Sind alle um Sie herum gerade mit „Aura Farming“ beschäftigt? Nervt das ständige „Clip Farming“ auf dem For-You-Feed? Oder sind Sie älter als 25 und verstehen nur Bahnhof?
Neue Begriffe aus dem Slang der Generation Alpha (Geburtsjahrgänge 2010–2024) und jüngerer Gen-Z-Mitglieder haben das Internet erobert – und offenbar auch Schulhöfe, TikTok-Feeds und Sportplätze. Zwei dieser Begriffe: „Aura Farming“ und „Clip Farming“. Was zunächst wie ein Insiderwitz klingt, sagt laut Expertinnen und Experten viel darüber aus, wie junge Menschen heute aufwachsen – und was ihnen wichtig ist.
Kommunikationswissenschaftler Melvin Williams von der Pace University betont, dass es nichts Neues sei, wenn Jugendliche eigene Codes entwickeln. Neu sei jedoch, wie stark diese Begriffe von sozialen Medien geprägt sind. Sie spiegelten die enorme Bedeutung digitaler Plattformen für soziale Interaktion wider.
Was bedeutet „Aura Farming“?
Mit Okkultismus hat „Aura“ hier nichts zu tun. Im Sprachgebrauch der Gen Alpha beschreibt „Aura“ eine besondere Ausstrahlung – dieses gewisse Etwas, das Stars, Influencer oder einfach besonders coole Menschen umgibt. Wer „Aura“ hat, wirkt lässig, geheimnisvoll, unangreifbar.
„Aura Farming“ bedeutet also: aktiv daran arbeiten, cooler zu wirken. Aber Vorsicht – wer sich zu sehr bemüht, läuft Gefahr, das Gegenteil zu erreichen. Der schmale Grat zwischen lässig und peinlich ist Teil des Spiels.
Ein virales Beispiel: Ein Junge, der scheinbar beiläufig auf einem Rennboot tanzt. Seine entspannte Art wurde im Netz als Paradebeispiel für gelungenes „Aura Farming“ gefeiert – und inspirierte sogar einen eigenen Tanztrend.
Laut Jeff Hancock vom Stanford Social Media Lab gehört zur „Aura“ vor allem eines: Mystik. Es geht nicht nur um Coolness, sondern um Zurückhaltung, Mehrdeutigkeit, ein gewisses Rätselhaftes. Stars wie Timothée Chalamet, Frank Ocean oder Rihanna gelten online als Inbegriff von „Aura“. Selbst alte Fotos von James Dean oder Greta Garbo würden dieses gewisse Flair transportieren.
Und was ist „Clip Farming“?
„Clip Farming“ bedeutet, gezielt Momente zu inszenieren, die viral gehen sollen – also Aussagen oder Aktionen, die sich perfekt als kurzer Clip in sozialen Medien verbreiten lassen.
Das Prinzip ist nicht neu: Schon in Zeiten von Radio und Fernsehen wurden zugespitzte Zitate produziert, um Aufmerksamkeit zu erzeugen. Heute geschieht das vor allem für TikTok oder Instagram. Wer allerdings zu offensichtlich auf Viralität abzielt, riskiert, aufgesetzt zu wirken.
Was sagt das über junge Generationen?
Sprachwissenschaftler Adam Aleksic verweist darauf, dass beide Begriffe aus der Gaming-Welt stammen. „Farming“ bedeutet dort, durch bestimmte Handlungen Punkte oder Ressourcen zu sammeln, um im Spiel aufzusteigen.
Dass junge Menschen dieses Vokabular ins reale Leben übertragen, zeigt, wie eng digitale und analoge Welt inzwischen verwoben sind. Wie früher Sportbegriffe („direkt vom Start weg“, „in der Warteschleife stehen“) in die Alltagssprache eingingen, beeinflussen heute Videospiele und Social Media unseren Wortschatz.
Und falls Eltern sich bei all dem ausgeschlossen fühlen: Das ist durchaus beabsichtigt. Sprachliche Codes dienen seit jeher dazu, Gruppen zu bilden – und andere außen vor zu lassen.
Oder anders gesagt: Wenn Sie nicht wissen, was „Aura Farming“ ist, haben Ihre Kinder ihr Ziel vielleicht schon erreicht.
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