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artnet ag im Visier der Bafin- „Anleger müssen jetzt genau hinschauen“ – Interview mit Rechtsanwalt Michael Iwanow zur Fehlerbekanntmachung bei der artnet AG

TheDigitalArtist (CC0), Pixabay
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Frage: Herr Iwanow, die BaFin hat bekannt gegeben, dass der Konzernabschluss 2022 der artnet AG Fehler enthält. Was ist da passiert?

Michael Iwanow: Die BaFin hat festgestellt, dass die artnet AG bei sogenannten Wertminderungstests für einige ihrer Entwicklungsprojekte gegen wichtige Bilanzierungsregeln verstoßen hat. Das bedeutet: Es wurde nicht richtig geprüft, ob bestimmte Vermögenswerte wirklich noch so viel wert sind, wie sie in der Bilanz stehen.

Frage: Klingt technisch – warum ist das für Anleger und Aktionäre überhaupt wichtig?

Michael Iwanow: Weil die Bilanz eines Unternehmens die Grundlage für viele Entscheidungen ist – zum Beispiel ob jemand Aktien kauft, hält oder verkauft. Wenn Vermögenswerte zu hoch angesetzt sind, sieht ein Unternehmen gesünder aus, als es wirklich ist. Das kann den Aktienkurs künstlich stützen – und wenn so etwas auffliegt, kann der Kurs schnell einbrechen.

Frage: Gab es denn große Summen, um die es ging?

Michael Iwanow: Es ging um mehrere Entwicklungsprojekte, bei denen insgesamt fast 700.000 US-Dollar betroffen sind. Das klingt im Vergleich zur Gesamtbilanz vielleicht nicht riesig – aber es geht hier vor allem um das Prinzip: Transparenz und korrekte Bilanzierung sind das A und O für das Vertrauen der Anleger.

Frage: Können Aktionäre jetzt rechtliche Schritte einleiten?

Michael Iwanow: Theoretisch ja – wenn ihnen nachweislich ein Schaden entstanden ist, etwa durch eine Kaufentscheidung auf Basis des fehlerhaften Jahresabschlusses. In der Praxis ist das allerdings schwer durchzusetzen, weil man konkret belegen muss, dass man nur deshalb investiert hat und ein Verlust daraus entstanden ist. Aber: Für institutionelle Investoren könnte das durchaus interessant sein.

Frage: Wie könnte sich das auf den Aktienkurs auswirken?

Michael Iwanow: Das hängt davon ab, wie das Unternehmen reagiert. Wenn artnet die Fehler offen und transparent korrigiert und zeigt, dass man daraus gelernt hat, bleibt das Vertrauen vielleicht erhalten. Bleibt das aber unklar oder folgen weitere Fehler, kann das negative Auswirkungen auf den Kurs haben.

Frage: Was sollten Aktionäre jetzt tun?

Michael Iwanow: Ich empfehle, die Reaktion der artnet AG genau zu beobachten: Wird der Abschluss korrigiert? Wird erklärt, wie es zu den Fehlern kam? Und was wird künftig besser gemacht? Außerdem sollte man verfolgen, ob die Wirtschaftsprüfer oder andere Aufsichtsbehörden weitere Schritte unternehmen.

Frage: Welche Folgen kann das für das Unternehmen selbst haben?

Michael Iwanow: Neben dem Reputationsschaden kann es für artnet auch rechtliche und regulatorische Konsequenzen geben. Es ist denkbar, dass auch die Wirtschaftsprüfer unter Druck geraten, und bei schweren Fällen könnten sogar Bußgelder oder Klagen folgen – je nach Ausmaß der Pflichtverletzungen.

Frage: Herr Iwanow, danke für die klare Einschätzung!

Michael Iwanow: Sehr gerne – und mein Rat an alle Anleger: Immer mit wachem Blick lesen, was zwischen den Zeilen steht.

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