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Zwischen Trump und Xi: Südkorea im geopolitischen Spagat

raphaelsilva (CC0), Pixabay
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Während Protestierende in den Straßen von Seoul rufen „No Trump!“ und nur wenige Meter weiter andere fordern „No China!“, steht Südkorea diese Woche im Zentrum eines geopolitischen Drahtseilakts: Das Land empfängt die Führer der beiden rivalisierenden Supermächte – Donald Trump und Xi Jinping.

Präsident Lee Jae-myung sieht sich vor einer diplomatischen Gratwanderung. Er will den Drahtseilakt zwischen Sicherheitsallianz mit den USA und wirtschaftlicher Abhängigkeit von China meistern – in einer Zeit wachsender Spannungen zwischen beiden Mächten.

„Südkorea befindet sich zwischen Baum und Borke“, analysiert Darcie Draudt-Vejares vom Carnegie Endowment for International Peace. „Das Land muss zwei Supermächte balancieren, die sich zunehmend als Gegner sehen.“

Proteste gegen beide Seiten

In Seoul kam es am Wochenende zu gleichzeitigen Protesten gegen Trump und gegen China. Vor der US-Botschaft skandierten Demonstranten lautstark gegen den US-Präsidenten. Einige Hundert Meter entfernt forderten andere den Rückzug der Kommunistischen Partei Chinas. Auch rassistisch anmutende Slogans wie „Stoppt die chinesischen Boote“ wurden gesichtet.

Der Protest gegen Trump wurde teils durch dessen Forderungen nach Milliardeninvestitionen und seine abwertenden Äußerungen über Südkorea ausgelöst – darunter die Bezeichnung des Landes als „Geldmaschine“. Der Zorn wurde weiter angefacht, nachdem über 300 südkoreanische Arbeiter bei einer Razzia in einem Hyundai-Werk in den USA festgenommen wurden.

Trump, Zölle und zähe Verhandlungen

Nach einem diplomatischen Charmeoffensive im August schien Präsident Lee einen Durchbruch erreicht zu haben: Südkorea sagte Investitionen in Höhe von 350 Milliarden US-Dollar in den USA zu und verpflichtete sich zum Kauf von 100 Milliarden US-Dollar an Flüssigerdgas – im Gegenzug versprach Trump, Zölle zu senken.

Doch ein finales Handelsabkommen ist nicht in Sicht, und Trump fordert nun direkte Barinvestitionen. Beobachter erwarten keinen Durchbruch beim Treffen am Mittwoch.

„Je kürzer Trumps Besuch dauert, desto besser könnte es für Präsident Lee sein“, sagt John Delury von der Asia Society. „Ein 24-Stunden-Besuch ohne Zwischenfälle wäre schon ein Erfolg.“

Xi bleibt länger – und hat mehr zu bieten?

Der chinesische Präsident Xi Jinping trifft Lee am Samstag zu einem bilateralen Gespräch, bevor er für drei Tage in die historische Hauptstadt Gyeongju weiterreist, um am APEC-Gipfel teilzunehmen. Im Gegensatz zu Trump nimmt sich Xi mehr Zeit – und positioniert China als verlässlichen, langfristigen Wirtschaftspartner.

Anti-China-Stimmung wächst – doch Differenzierung bleibt

Anti-chinesische Gefühle nehmen in Südkorea seit Jahren zu – insbesondere seit dem Streit über ein US-Raketenabwehrsystem 2016. Dennoch betonen viele Demonstranten, dass sich ihr Protest gegen die chinesische Regierung, nicht gegen das Volk richte.

„Wir wollen keine Einflussnahme der KP Chinas. Aber ja – wir müssen diplomatisch mit China zusammenarbeiten“, sagt die 27-jährige Demonstrantin Park Da-som.

Die Regierung hat auf die zunehmenden Spannungen reagiert und ein Gesetz gegen Hassreden bei Demonstrationen eingebracht. Präsident Lee hat klargemacht, dass er eine Annäherung an China anstrebt – nicht zuletzt, um den Dialog mit Nordkorea wieder aufzunehmen.

Fazit: Der Preis der Neutralität

Trotz interner Spannungen genießt die USA laut einer Pew-Umfrage nach wie vor großes Vertrauen in Südkorea. Doch China wird zunehmend als Bedrohung wahrgenommen – vor allem in konservativen Kreisen.

Präsident Lee steht vor der Herausforderung, Südkoreas Interessen zu wahren, ohne einen der beiden Giganten zu verärgern. Denn Südkorea ist längst nicht mehr nur Bittsteller – als aufstrebende Soft-Power-Nation mit globalem Einfluss ist das Land heute ein gewichtiger Akteur im globalen Spiel der Mächte.

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