das Wahljahr eher mit einem politischen Unentschieden – nur dass die Grünen diesmal den Pokal mitnehmen.

Und so bleibt Baden-Württemberg politisch das, was es schon lange ist: ein Land, in dem selbst konservative Wähler gelegentlich grün wählen – vermutlich, weil die Farbe gut zur Landschaft passt

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