Nach der spektakulären Ausreise von Nicolás Maduro und seiner Ehefrau Cilia Flores Anfang Januar steht Venezuela politisch unter Hochspannung. Während in Caracas Drohnenshows das Konterfei des früheren Präsidenten an den Nachthimmel projizierten und Parolen wie „El pueblo los reclama“ („Das Volk verlangt sie zurück“) leuchteten, sitzt das einstige Präsidentenpaar in den USA in Untersuchungshaft. Ihnen werden unter anderem Drogendelikte vorgeworfen – Vorwürfe, die sie bestreiten.
Im Machtvakuum führt nun Delcy Rodríguez, bislang Vizepräsidentin und enge Vertraute Maduros, die Amtsgeschäfte. Ihre Position ist heikel: Einerseits muss sie die chavistische Basis mit antiimperialistischer Rhetorik bei der Stange halten. Andererseits steht sie massiv unter Druck aus Washington – insbesondere von US-Präsident Donald Trump.
Politischer Drahtseilakt
Rodríguez spricht öffentlich weiterhin von einem „imperialistischen Angriff“ der USA und fordert die Rückkehr Maduros. Gleichzeitig verhandelt sie pragmatisch mit Washington. Kurz nach Maduros Abzug kündigte Trump an, Venezuela werde bis zu 50 Millionen Barrel Öl liefern – die Einnahmen sollen unter US-Verwaltung stehen.
Am selben Tag, an dem Rodríguez im Parlament die „imperialistische Expansion“ der USA kritisierte, traf sie sich mit CIA-Direktor John Ratcliffe in Caracas. Offiziell betont sie, die Gespräche mit den USA verliefen „höflich“ und „respektvoll“.
Experten sehen darin einen Balanceakt. „Ihre Legitimität hängt faktisch vom militärischen Gewicht der USA ab“, sagt die venezolanische Politikanalystin Carmen Beatriz Fernández. Auch gegen Rodríguez selbst gab es in der Vergangenheit Ermittlungen der US-Drogenbehörde DEA – ein Damoklesschwert, das über ihr schwebt.
Zwischen Ideologie und Pragmatismus
Im Inneren versucht Rodríguez, einen pragmatischeren Kurs einzuschlagen. Sie berief vermehrt Technokraten in Schlüsselpositionen, verabschiedete ein Gesetz zur Öffnung des Ölsektors für US-Unternehmen und ließ mehrere politische Gefangene frei. Kritiker betonen allerdings, dass weiterhin zahlreiche Oppositionelle in Haft sitzen.
Gleichzeitig schmücken in Caracas Banner die Straßen, auf denen Maduros Rückkehr gefordert und US-Interventionen verurteilt werden. Öffentliche Demonstrationen pro Regierung sind häufig staatlich organisiert – viele Teilnehmer erscheinen auf Anweisung ihrer Vorgesetzten.
Das chavistische Lager, einst dominierende politische Kraft, repräsentiert heute laut Beobachtern nur noch 15 bis 20 Prozent der Bevölkerung. Maduros Popularität war in seinen 13 Amtsjahren stark gesunken. Seine Wiederwahl 2024 galt international als umstritten; unabhängige Auszählungen sahen den Oppositionskandidaten deutlich vorn.
Wirtschaft als Schlüssel
Ein entscheidender Faktor für Rodríguez’ politisches Überleben ist die wirtschaftliche Lage. Venezuela leidet unter extremer Inflation, Armut und einem massiven Bevölkerungsschwund: Fast acht Millionen Menschen haben das Land seit 2014 verlassen.
Die Hoffnung vieler Venezolaner richtet sich nun auf mögliche US-Investitionen – vor allem im Ölsektor. Doch ob diese rasch spürbare Verbesserungen für die Bevölkerung bringen, ist ungewiss. Ein einfacher Warenkorb mit Grundnahrungsmitteln kostet inzwischen mehr als 500 US-Dollar – für viele unbezahlbar.
Militär und Machtstrukturen
Innenpolitisch muss Rodríguez zudem Rücksicht auf mächtige Akteure im Sicherheitsapparat nehmen, allen voran Innenminister Diosdado Cabello. Ihm werden enge Verbindungen zu paramilitärischen Gruppen, den sogenannten „Colectivos“, nachgesagt. Auch auf ihn ist in den USA ein Kopfgeld ausgesetzt.
Beobachter vermuten ein taktisches Zusammenspiel: Rodríguez präsentiert sich moderat gegenüber Washington, während Hardliner im Hintergrund Druck ausüben. So wahrt sie die Unterstützung der Sicherheitskräfte, ohne ihre Annäherung an die USA zu gefährden.
Trumps Interessen
Doch auch Trump verfolgt eigene Ziele. Für ihn gilt Maduros Abzug als außenpolitischer Erfolg. Eine erneute Eskalation in Venezuela würde dieses Narrativ gefährden. „Trump will Stabilität – zumindest solange sie seine Erfolgsgeschichte nicht stört“, sagt Lateinamerika-Experte Christopher Sabatini.
Das verschafft Rodríguez Handlungsspielraum. Zudem gibt es in Washington unterschiedliche Linien: Außenminister Marco Rubio gilt als scharfer Gegner der venezolanischen Führung und soll auf schnelle Neuwahlen drängen.
Offene Zukunft
Ob Delcy Rodríguez langfristig beide Seiten zufriedenzustellen vermag, bleibt offen. Viel wird davon abhängen, ob sich die Wirtschaft erholt – und wann Neuwahlen angesetzt werden. Beobachter gehen davon aus, dass Rodríguez einen Wahltermin erst dann ins Auge fassen wird, wenn die wirtschaftliche Lage eine reale Chance auf einen Wahlsieg bietet.
Venezuela befindet sich damit in einer Phase politischer Unsicherheit – zwischen revolutionärer Rhetorik, geopolitischem Machtspiel und der Hoffnung auf wirtschaftliche Stabilisierung. Die Frage ist nicht nur, wie lange Rodríguez diesen Balanceakt durchhält – sondern wer am Ende die Spielregeln bestimmt.
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