Kaum ein Thema entzündet die Gemüter so sehr wie Fleisch. Es steht für Genuss und Tradition, für Streit über Tierwohl und Klima, für politische Symbolik und gesellschaftliche Identität. Genau diesem Spannungsfeld widmet das Wien Museum nun eine große kulturhistorische Ausstellung – schlicht betitelt: „Fleisch“.
Die Schau begibt sich auf eine Reise durch Jahrhunderte: vom mittelalterlichen Viehhandel über die berüchtigten Schlachthöfe von St. Marx bis hin zur Debatte um Labor-Burger und vegane Alternativen. „Warum ist Fleischessen so emotional, auf allen Seiten?“, war die Ausgangsfrage der Kuratoren Sarah Pichlkastner und Jakob Lehne.
Fleisch als Identitätsmarker
Politische Zitate verdeutlichen die Symbolkraft: Von Steuerdebatten über das „leistbare Schnitzel“ bis zur Sorge, dass das „letzte Schnitzel im Museum“ landen könnte, reicht das Spektrum. Fleisch fungiert, so Lehne, als „Gradmesser für Status und gesellschaftlichen Wandel“ – einst ein seltener Luxus, religiös streng reguliert, heute ein Auslöser hoch emotionaler Debatten.
Von Bibern und Steppenrindern
Kuriositäten fehlen nicht: So galt der Biber im katholischen Mittelalter als Fisch und durfte in der Fastenzeit gegessen werden. Tauben wurden im 19. Jahrhundert gerne als „Backhendl“ serviert. Daneben zeigt die Ausstellung, wie sich Nutztiere selbst veränderten: das zierliche Bankivahuhn im Vergleich zum vier Kilogramm schweren Masthuhn, das borstiges mittelalterliche Schwein neben heutigen Zuchtlinien.
Wien wird als Drehscheibe des Rinderhandels in den Fokus genommen. Schon im Mittelalter marschierten ganze Herden über die Landstraßer Hauptstraße – Grundlage für die bis heute typische Wiener Rindfleischküche mit Klassikern wie Tafelspitz oder Rostbraten.
Schlachthöfe und Massenproduktion
Ein zentrales Kapitel ist dem Schlachthof St. Marx gewidmet. Ab Mitte des 19. Jahrhunderts versorgte er die wachsende Kaiserstadt, mit Fließbahnen für Rinderkörper, die später sogar Henry Ford inspirierten. Fotografien von 1926 dokumentieren den Alltag zwischen Haken und Fleischbergen.
Ein Dokumentarfilm aus den 1970er-Jahren zeigt die Brutalität industrieller Massenschlachtung – in der Ausstellung bewusst reduziert, um zu informieren, ohne zu schockieren. Der Wandel von stolzen Fleischhauern, die ganze Tiere präsentierten, hin zur anonymen Supermarkt-Verpackung verdeutlicht den kulturellen Bruch.
Vegetarismus, Tierschutz und Zukunftsfragen
Auch die Gegenbewegungen werden thematisiert: Bereits im 19. Jahrhundert gab es vegetarische Bewegungen im Umfeld der Lebensreform, parallel entstand eine bürgerliche Tierschutzbewegung. Heute rücken Klima, Gesundheit und ethische Fragen stärker ins Zentrum.
An einer Mitmachstation können Besucher entscheiden, ob sie lieber Burger aus Erbsenprotein, Laborfleisch oder gar Schnecken essen würden. Und auch die jüngste „Causa Biber“ zeigt, wie aufgeladen das Thema bleibt: Ein Koch, der einen geschossenen Biber verwerten wollte, löste im Frühjahr einen Shitstorm aus.
Ein Spiegel gesellschaftlicher Debatten
„Fleisch“ ist im Wien Museum mehr als eine historische Rückschau. Die Ausstellung versteht sich als Spiegel der Gegenwart – zwischen Nostalgie, Skandal und Zukunftsfragen. Sie zeigt, dass Fleisch weit über den Teller hinausweist: als kulturelles Erbe, gesellschaftlicher Konfliktstoff und Projektionsfläche für Ängste und Hoffnungen gleichermaßen.
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