Magdeburg – Sachsen-Anhalt bekommt im November möglicherweise eine neue Attraktion: politische Mathematik mit erhöhtem Schwierigkeitsgrad.
Ulrich Siegmund will sich laut dem vorliegenden Bericht im November zur Wahl als Ministerpräsident stellen. Damit wäre zumindest eine Frage geklärt: Wann wird gewählt?
Offen bleibt nur die etwas nebensächlichere Kleinigkeit: Wer wählt ihn eigentlich?
Denn die AfD verfügt dem Bericht zufolge über 39 von 83 Sitzen.
Das ist viel.
Aber leider noch nicht jene magische Zahl, bei der Mathematiklehrer zufrieden nicken und Politiker anfangen, Büros auszumessen.
Oktober? November? Hauptsache Kalender vorhanden
Zunächst stand offenbar die Frage im Raum, ob die Ministerpräsidentenwahl schon bei der konstituierenden Sitzung des Landtags am 6. Oktober stattfinden könnte.
Antwort: wohl eher nicht.
Der November soll es werden.
Damit hat Sachsen-Anhalt nun etwas, das bei großen politischen Vorhaben bekanntlich enorm hilft:
einen Monat.
Das genaue Datum scheint dagegen noch dort zu liegen, wo politische Details besonders gern wohnen: irgendwo zwischen „intern besprochen“, „kein Kommentar“ und „davon weiß offiziell niemand etwas“.
Auf Nachfrage wollte die AfD Einzelheiten aus nichtöffentlichen Beratungen nicht kommentieren.
Was natürlich vollkommen überraschend ist.
Nichtöffentliche Sitzungen haben schließlich traditionell die unangenehme Eigenschaft, anschließend erstaunlich viele Menschen darüber reden zu lassen.
Das große Stimmen-Sudoku
Der eigentliche Nervenkitzel beginnt allerdings erst bei der Frage der Mehrheit.
39 Abgeordnete reichen nicht.
Also müssen weitere Stimmen her.
Und damit startet das politische Gesellschaftsspiel:
„Wer war’s?“
Kommen Stimmen vom BSW?
Gibt es Unterstützung einzelner CDU-Abgeordneter?
Oder tauchen am Wahltag plötzlich Stimmen auf, die vorher niemand gesehen haben will?
Die AfD behauptet laut Bericht, es gebe Gespräche mit einzelnen CDU-Abgeordneten.
Die CDU bestreitet das.
Damit befindet sich die Öffentlichkeit in jener klassischen politischen Situation, die sich ungefähr so zusammenfassen lässt:
A sagt ja. B sagt nein. Und alle warten auf die geheime Abstimmung.
Eine Abgeordnete brachte den Widerspruch laut Bericht sinngemäß auf eine besonders kompakte Formel: Einer von beiden sage nicht die Wahrheit.
Damit wäre zumindest bewiesen, dass politische Analyse manchmal erstaunlich wenig Wörter benötigt.
Geheimwahl: Überraschungsei für Erwachsene
Eine Ministerpräsidentenwahl ist geheim.
Das macht die Sache besonders unterhaltsam.
Denn vorher kann jede Fraktion erklären, versichern, ausschließen, dementieren und mit ernster Miene erklären, was auf gar keinen Fall passieren werde.
Und danach stehen alle vor dem Ergebnis und sagen:
„Interessant.“
Die fehlenden Stimmen haben dabei einen besonderen Vorteil: Sie müssen sich nicht vorher anmelden.
Kein Namensschild.
Keine Pressekonferenz.
Keine Reservierung.
Ein Kreuz genügt.
Vorbereitung auf den Fall der Fälle
Während die Stimmenfrage weiter offen ist, bereitet sich die AfD laut Bericht bereits auf mögliche Regierungsverantwortung vor.
Siegmund und weitere Parteivertreter wollen nach Wien reisen und dort unter anderem mit FPÖ-Chef Herbert Kickl sprechen.
Offenbar geht es dabei auch um Erfahrungen mit Regierungsarbeit.
Das ist grundsätzlich nachvollziehbar.
Wer einen neuen Job beginnen könnte, schaut schließlich gern vorher nach, wie andere das gemacht haben.
Andere Menschen sehen YouTube-Tutorials über Laminatverlegung.
Politiker fahren nach Wien und sprechen über Ministerien.
Bereits zuvor habe sich die Fraktion laut Bericht mit Fragen beschäftigt wie:
Wie organisiert man Regierungsarbeit?
Wie baut man Ministerien auf?
Welche Probleme können auftreten?
Oder vereinfacht:
Wo sind die Lichtschalter, wer bekommt welches Büro und wann merkt man, dass Regieren komplizierter ist als Opposition?
Der November wird spannend
Damit steht derzeit offenbar vor allem eines fest:
Ulrich Siegmund will antreten.
Die AfD hat 39 Sitze.
Für eine Mehrheit braucht es mehr.
Wo diese Stimmen herkommen könnten, ist offen.
Und der November dürfte zeigen, ob aus politischer Arithmetik tatsächlich Regierungsbildung wird.
Bis dahin können Parteien dementieren, spekulieren, rechnen und sich gegenseitig versichern, mit wem sie ganz bestimmt nicht reden.
Und Sachsen-Anhalt bekommt kostenlos einen mehrwöchigen Grundkurs in parlamentarischer Mathematik.
Aufgabe 1:
Gegeben sind 83 Abgeordnete und 39 sichere Stimmen.
Gesucht wird:
der Rest.
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