In Nordamerika erlebt der indigene Tourismus derzeit einen Boom – mit einem besonderen Fokus auf nachhaltige Erlebnisse wie Wandern, Radfahren und Rafting auf alten Handels- und Jagdpfaden, die einst von indigenen Völkern genutzt wurden.
Ein eindrückliches Beispiel ist ein Wander- und Radweg im Südosten Nebraskas, der auf 22 Meilen entlang des Big Blue River verläuft. Der Weg folgt den historischen Pfaden eines Stammes, der im Jahr 1877 gewaltsam aus seinem angestammten Gebiet vertrieben wurde. Die Geschichte dieser Zwangsumsiedlung ist tragisch – viele verloren ihr Leben, und die Route, die sie damals gehen mussten, wurde später sogar Teil einer Eisenbahnlinie. Heute dient sie der Erinnerung, aber auch der Bewegung in der Natur.
Alte Pfade, neue Wege
Viele Wander- und Radwege in den USA führen über einstige indigene Handelsrouten, die im Laufe der Geschichte von Regierung und Bahnunternehmen in Straßen oder Schienennetze umgewandelt wurden. Doch nun beginnen viele indigene Gemeinschaften, genau diese Wege wieder in Besitz zu nehmen – durch Tourismus, Bildung und Umweltschutz.
Einige dieser Pfade werden heute in Zusammenarbeit mit gemeinnützigen Organisationen wie Rails-to-Trails Conservancy neu erschlossen. Langsamer Tourismus, also Aktivitäten wie Wandern, Radfahren oder Paddeln, steht dabei im Fokus – nicht nur für Entspannung, sondern auch als Gelegenheit zur Auseinandersetzung mit Geschichte und Kultur.
Ein 135 Meilen langer Pfad in Washington State, der Olympic Discovery Trail, wurde ursprünglich von indigenen Völkern genutzt, um Dörfer miteinander zu verbinden. Heute durchquert der Weg spektakuläre Landschaften von der Puget Sound bis zum Pazifik – mit Blick auf Gletscherseen, Regenwälder und Berge. Der Pfad verläuft auch durch das Gebiet einer Stammesregierung, vorbei an einer Galerie für indigene Kunst, einer Bibliothek mit Werken indigener Autor*innen und einem Besucherzentrum am Flussufer. Hier wird nicht nur die Landschaft bewahrt, sondern auch kulturelles Wissen vermittelt – aus Sicht der Gemeinschaft selbst.
Tourismus als Rückgewinnung von Geschichte
Auch im Bundesstaat Idaho wurde eine stillgelegte Eisenbahnstrecke in einen etwa 115 Kilometer langen Radweg umgewandelt. Ein Teil des Weges wird heute von einem Stamm betrieben, dessen angestammtes Territorium einst Millionen Hektar umfasste. Besucherinnen können hier geführte Radtouren, Wanderungen und Paddelausflüge unternehmen – stets begleitet von Expertinnen aus der Gemeinschaft, die ihre Kultur, Geschichte und Beziehung zur Natur teilen.
Obwohl es kein klassisches Kulturzentrum gibt, wurde die vorhandene Landschaft zur Bühne lebendiger Kulturvermittlung: Seen, Wälder, Wege und das eigene Reservatsgebiet werden genutzt, um Gästen tiefere Einblicke zu geben – auf respektvolle Weise und mit nachhaltiger Wirkung.
Tourismus trifft auf Flussgeschichte
Im Südwesten der USA, unweit des Grand Canyon Nationalparks, befindet sich ein touristisch erschlossenes Gebiet, das von einer indigenen Nation betrieben wird. Besucherinnen können dort auf einer gläsernen Plattform 70 Fuß über den Canyon hinaustreten – und erhalten Einblicke in Geschichte, Kultur und Sprache, vermittelt von Botschafterinnen vor Ort.
Besonders bedeutend ist jedoch der Colorado River – ein Wasserweg, der einst Dutzende indigene Gemeinschaften verband und eine zentrale Rolle in der kulturellen Identität spielt. Heute werden hier geführte Rafting-Touren und Wanderungen zu heiligen Stätten angeboten, organisiert von lokalen Flussführer*innen.
Der Fluss war lange umkämpft: Während des Goldrausches im 19. Jahrhundert wurde der Zugang durch die Regierung eingeschränkt, was zur Vertreibung vieler indigener Völker führte. Doch mit dem Erwerb neuer Schutzgebiete und dem Aufbau eigener touristischer Infrastruktur gelingt es nun, diese Räume zurückzugewinnen und neu zu beleben.
Eine Branche im Aufschwung
In Kanada setzt der indigene Tourismus jährlich rund 3,7 Milliarden kanadische Dollar um, in den USA beläuft sich das Marktvolumen auf etwa 15,7 Milliarden US-Dollar. Immer mehr indigene Gemeinschaften nutzen ihre Ressourcen – Land, Natur, Geschichte und Kultur –, um authentische und sinnstiftende Reiseerlebnisse zu ermöglichen.
Was dabei im Mittelpunkt steht: Würde, Selbstbestimmung und Perspektivwechsel. Es geht nicht nur darum, bekannte Landschaften zu bestaunen, sondern sie durch indigene Stimmen neu zu verstehen. So wird aus einem Wanderweg nicht nur ein Pfad durch die Natur – sondern auch durch eine Geschichte, die zu lange übersehen wurde.
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