Startseite Allgemeines Zuckerberg verteidigt Meta in historischem Prozess um Social-Media-Sucht
Allgemeines

Zuckerberg verteidigt Meta in historischem Prozess um Social-Media-Sucht

Monfocus (CC0), Pixabay
Teilen

Im viel beachteten Prozess um die mögliche Suchtwirkung von sozialen Medien auf Kinder und Jugendliche hat Meta-Chef Mark Zuckerberg am Mittwoch vor einem Geschworenengericht in Los Angeles ausgesagt. Dabei sah er sich mit internen Dokumenten konfrontiert, die nahelegen sollen, dass sein Unternehmen gezielt junge Nutzer an Instagram und Facebook binden wollte.

Zuckerberg wies die Vorwürfe zurück und erklärte mehrfach, die Anwälte der Kläger würden interne Mitteilungen „falsch darstellen“.

Interne Dokumente im Fokus

Im Zentrum des Verfahrens steht die Frage, ob Plattformen wie Instagram süchtig machen – insbesondere für Minderjährige – und ob die Unternehmen dies wussten oder sogar bewusst in Kauf nahmen.

Der Anwalt der Hauptklägerin, die in den Gerichtsunterlagen nur mit ihren Initialen K.G.M. bezeichnet wird, legte zahlreiche interne E-Mails, Chatverläufe und Studien vor. Diese zeigen, dass Meta-Führungskräfte sich intensiv mit der Nutzung ihrer Plattformen durch Teenager und sogar noch jüngere Kinder beschäftigten.

Eine E-Mail aus dem Jahr 2019, unter anderem an Zuckerberg adressiert, kritisierte etwa die „nicht durchgesetzten“ Altersbeschränkungen. Dadurch sei es „schwierig zu behaupten, wir tun alles, was wir können“, hieß es darin. Absender war Nick Clegg, damals Metas Chef für globale Angelegenheiten und früherer britischer Vizepremier.

Eine externe Studie aus demselben Jahr kam zu dem Ergebnis, dass sich Jugendliche trotz negativer Gefühle „abhängig“ von Instagram fühlten. Teenager hätten „eine typische Sucht-Erzählung“ über ihre Nutzung entwickelt, so der Bericht.

Zuckerberg betonte vor Gericht, diese Studie sei nicht intern bei Meta entstanden. Sein Anwalt verwies zudem darauf, dass die Untersuchung auch positive Aspekte der Plattformnutzung benannt habe.

Fokus auf „Teen Usage“

Besonders brisant waren interne Präsentationen aus dem Jahr 2018, in denen die erfolgreiche Bindung sogenannter „Tweens“ – also Kinder unter 13 Jahren – thematisiert wurde, obwohl diese laut Nutzungsbedingungen gar nicht zugelassen sind.

Zuckerberg erklärte, er habe es „immer bereut“, dass die Identifizierung von unter 13-Jährigen nicht schneller verbessert worden sei. Gleichzeitig betonte er, Jugendliche machten weniger als ein Prozent der Werbeeinnahmen des Konzerns aus.

In einer E-Mail aus dem Jahr 2015 hatte Zuckerberg selbst als Ziel formuliert, die Verweildauer auf der Plattform um 12 Prozent zu steigern und einen negativen Trend bei Teenagern umzukehren. Ein weiteres internes Schreiben von 2017 zitierte eine Führungskraft mit den Worten: „Mark hat entschieden, dass Teenager oberste Priorität für das Unternehmen sind.“

Zuckerberg räumte ein, dass früher Kennzahlen wie Nutzungsdauer stärker im Fokus gestanden hätten. Heute arbeite Meta jedoch anders. Man habe über Jahre hinweg an Lösungen gegen „problematische Nutzung“ gearbeitet, „weil es das Richtige ist“.

Schutzmaßnahmen und Kritik

Meta verwies im Prozess auf bereits eingeführte Schutzmechanismen, darunter tägliche Nutzungszeit-Limits, Warnhinweise bei längerer Nutzung und die Möglichkeit, Benachrichtigungen nachts abzuschalten. Interne Zahlen zeigten jedoch, dass nur ein sehr kleiner Teil der jugendlichen Nutzer diese Funktionen tatsächlich aktiviert hatte – etwa 1,1 Prozent nutzten das tägliche Zeitlimit.

Zuckerberg verwies zudem auf „Messenger Kids“, eine speziell für Kinder entwickelte Version des Messengerdienstes, die er nach eigenen Angaben auch mit seinen eigenen Kindern nutze.

Auf die Aussage des Klägeranwalts, dass Menschen bei Suchtverhalten typischerweise ihre Nutzung steigern, antwortete Zuckerberg: „Ich weiß nicht, was ich dazu sagen soll. Das mag stimmen, aber ich weiß nicht, ob das hier zutrifft.“

Emotionale Atmosphäre im Gerichtssaal

Unter den Zuhörern befanden sich mehrere Eltern, die ihre Kinder durch Suizid verloren haben. Eine von ihnen, Lori Schott, trug ein Abzeichen mit dem Foto ihrer Tochter Annalee, die sich mit 18 Jahren das Leben nahm.

„Diese Plattformen können sich ändern“, sagte sie vor dem Gerichtsgebäude. „Es würde nicht lange dauern, die Algorithmen so anzupassen, dass Kinder sich nicht umbringen. Ist das wirklich so schwer, Mr. Zuckerberg?“

Die Hauptklägerin K.G.M., die nach eigenen Angaben bereits mit neun Jahren Instagram nutzte, saß während der Verhandlung direkt gegenüber von Zuckerberg im Gerichtssaal.

Weitreichende Folgen möglich

Der Prozess gilt als richtungsweisend. Tausende ähnliche Klagen von Familien, Bundesstaaten und Schulbezirken sind derzeit in den USA anhängig. Neben Meta ist auch Google mit seiner Plattform YouTube beklagt. TikTok und Snapchat hatten sich kurz vor Prozessbeginn auf Vergleiche eingelassen.

Mehrere US-Bundesstaaten fordern bereits weitreichende Sofortmaßnahmen, darunter die Löschung aller bekannten Konten von unter 13-Jährigen.

Auch international wächst der politische Druck. Australien hat kürzlich Social-Media-Konten für unter 16-Jährige verboten. Großbritannien, Dänemark, Frankreich und Spanien prüfen ähnliche Schritte.

Der Prozess in Los Angeles wird voraussichtlich mehrere Wochen dauern. Neben Zuckerberg sollen auch frühere Meta-Mitarbeiter aussagen, die inzwischen öffentlich Kritik an den internen Praktiken des Unternehmens geäußert haben.

Die zentrale Frage bleibt: Haben soziale Netzwerke wie Instagram gezielt Mechanismen eingesetzt, die eine suchtähnliche Nutzung bei Kindern begünstigen – oder handelt es sich um eine Fehlinterpretation digitaler Gewohnheiten einer ganzen Generation?

Kommentar hinterlassen

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Kategorien

Ähnliche Beiträge
Allgemeines

Andrew nach Festnahme wieder auf freiem Fuß – Ermittlungen dauern an

Andrew Mountbatten-Windsor ist nach seiner Festnahme wegen des Verdachts auf Fehlverhalten im...

Allgemeines

Die chinesische KI-App, die Hollywood in Aufruhr versetzt

Ein neues KI-Modell des chinesischen Technologiekonzerns ByteDance, dem Mutterunternehmen von TikTok, sorgt...

Allgemeines

Fünf Monate auf Bewährung: Schuldspruch nach tödlicher Glockner-Tour

Rund ein Jahr nach dem Tod einer 33-jährigen Frau am Großglockner ist...

Allgemeines

Rentner aus Südwestfalen verliert Millionen durch perfiden Schockanruf

Ein Senior aus Südwestfalen ist Opfer einer besonders dreisten Betrugsmasche geworden. Telefonbetrüger...